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»So kleinlich kann Gott nicht sein«

von Arnfrid Schenk und Martin Spiewak

Mouhanad Khorchide bildet an der Uni Münster Lehrer für den islamischen Religionsunterricht aus. Ein Gespräch.

»So kleinlich kann Gott nicht sein«© Peter Grewer - Uni MünsterProf. Dr. Mouhanad Khorchide will den Islam weiterentwickeln
DIE ZEIT: Professor Khorchide, essen Sie ab und zu Gummibärchen?

Mouhanad Khorchide: Gerne und mit gutem Gewissen. Sie fragen wegen der Gelatine, in der Reste vom Knochenmark von Schweinen verarbeitet sind?

ZEIT: Viele Muslime halten den Verzehr von Gelatine deshalb für eine Sünde.

Khorchide: Es gilt hier die islamische Formel: Wenn sich die Eigenschaften eines Stoffes so verändern, dass er nicht mehr zu erkennen ist, ist es nicht mehr derselbe Stoff. Das Problem vieler Muslime ist, dass sie schlecht über die islamische Lehre informiert sind. Abgesehen davon, reduzieren viele den Islam auf rechtliche Regelungen, anstatt sich auf zentrale Dinge wie Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit zu konzentrieren.

ZEIT: Islamische Rechtsgelehrte scheinen Ihnen ein Dorn im Auge zu sein, in Ihrem neuen Buch über die Scharia bezeichnen Sie sie als Götter, die es nicht geben dürfte.

Khorchide: Ich habe nichts gegen die Rechtsgelehrten. Ich habe etwas dagegen, dass wir Muslime ihre Aussagen unhinterfragt als göttliche Wahrheit für alle Zeiten übernehmen. Dabei haben auch sie nur den Koran interpretiert. Wir haben aus ihnen Götter gemacht.

ZEIT: Warum ist es so gekommen?

Khorchide: In der muslimischen Welt herrscht seit dem 9. Jahrhundert ein restriktiver Geist. Wir hinterfragen kaum. Wir vertrauen der Vernunft nicht mehr als normgebender Quelle, und wenn heute ein Muslim dies tut, wird er schnell zum Häretiker erklärt. Die politischen Herrscher haben seit den Anfängen des Islams das Bild eines Gottes konstruiert, dem Gehorsam über alles geht, um einen Geist der Unterwerfung zu etablieren.

ZEIT: Sie sagen, die Scharia stehe im Widerspruch zum Islam. Ist sie nicht wesentlicher Teil des Islams und regelt das Leben der Muslime bis ins Detail?

Khorchide: Ich will mit diesem Klischee aufräumen. Nur wenn man die Scharia als juristisches Werk versteht, steht sie im Widerspruch zum Islam, denn dann schiebt sich der Rechtsgelehrte mit seinen Interpretationen des Korans zwischen Gott und den Menschen und verhindert die direkte, persönliche Beziehung zu Gott. Der Prophet Mohammed sagte: »Frag dein Herz, egal, was sie dir an religiösen Rechtsgutachten geben.«

Mouhanad Khorchide

1971 wurde Khorchide als Sohn palästinensischer Flüchtlinge im Libanon geboren. Er ist in Saudi-Arabien aufgewachsen, hat in Beirut Theologie studiert und ging für die Promotion in Soziologie nach Wien.

Seit 2010 ist er Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien der Uni Münster. Khorchide ist einer der führenden islamischen Theologen in Deutschland.
ZEIT: Und wie verstehen Sie die Scharia?

Khorchide: Scharia bedeutet: der Weg zu Gott. Das ist der Weg des Herzens. Es geht um Prinzipien wie Gerechtigkeit, es geht um innere Läuterung, nicht um einzelne Gesetze, kleinliche Vorschriften. Gott darf nicht auf einen Richtergott reduziert werden.

ZEIT: Was sagen Ihre Studenten zu dieser Lesart?

Khorchide: Die junge Generation von Muslimen nimmt ihre Religion ernster als die Elterngeneration. Sie wollen verstehen. Sie hinterfragen. Daher bekomme ich viel Zustimmung. Dieses Jahr haben sich bei uns an der Uni Münster schon über 700 Studenten auf die 150 Studienplätze beworben, und die Anmeldefrist ist noch nicht einmal um.

ZEIT: Ist Ihre Sicht manchen nicht zu weit entfernt von dem, was sie bisher kannten?

Khorchide: Es sind nur wenige, die auf dem Vorhandenen beharren. Die meisten begreifen, dass ich den Islam weiterentwickeln will.

ZEIT: Sie würden den Islam gerne befreien von dem herkömmlichen Scharia-Verständnis?

Khorchide: Man muss sich lösen von dem Gedanken, der islamische Gott sei ein angstmachender Gott, der nur dann zufrieden ist, wenn ich Gesetze den Buchstaben nach erfülle; es geht ihm um die Absicht dahinter. Gerade 80 von den 6.236 Versen im Koran sprechen juristische Belange bezüglich der Gesellschaftsordnung an. Der Islam ist keine Gesetzesreligion.

ZEIT: Was ist mit dem Strafrecht, Erbrecht?

Khorchide: Was wir heute als islamisches Recht bezeichnen, ist nicht göttlich, das ist von damaligen Rechtsgelehrten entwickelt, die im Geist ihrer Zeit gedacht haben. Auch im Koran vorkommende juristische Aussagen, dass Dieben die Hand abzuhacken sei oder dass Frauen nur halb so viel erbten wie ein Mann, müssen in ihrem historischen Kontext gelesen werden. Nicht solche juristischen Maßnahmen machen die Scharia aus, sondern die Prinzipien dahinter wie Gerechtigkeit. Versteht man sie so, wäre es auch kein Problem, die Scharia mit unseren Menschenrechten zu vereinbaren.

ZEIT: Machen Sie es sich nicht zu einfach mit diesem, sagen wir es zugespitzt, Wohlfühl-Islam?

Khorchide: Umgekehrt: Die Orthodoxen und die Salafisten machen es sich leicht. Salafisten können den Islam in 30 Sekunden auf YouTube zusammenfassen. Die sagen: Fünfmal am Tag beten, fasten, pilgern, kein Alkohol, und das Paradies wartet. Orthodoxe Lehrbücher erklären ausführlichst, wie man die Finger beim Gebet halten soll, damit man gottgefällig ist. So kleinlich kann Gott nicht sein. Ich sage: Es geht nicht um die Fassade, es geht um den Kern, um das Innere des Menschen. Als guter Muslim muss ich mir mein Leben lang einen Spiegel vorhalten, ob ich mich aufrichtig verhalte. Der Weg zu einer reinen Seele ist länger und mühsamer, als sich an Äußerlichkeiten zu halten.

ZEIT: Sehen Sie sich eigentlich in der Rolle eines Wissenschaftlers oder eines Predigers?

Khorchide: Ich sehe mich in erster Linie als Wissenschaftler. Aber nicht nur: Ich möchte auch dazu beitragen, dass Muslime lernen, ihren Glauben zu reflektieren. Ich würde mich aber nie als Aufklärer oder Reformer bezeichnen.

ZEIT: Wir hören eine gewisse Mission heraus?

Khorchide: Das wäre zu viel gesagt, aber die Professur für islamische Theologie ist nicht nur ein Beruf für mich, es ist eine Berufung. Vielleicht haben auch deshalb einige Muslime Probleme mit mir.

ZEIT: Wen meinen Sie?

Khorchide: Diejenigen, die in Deutschland die Deutungshoheit über den Islam für sich beanspruchen.

ZEIT: Die muslimischen Verbände?

Khorchide: Ich werde hier keine Namen nennen. Man muss nur wissen, dass einige, die meinen, im Sinne der Muslime zu handeln, lediglich die Interessen ihrer Gruppen oder Ideologien vertreten.

ZEIT: Nach Ihrem letzten Buch, in dem Sie eine neue Lesart des Korans forderten, wurden Sie von drei Funktionären muslimischer Verbände zur »Reue« aufgerufen.

Khorchide: Es ist peinlich und unislamisch, jemandem zu unterstellen, er sei abgefallen von seiner Religion, nur anhand von Gerüchten und Interviewausschnitten, ohne sich vorher zu vergewissern.

ZEIT: Der konkrete Vorwurf lautete, Sie würden behaupten, jeder, der Gutes tue, sei ein Muslim, auch wenn er nicht an Gott glaube.

Khorchide: Ich habe nie gesagt, dass der Glaube an Gott obsolet ist.

ZEIT: Haben Sie keine Sorge, dass von Ihnen ausgebildete Lehrer für den Religionsunterricht von vielen Eltern und islamischen Gemeinden nicht akzeptiert werden?

Khorchide: Für die Eltern ist es wichtig, dass sie sich mit dem identifizieren können, was ihr Kind von der Schule mit nach Hause bringt. Und das können sie. Ich verkünde hier ja keine Irrlehren.

ZEIT: Der Islam kennt keine Strukturen wie die Kirche. Um mit dem Islamunterricht und der Ausbildung der Lehrer beginnen zu können, wurde ein Beirat gegründet. In dem sitzen auch Vertreter der muslimischen Verbände. Die haben eine Lehrerlaubnis nach dem Vorbild der katholischen Kirche eingeführt. Wie finden Sie das?

Khorchide: Ich würde diese Lehrerlaubnis am liebsten abschaffen, eine amtliche Beurteilung, ob jemand religiös genug ist, gibt es nicht im Islam. Aber die Verbände wollten es so. Die Lehrerlaubnis verleiht ihnen mehr Mitspracherecht, mehr Macht. Ich halte eine Selbstverpflichtung für sinnvoller, in der steht, dass man ein Leben nach islamischen Maßstäben führt.

ZEIT: Hat sich denn das Beiratsmodell insgesamt bewährt?

Khorchide: Es ist ja als Übergangslösung gedacht. Danach sollen allein die Verbände das Sagen haben, was Lehrinhalte in den Schulen angeht. Das ist aber noch etwas zu früh.

ZEIT: Warum?

Khorchide: Die Verbandsfunktionäre waren bisher nicht mit inhaltlichen Fragestellungen konfrontiert. Sie wären damit überfordert, weil sie die theologischen Kompetenzen dafür nicht besitzen. Ich würde mir wünschen, dass Absolventen der neuen theologischen Studiengänge einmal diese Verbände bereichern.

ZEIT: Könnten es noch mehr Absolventen sein, wenn es kein Kopftuchverbot an den Schulen geben würde?

Khorchide: Ja, sicher. Ich hoffe, dass sich bis 2017, wenn unsere Absolventinnen in die Schulen gehen, etwas getan hat. Für mich gehört es zur Religionsfreiheit, dass man das Kopftuch in Schulen tragen darf. Auch außerhalb des Islamunterrichts.

ZEIT: Was genau könnte sich tun? Glauben Sie, dass das Kopftuchverbot für Lehrerinnen aufgehoben wird?

Khorchide: Man kann nach Kompromissen suchen. Denkbar wäre eine Selbstverpflichtung, in der die Lehrerin bestätigt, dass das Tuch eine rein private Sache ist und sie die Schülerinnen in keiner Weise beeinflussen wird, es ebenfalls zu tragen.

Mouhanad Khorchide: »Scharia - der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik« (Herder Verlag).

Aus DIE ZEIT :: 02.10.2013

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