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"Schule lebt nicht von Zwang"

Interview: MARTIN SPIEWAK

Es gibt keinen guten Grund, Schüler sitzen bleiben zu lassen, sagt Manfred Prenzel und plädiert für einen Mentalitätswechsel.

"Schule lebt nicht von Zwang"© Astrid Eckert & Andreas Heddergott - TU MünchenManfred Prenzel, 59, ist Bildungsforscher an der TU München
DIE ZEIT: In allen Bundesländern versucht die Bildungspolitik, das Sitzenbleiben einzuschränken oder ganz abzuschaffen. Ist das sinnvoll?

Manfred Prenzel: Ja. Die Forschungsbefunde, die belegen, dass Klassenwiederholungen wenig nützen, reichen zurück bis in die frühen siebziger Jahre. Sie zeigen, dass das Sitzenbleiben pädagogisch fragwürdig und teuer ist, schließlich muss jedes zusätzliche Schuljahr bezahlt werden.

ZEIT: Viele Eltern und Lehrer, ja selbst Schüler sehen das anders. Sie meinen, schwache Schüler erhielten eine neue Chance, wenn sie wiederholen.

Prenzel: Dieser Effekt hält oft nur kurzfristig an. Am Anfang sind die Sitzenbleiber ihren Klassen etwas voraus, am Ende des Schuljahres gleicht sich das meist jedoch wieder aus. Und ein Jahr später hinken viele dann wieder hinterher. Studien zeigen, dass Schüler mit Lernproblemen, die trotzdem versetzt werden, am Ende bessere Leistungen erzielen als Sitzenbleiber.

ZEIT: Wie ist das möglich?

Prenzel: Beim Sitzenblieben bekommt man die gleiche Behandlung ein zweites Mal verabreicht. Doch nur durch schlichtes Wiederholen werden Leistungen langfristig nicht besser. Zudem bedeutet es für Schüler eine Kränkung, aus der sozialen Gruppe ausgeschlossen zu werden.

ZEIT: Es gibt auch Sitzenbleiber, die später sagen, die Nichtversetzung habe ihnen nicht geschadet.

Prenzel: Das Argument hört man oft von prominenten Wiederholern. Von denen, für die das Sitzenbleiben der Beginn einer gescheiterten Schulkarriere war, hört man weniger.

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ZEIT: Wenn das Sitzenbleiben den betroffenen Schülern selten hilft, profitiert nicht zumindest der Rest der Klasse davon, wenn er keine Rücksicht mehr nehmen muss auf die Schwächeren?

Prenzel: Dieses Bremserargument ist besonders bei Lehrern beliebt. Sie hängen immer noch der Vorstellung an, dass Klassen in ihrer Leistung möglichst homogen sein müssen. Das hat sich aber längst als Fiktion entpuppt, auch auf Gymnasien.

ZEIT: Aber gibt es nicht Schüler, die so hinterherhinken, dass nur ein Neuanfang hilft?

Prenzel: Das hängt vom Fach ab. Nicht in allen Fächern ist der Stoff kumulativ. Beginnt man ein neues Themenfeld, kann man durchaus neu ansetzen. In anderen Fächern muss man tatsächlich Grundlagen neu aufbauen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, diese Basics auch im laufenden Unterricht zu wiederholen, etwa durch Nachhilfe.

ZEIT: Sie würden also das Sitzenbleiben abschaffen?

Prenzel: Man sollte es zumindest stark reduzieren. Ich will nicht ausschließen, dass es Schüler gibt, denen das Wiederholen einer Klassenstufe guttut. Kinder zum Beispiel, die längere Zeit krank waren. Oder Jugendliche, die starke Probleme mit ihren Eltern hatten.

ZEIT: Internationale Leistungsvergleiche wie Pisa haben gezeigt, dass andere Nationen ganz ohne Klassenwiederholungen auskommen.

Prenzel: Richtig. Heute wissen wir, dass Schulen etwa in Japan, dem Vereinigten Königreich oder Finnland das Sitzenbleiben nicht kennen und ihre Schüler deshalb nicht schlechter sind. Und noch etwas haben uns die Schulvergleiche gelehrt: Wie unterschiedlich die Bundesländer vom Sitzenbleiben Gebrauch machen. Da gibt es Länder, in denen bis zur neunten Klasse mehr als ein Viertel der Schüler wiederholen musste, und andere, bei denen die Quote bis dahin nur zehn Prozent beträgt.

ZEIT: Gibt es da bestimmte Muster?

Prenzel: Kaum. Hohe Sitzenbleiberquoten findet man an Gymnasien wie an Gesamtschulen, in traditionell SPD-regierten Ländern wie Nordrhein-Westfalen, aber auch in konservativen Regionen wie Bayern. Das spricht für die These, dass hinter dem Sitzenbleiben weniger bewusste pädagogische Rationalitäten stecken als unhinterfragte Traditionen und Mentalitäten. Anders lassen sich auch kaum die Unterschiede bei den Zurückstufungen zwischen vergleichbaren Schulen, ja zwischen einzelnen Klassen derselben Schule erklären.

ZEIT: Was raten Sie Schulen, um ihre Sitzenbleiberquote zu senken?

Prenzel: Das Umdenken setzt mit der Diagnose an. Schulen sollten prüfen, in welchen Klassen das Phänomen besonders häufig auftaucht. Zugleich sollten sie ein Frühwarnsystem aufbauen, wenn ein Schüler abzurutschen droht. Wer verhindern will, dass ein Schüler am Ende des Schuljahres nur mangelhafte Leistungen erbracht hat, muss mindestens ein halbes Jahr vorher eingreifen.

ZEIT: Der Pool für Förderstunden ist oft begrenzt.

Prenzel: Natürlich wäre es wünschenswert, gäbe es zusätzliche Lehrer für Zusatzunterricht am Nachmittag, am Wochenende oder auch in den Ferien. Dennoch kann eine Schule auch ohne Extramittel viel tun, damit Schüler nicht den Anschluss verlieren. Sie kann Nachhilfe anbieten durch Studenten oder ein Tutorensystem aufbauen, bei dem ältere Schüler jüngere unterstützen. Gerade die Ganztagsschule bietet dafür einen guten Rahmen.

ZEIT: Das passiert doch bereits.

Prenzel: Richtig. Auf kaum einem Feld hat sich in den Schulen so spürbar etwas verändert wie beim Sitzenbleiben. Seit Jahren sinkt die Zahl.

ZEIT: Weil die Lehrer Druck vonseiten der Schulverwaltung bekommen?

Prenzel: Den Druck gibt es. Schulen mit hohen Wiederholerzahlen fallen bei der Schulinspektion negativ auf. Aber ich beobachte in vielen Schulen ebenso einen Mentalitätswandel. Sie belassen es nicht bei Ermahnungen, wenn ein Sitzenbleiben droht, sondern bieten Unterstützung.

ZEIT: Hat die Lehrerausbildung darauf reagiert?

Prenzel: Bei uns in München versuchen wir den Studenten zu vermitteln, dass Schule anders sein kann, als sie es selbst erlebt haben. Wir erklären, welchen Prognosewert Noten haben, und sprechen über das Thema Selbstkonzept. Manche Leistungsschwäche beruht auf unzutreffenden Überzeugungen: Wer glaubt, dass er Physik per se nicht kann, der wird niemals gute Noten schreiben, weil er sich gar nicht vorstellen kann, dass Üben etwas bringt.

ZEIT: Mal ehrlich: Wenn den Lehrern die Klassenwiederholung genommen wird, welche Sanktion bleibt, um unwillige Schüler zu disziplinieren?

Prenzel: Sie meinen, nachdem schon der Rohrstock abgeschafft wurde? Nein, im Ernst: Schule lebt nicht von Zwang. Schüler müssen zwar scheitern lernen. Aber sie zu strafen, indem man sie zwingt, alle Fächer zu wiederholen, macht keinen Sinn.

Aus DIE ZEIT :: 29.06.2011

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