Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

"Sie führen Studenten in die Irre" - Hochschulrankings

Das Gespräch führte Martin Spiewak

Hochschulrankings bildeten die Realität an den Universitäten nur unzureichend ab, kritisiert der Historikerverband. Ein Streitgespräch zwischen einem Geschichtsprofessor und dem Chef-Evaluierer.

"Sie führen Studenten in die Irre" - Hochschulrankings© Thomas KunschFrank Ziegele leitet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)
DIE ZEIT: Der Wettbewerb in der Wissenschaft hat sich verschärft. Auch Rankings bestimmen die Hochschuldebatte. Gleichzeitig wächst die Kritik an den Leistungsvergleichen. Der Historikerverband hat beschlossen, weder am Forschungsrating des Wissenschaftsrates noch am Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) teilzunehmen. Scheuen die deutschen Geschichtswissenschaften den Wettbewerb?

WERNER PLUMPE: Ganz im Gegenteil. Die historischen Fakultäten stehen seit vielen Jahrzehnten in einem offenen wissenschaftlichen Wettbewerb untereinander. Auch verstecken die Geschichtswissenschaften ihre Leistungen nicht. Sie sind weltweit anerkannt und in der deutschen Öffentlichkeit präsent - etwa durch Ausstellungen, Debatten, Bücher. Gerade der alle zwei Jahre vom Historikerverband veranstaltete Deutsche Historikertag mit über 3000 Teilnehmern stößt auf reges öffentliches Interesse. Uns stellt sich daher die Frage nach dem Nutzen der Rankings - zumal die wissenschaftliche Öffentlichkeit die feinen Unterschiede der einzelnen Forscher recht gut ausmachen kann.

FRANK ZIEGELE: Das ist aber ein elitäres Verständnis, mit dem Sie die Forschungsbewertung nur einem engen Zirkel von Insidern zugänglich machen. Unser Ranking richtet sich dagegen an mehrere Gruppen. Zum einen geben wir Abiturienten ein Instrument an die Hand, um die Studienangebote der Universitäten anhand verschiedener Kriterien zu vergleichen. Zudem helfen wir der Politik und den Hochschulleitungen, rationale Entscheidungen zu treffen, die auf Daten basieren und nicht auf subjektiven Einschätzungen.

PLUMPE: Ein Leitfaden für Studierende ist an sich sinnvoll, aber Sie erzeugen keinen Leitfaden, sondern eine Art Bundesligatabelle, die die Studenten irreführt. Sie hat mit der Realität wenig zu tun. Die meisten Studenten - ich vermute, neunzig Prozent - wählen ihren Studienplatz nach ganz anderen Kriterien aus, nach dem Wohnort und danach, was Eltern und Freunde empfehlen. Im Übrigen: Wenn Sie mit der Unterstellung, Studenten benötigten derartige Rankings für ihre Entscheidung, recht hätten, müsste sich das ja dadurch zeigen lassen, dass sich die Masse der Studenten an Ihren Spitzenuniversitäten einschriebe. Davon kann überhaupt keine Rede sein.

ZIEGELE: Eine Bundesligatabelle produziert unser Ranking gerade nicht. Wir sagen niemals, welche die beste Universität ist, um Geschichte oder Germanistik zu studieren. Die Abiturienten sollen selbst entscheiden, was ihnen im Studium wichtig ist. Jemand, der später promovieren möchte, wird eventuell eine andere Universität wählen als jemand, der nach dem Examen einen Job sucht. Im Übrigen unterschätzen Sie die Bedeutung von Rankings: Universitäten in Ostdeutschland mit hervorragenden Bedingungen haben zum Teil einen erheblichen Zustrom nach guten Ranking-Ergebnissen.

PLUMPE: Ihr Ranking hat aber mit der Wirklichkeit der Universität nichts zu tun. Sie dokumentieren Ihre eigenen Vorannahmen und geben sie als solide aus. Dadurch wird ein Schein der Unterschiedlichkeit erzeugt.

ZIEGELE: Die Indikatoren basieren nicht auf unseren Annahmen, sondern werden von Wissenschaftlern in Fachbeiräten mit ausgesucht. Die Relevanz der Indikatoren ist also getestet. Und dass Unterschiede sichtbar werden, bringt der Wettbewerb mit sich. Oder wollen Sie bestreiten, dass es Leistungsunterschiede zwischen den Fachbereichen verschiedener Universitäten gibt?


"Sie führen Studenten in die Irre" - Hochschulrankings© Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt Prof. Dr. Werner Plumpe lehrt Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Frankfurt und ist Vorsitzender des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
PLUMPE: Keineswegs. Die Unterschiede hat es immer gegeben. In der Regel sind sie verbunden mit dem Namen renommierter Forscher und mit großen Forschungs- und Lehrleistungen. Das wechselt aber häufig aufgrund der hohen Mobilität von Professoren. Die Transparenz ist also auch ohne Rankings gegeben.

ZIEGELE: Der Mehrwert von guten Rankings und Ratings ist gerade, dass sie nicht allein die Reputation einer Universität abbilden. Sie zeigen vielmehr ein sehr detailliertes Profil der Fachbereiche, indem sie nach verschiedenen Leistungskriterien fragen. Insgesamt messen wir pro Studiengang bis zu 34 Kategorien in Forschung und Lehre. Und da sehen wir mitunter systematische Differenzen zwischen dem Ruf einer Hochschule und ihren tatsächlichen Leistungen. Klassisches Beispiel ist die Universität Bremen, die lange als wissenschaftlich zweitrangig galt. Dass dieses Image nicht mehr stimmt, konnten wir mit unseren Daten zeigen.

PLUMPE: Das ändert sich doch alles laufend. Mit Rankings werden Sie der Vielfalt der Hochschullandschaft nicht gerecht, sondern befriedigen bestenfalls einfache Gemüter. Eine gute Lehre können Sie ohnehin nicht erfassen, hierzu bedarf es eines mehrschichtigen, qualitativen Evaluierungsprozesses und nicht dreier Kreuzchen auf einem Fragebogen.

ZIEGELE: Das Ranking zeigt zudem, ob die Studenten gut betreut werden, ob sie wichtige Bücher in der Bibliothek finden, ob sie im Studium das Gelernte mit der Praxis verbinden können ...

PLUMPE: ... das meinen Sie doch nicht ernst. Das »Wohlfühlgefühl« sagt doch nichts aus. Schaut man darauf, wo die Studenten in der Masse wirklich hingehen, hat das mit Ihrem Wohlfühlfaktor nichts zu tun.

ZIEGELE: Ich finde es richtig, den Studierenden eine Stimme zu geben. Zudem misst das Ranking ja auch objektive Kriterien, zum Beispiel Drittmittel. Wie viele Forschungsgelder eine Fakultät einwirbt, ist ein recht valides Kriterium.

PLUMPE: Das möchte ich so generell bezweifeln. Dieses ganze Geldzählen hat mit Forschungsstärke nur sehr bedingt etwas zu tun. Welche Forschungsergebnisse mit welcher Qualität aus Drittmittelprojekten entstehen, bekommen Sie nicht heraus. Zudem: Bei Drittmittelvergaben werden nicht immer ausgezeichnete Forscher prämiert, sondern solche, die erfolgreiche Anträge stellen.

ZIEGELE: Dazu zweierlei: Erstens entscheiden über diese Forschungsanträge keine Bürokraten, sondern Professoren, die etwas von ihrem Fach verstehen. Die von Ihnen hochgehaltenen Prinzipien kommen also genau hier zum Tragen. Zweitens misst das Ranking nicht nur Drittmittel, sondern ebenso die Produkte der Forschung, also in Ihrem Fach die Publikationen.

PLUMPE: Da wird es haarig. Denn Sie erfassen die Veröffentlichungen nur quantitativ. Konkret vergeben Sie Punkte nach Seitenzahlen. Ob die Veröffentlichungen die Forschung voranbringen, das bekommt man mit solch einer Methode nicht heraus. Im Gegenteil gibt es Kollegen, die veröffentlichen eher wenig und sind dennoch unentbehrlich. Anders als in den Naturwissenschaften können wir in den Geisteswissenschaften auch nicht sagen, wie häufig ein Wissenschaftler von anderen Kollegen zitiert wird, um so Rückschlüsse auf die Qualität der Publikation zu ziehen.

ZIEGELE: Das stimmt, auf einen sogenannten citation index können wir in den Geschichtswissenschaften nicht zurückgreifen. Aber neben der Forschungsaktivität geben unsere Daten sehr wohl Hinweise auf die Güte der Publikationen. Denn viele Beiträge in Zeitschriften, die wir auswerten, werden von Kollegen begutachtet, bevor sie angenommen werden. Sie durchlaufen also, ähnlich wie die Drittmittel, eine Qualitätsprüfung.

PLUMPE: Sie lesen die gemeldeten Publikationen aber nicht auf ihre Qualität hin, sondern gewichten sie lediglich nach ihrem Umfang. Sie vertreten eine Art Tonnenideologie.

ZIEGELE: Sie mögen dieses Kriterium belächeln. Aber anders als bei Physikern oder Wirtschaftswissenschaftlern spielt etwa bei Historikern das große Buch immer noch eine überragende Rolle. Deshalb schlägt die Monografie mit vielen Seiten bei uns stärker zu Buche als der kleine Fachbeitrag. Wir versuchen mit diesem Indikator also gerade den Geisteswissenschaften entgegenzukommen.


PLUMPE: Dünne Bücher sind doch nicht schlechter als dicke! Sie sollten sich bei derart fadenscheinigen Bewertungsgrundlagen nicht wundern, wenn die deutschen Historiker immer weniger Lust haben, bei Ihrem Ranking mitzumachen.

ZIEGELE: Im Gegenteil, etwa 90 Prozent der geisteswissenschaftlichen Fachbereiche nehmen an unserem Ranking teil. Diese breite Akzeptanz liegt auch daran, dass wir unsere Erhebungsmethoden ständig weiterentwickeln und den Wünschen der jeweiligen Disziplin anpassen.

PLUMPE: Na ja: Bei den Historikern sind es doch deutlich weniger. Egal, an welchen Schrauben Sie drehen, das grundsätzliche Problem von Rankings lösen Sie nicht: Sie versuchen, in Zahlen zu messen, was sich nicht in Zahlen messen lässt, ohne dass es zu schiefen Ergebnissen kommt. Ganz deutlich wird das bei der Zahl der Promotionen, die Sie ja ebenso zum Vergleich heranziehen. Wenn die Universitäten die Standards sehr hoch ansetzen, dann gehen die Promotionszahlen automatisch nach unten, und man verliert im Ranking. Lässt man jeden durch, steigt man im Ranking, aber die Qualität leidet. Gute Ranking-Ergebnisse nach Ihrer Logik belohnen Masse statt Klasse.

ZIEGELE: Kein Indikator bildet für sich allein die Realität ab. Deshalb setzt sich unser Bild ja aus verschiedenen Facetten zusammen. Wenn ein Fachbereich also besonders den wissenschaftlichen Nachwuchs anzieht, er gleichzeitig eine Menge Forschungsgelder akquiriert und seine Wissenschaftler überdurchschnittlich viel veröffentlichen, dann sagt das etwas über die Forschungsstärke dieses Fachbereiches aus.

PLUMPE: Aber Sie erzeugen nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer, die Sanktionen fürchten müssen. Manche Hochschulpräsidenten glauben, dass sie mit den CHE-Daten ihren Professoren Feuer unter dem Hintern machen können.

ZIEGELE: Ich kann Ihnen Dutzende Beispiele aufzählen, in denen Universitätspräsidenten auf schwache Ranking-Ergebnisse mit Investitionsprogrammen für eine Graduiertenschule, neuen Professuren oder mehr Forschungsmitteln reagiert haben. In ande ren Fällen wurde Geld abgezogen. Das bringt die Profilierung mit sich. Dafür brauchen Hochschulleitungen oder Politiker aber Informationen, damit sie nicht allein aus dem Bauch heraus entscheiden.

ZEIT: Welche Art von Leistungsvergleich schwebt den Historikern denn vor?

PLUMPE: Die bewährte dezentrale Bewertung von Forschung und Lehre ist etwas, was wir uns in Deutschland nicht kaputt machen lassen sollten durch Pseudorankings.

ZIEGELE: »Dezentrale Bewertung« heißt viel zu oft »gar keine Bewertung«. Rankings müssen die klassischen Methoden ergänzen. Das sind Sie den Studenten und der Öffentlichkeit schuldig, die Wissenschaft mit Steuermitteln finanziert. Allein zu sagen: Wir wissen selbst, was richtig ist, wollen jetzt mehr Geld, machen bei Leistungsvergleichen aber nicht mit, das bleibt für mich ein Widerspruch.

PLUMPE: Das ist doch ein Popanz, den Sie aufbauen. Sie unterstellen ja, wenn wir Ihr Ranking ablehnen, wollten wir uns der Forschungsbewertung entziehen. Das ist nicht richtig. Wir lehnen nur Dinge ab, die niemand, der ein funktionierendes Hochschulsystem will, unterstützen kann.

Aus DIE ZEIT :: 15.04.2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote