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"Secondos", kommt zu uns! Migranten willkommen!

Von Jan-Martin Wiarda

Die Universität Regensburg will zur führenden deutschen Universität für Einwanderer werden

"Secondos", kommt zu uns! Migranten willkommen!© Manuel Strehl - Wikimedia CommonsAn der Uni Regensburg werden Migranten besonders gefördert
Als Thomas Strothotte auf die Idee mit dem neuen Studienprogramm kam, merkte er gleich, dass es ein Problem gab. Wie sollte er die Zielgruppe nennen? Menschen mit Migrationshintergrund, so lautet seit ein paar Jahren ihre politisch-korrekte Bezeichnung, oder noch abschreckend-genauer: Menschen mit Migrationshintergrund in der zweiten Generation. Ohne jedes Identifikationspotenzial, befand der neue Rektor der Universität Regensburg. Irgendwann jedoch stieß er auf einen Song des Schweizer Rappers Bligg, Enkel eines italienischen Einwanderers, der sich selbst als »Secondo« bezeichnet. Und Strothotte dachte erleichtert: Das ist es.

Lange war die in den sechziger Jahren gegründete Universität Regensburg architektonisch bestenfalls als in Beton gegossene Antithese zum Weltkulturerbe der mittelalterlichen Reichsstadt bekannt; ein charmefreies Sammelsurium grauer Zweckbauten, die sich um einen zugepflasterten Innenhof gruppieren. Auch ihr akademischer Ruf: bestenfalls mittelmäßig. Hinzu kam die Randlage an der ehemaligen Grenze zum Ostblock. Die ist zwar seit 20 Jahren Geschichte, und doch hat es bis jetzt gedauert, dass die Universität angefangen hat, sich neu zu erfinden. Möglicherweise findet sie sich auch zum ersten Mal überhaupt.

Das hat ziemlich viel mit Thomas Strothotte zu tun, der vor einem Jahr in sein Amt gewählt worden ist. Neulich haben ihn die Integrationsbeauftragten von Bund und Ländern eingeladen, damit er ihnen von seinen Plänen für Regensburg erzählt. Von seinen Plänen, Regensburg, ausgerechnet Regensburg zur Universität Nummer eins in Deutschland für Einwanderer zu machen.

Wie er so dasteht in Nürnberg in seinem dunklen Anzug, mit seinem schütteren Haar und dem ordentlich gestutzten Zehntagevollbart, sieht er mal wieder aus wie der personifizierte Ruf seiner Hochschule, dem er eigentlich den Kampf angesagt hat: zweifellos anständig, aber eben auch langweilig. Sobald Strothotte jedoch zu reden beginnt, dauert es nur ein paar Sekunden, diesen Eindruck zu verwischen. Fast atemlos erzählt er dann, dass er selbst »Secondo« ist, geboren und aufgewachsen in Kanada als Kind ausgewanderter Deutscher. Dass er wisse, wie es sich anfühle, eingeklemmt zu sein zwischen der mitgebrachten Kultur der Eltern und dem Alltagsleben seiner Schulkameraden und Freunde. »Man trägt so viel mit sich herum an kulturellem Potenzial, doch allzu oft wird es zu einer Bürde, die man am liebsten loswerden möchte«, sagt Strothotte.

Egal, ob solche Sätze tatsächlich aus seinem tiefsten Inneren kommen oder ob da am Ende doch nur der gewiefte Hochschulstratege spricht - mit den »Secondos« hat der 50-jährige Informatiker einen Nerv getroffen. Allzu wenige Migranten schaffen es bislang in Deutschland überhaupt an eine Hochschule, und zu viele geben als Einzelkämpfer frustriert wieder auf. Das neue Regensburger »Secondo«-Programm mit seinen Mentoring- und Gruppenangeboten soll sie durch das Studium an einer Massenuniversität schleusen. Und noch mehr als das: Es soll aus »Menschen mit Migrationshintergrund«, die in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als irgendwie beschädigt gelten, »Menschen mit Hintergrund« machen, ein weiteres nettes Wortspiel, das sie sich da ausgedacht haben. Gemeint ist, dass die Angesprochenen mit ihrem Zugang zu zwei Kulturen eine Stärke haben, die sie auf einem globalen Arbeitsmarkt umso begehrter machen kann.


Das Konzept ist schnell erklärt: Die Teilnehmer können sich in jedem beliebigen Studienfach einschreiben, parallel zum normalen Programm erhalten sie spezielle Landeskunde- und Sprachkurse, im Mittelpunkt stehen das Lesen und Schreiben in der Muttersprache. »Den meisten 'Secondos' geht es wie mir in Kanada«, sagt Strothotte. »Ich konnte fehlerfrei deutsch reden, doch das Schriftdeutsch war mir fremd.« Im zweiten Studienjahr setzen die Studenten ihr Studium im Heimatland ihrer Eltern oder Großeltern fort und bekommen ein Praktikum in einem Unternehmen vermittelt. Für das letzte Jahr kehren sie nach Deutschland zurück und erhalten neben dem deutschen Bachelorabschluss auch den Abschluss der Regensburger Partneruniversität.

Derzeit gibt es Abkommen mit einer rumänischen und einer ungarischen Hochschule, mittelfristig sollen Kroatien, Polen, die Ukraine und Russland hinzukommen. Die Ausrichtung gen Osten ist kein Zufall. Die Universität Regensburg hatte den Ostund Südosteuropaschwerpunkt schon als Teil ihres Gründungsauftrags. Vor wenigen Jahren siedelte sich in der Nachbarschaft dann auch noch ein aus vier Instituten bestehendes, forschungsstarkes Wissenschaftszentrum Ost- und Südosteuropa an. So hilft »Secondos« nicht nur den Studenten, sondern auch der Universität selbst, ihre verborgenen Stärken auszuspielen. Womöglich war es genau aus diesem Grund so einfach für den Neuankömmling Strothotte, die Regensburger Professorenkollegen von seiner Idee zu begeistern - so sehr, dass die größte Kritik an dem Programm eigentlich gar keine ist: Beim Wort »Secondos«, sagt die Romanistin und Prorektorin Ingrid Neumann-Neuschuh, müsse sie sich ein bisschen schütteln, »so ein Wort gibt es nämlich gar nicht, in keiner einzigen romanischen Sprache«.

Aber es ist halt eine so griffige Bezeichnung. Und weil das so ist, hat Strothotte bei einem weiteren Migrantenprojekt gleich wieder die Wortsuchmaschine angeworfen. »Primeros« heißt dieses andere Programm, das er neulich den Integrationsbeauftragten vorgestellt hat. Es richtet sich an Einwanderer der ersten Generation - und zwar an solche, die bereits einen Hochschulabschluss mitgebracht haben. Zu oft erlebten sie in der Vergangenheit, dass ihre Zeugnisse in Deutschland nichts wert waren. »Die deutschen Arbeitgeber sind auf den deutschen Mainstream an Absolventen eingestellt und richten ihre Arbeitsplatzanforderungen danach aus«, sagt Strothotte. So endeten etwa afrikanische Ärzte nicht selten als Gebäudereiniger oder Betriebswirte aus Südamerika als Paketboten. »Bei uns sollen die ausländischen Akademiker in einem Jahr so weit gebracht werden, dass sie auch de facto einstellbar sind.« Nach nur zwei Semestern erhalten die Studenten entsprechend ihrer Qualifikation einen Bachelor- oder Mastergrad. Neben der erstmals verlässlichen Anerkennung vorhandener Fähigkeiten bietet das Programm Mentoring, Arbeitsmarktberatung und ein Kursangebot namens »Fit für Deutschland«, das aus Sprach- und Kultureinheiten besteht. So passt »Primeros« perfekt zu der jüngst vorgestellten Initiative der Bundesregierung, die Anerkennung ausländischer Studienund Berufsabschlüsse endlich erleichtern zu wollen. So perfekt, dass die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Maria Böhmer, die Initiativen Strothottes bereits in höchsten Tönen lobt: Die Universität Regensburg habe die Zeichen der Zeit erkannt, »wer einen Studienabschluss vorweisen kann, in mehreren Sprachen zu Hause ist und über interkulturelle Kompetenzen verfügt, hat einen großen Vorteil beim Start in den Beruf«.


Einen Schönheitsfehler aber hat die Regensburger Migranteninitiative - zumindest vorerst. Im ersten Jahr haben sich gerade mal elf »Secondos« gefunden - 11 von gut 17 000 Studenten, und das, obwohl die Universität das Programm, offiziell um niemanden zu diskriminieren, sogar für Nichtmigranten geöffnet hat. Strothotte spricht von den »typischen Anlaufproblemen«; die »ungeheuren Chancen, persönlich und für ihre künftigen Karrieren«, die sich hier für die Teilnehmer eröffneten, müssten halt erst mal bekannt gemacht werden. Wie schwierig das Werben für seine Ideen ist, weiß keiner besser als der Rektor, der sich in den vergangenen Monaten hauptsächlich in der Berichterstattung zum Bildungsstreik wiederfand, mit einer wochenlangen Hörsaalbesetzung, die erst zu Jahresanfang mit einem von Strothotte ausgehandelten Kompromiss zu Ende ging.

Die eingeschworenen »Secondos« sind sich indes sicher, dass der Run auf ihr Programm noch kommen wird. Alle vier Wochen treffen sie sich mit ihrer Mentorin Lisa Unger-Fischer, hin und wieder spendiert die Uni sogar Brez'n und eine Maß Bier für jeden. Dann hocken sie um einen der unscheinbaren Konferenztische in einem der Uni-Seminarräume und diskutieren darüber, was sie denn nun sind: Deutsche mit ausländischen Vorfahren, Deutsche, deren Vorfahren wie bei den Banater Schwaben über Jahrhunderte im Ausland gelebt haben, oder doch eher Polen, Rumänen, Kroaten. »So richtig habe ich meine Herkunft selbst nie verstanden«, sagt jemand. Plötzlich ist das mit den zusätzlichen Karrierechancen nur noch Nebensache. Christian Curac, 26, der mit seinen Eltern als Siebenjähriger aus Rumänien eingewandert ist, sagt: »Jeder geht mit seiner besonderen Herkunft anders um. Aber jeder muss mit ihr umgehen. Auch wenn wir uns zum ersten Mal hier getroffen haben, so haben wir zumindest diese eine Gemeinsamkeit.«

Aus DIE ZEIT :: 04.02.2010

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