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"Studiengebühren sind gerecht"

Die Fragen stellte THOMAS KERSTAN

Die Hochschulen brauchen mehr Geld. Wer soll das bezahlen? Ein Gespräch mit dem OECD-Bildungsexperten Andreas Schleicher.

"Studiengebühren sind gerecht"© milacroft - 123rf.comDer internationale Vergleich zeigt: Studiengebühren senken nicht zwangsläufig die Chancengerechtigkeit
DIE ZEIT: Herr Schleicher, wie passt das zusammen: Als internationaler Koordinator der Pisa-Studie kritisieren Sie regelmäßig das deutsche Schulsystem als sozial ungerecht. Andererseits plädieren Sie für Studiengebühren.

Andreas Schleicher: Das sind doch zwei Seiten einer Medaille: Ein gerechtes Schulsystem ist Voraussetzung, um die Talente aus allen sozialen Schichten zu nutzen und zu entwickeln, und damit die Basis eines erfolgreichen Hochschulsystems. Eine nachhaltige Finanzierung ist wiederum Voraussetzung, um vielen jungen Menschen ein hochwertiges Studium anzubieten. Dabei ist es nur gerecht, die Nutznießer eines Studiums in angemessener Weise an der Finanzierung zu beteiligen: den Staat, der mehr Steuern einnimmt, die Wirtschaft, die produktiver arbeitet, und die Studierenden, die später höhere Gehälter bekommen.

ZEIT: Aber braucht man dazu Studiengebühren?

Schleicher: Nicht unbedingt, aber die Alternative wären höhere Steuern. Sie haben doch nur zwei Möglichkeiten: Sie können das Studium über öffentliche Investitionen finanzieren. Das funktioniert in den Staaten Nordeuropas, weil die Kosten dort über eine sehr starke Steuerprogression wieder eingefangen werden. Die Leistungsträger mit gutem Bildungsabschluss bezahlen dort das Studium der nächsten Generation. Die andere Möglichkeit ist, das Studium über Studiengebühren zu finanzieren, dann bezahlt der Einzelne für sein eigenes Studium. Das funktioniert dort gut, wo der Staat gute Stipendiensysteme anbietet, wie etwa in Australien oder England. Für Staaten wie Deutschland, wo der Staat selber nicht ausreichend investiert, gleichzeitig aber Studiengebühren verhindert, bedeutet das letztlich, weniger jungen Menschen ein schlechteres Studium anzubieten. Am Ende zahlen dann die Facharbeiter für das Studium der Kinder reicher Eltern.

ZEIT: Hierzulande gilt kostenlose Bildung aber als Bringpflicht des Staates.

Schleicher: Die Diskussion steht doch auf dem Kopf. Für den Kindergarten, in dem die Weichen gestellt werden, wird ja Geld bezahlt. Aber ausgerechnet die Hochschulbildung, von der der Einzelne besonders stark profitiert, soll umsonst sein.

ZEIT: Nun ist gerade der Versuch gescheitert, Studiengebühren zu erheben. Bayern und Niedersachsen, die letzten Gebührenländer, schaffen sie wieder ab. Ihr Vorschlag ist doch politisch unrealistisch.

Schleicher: Dass es Nachbarländern wie Großbritannien in den letzten Jahren gelungen ist, durch ein effizientes und gerechtes System von Studiengebühren Raum für enorm gesteigerte Bildungsinvestitionen zu schaffen, zeigt, dass der Ansatz durchaus realistisch ist.

"Studiengebühren sind gerecht" © ZEIT-Grafik Finanzierung öffentlicher Hochschulen im Jahr 2012
ZEIT: Warum ist er in Deutschland gescheitert?

Schleicher: Das lag an der dilettantischen Umsetzung. Die geringen Gebühren haben den Universitäten wenig gebracht und nicht die entscheidenden Qualitätsverbesserungen erzielt, um Studierende und Bildungsanbieter zu überzeugen. Sie haben die Studierenden auch deswegen gegen sich aufgebracht, weil der Gebührenansatz nicht ausreichend sozial abgefedert war. Am Ende gab es keine Gewinner, nur Verlierer.

ZEIT: Wie wollen Sie verhindern, dass sozial schwache Abiturienten durch Gebühren vom Studium abgeschreckt werden?

Schleicher: Zunächst einmal liegen die Chancen von Kindern sozial schwacher Eltern in Deutschland, also ohne Studiengebühren, ein Hochschulstudium zu beginnen, deutlich niedriger als etwa in Großbritannien - mit relativ hohen Studiengebühren. Ein kostenfreies Studium bietet also keinerlei Garantie für Chancengerechtigkeit. Auch im internationalen Vergleich lässt sich kein Zusammenhang zwischen privat finanziertem Studienanteil und sozialer Bildungsmobilität feststellen. Entscheidend für den Erfolg ist der Ansatz bei den Studiengebühren.

ZEIT: Wie muss der sein?

Schleicher: Zwei Faktoren sind maßgeblich für den Erfolg: Man braucht Bildungsdarlehen, die erst dann zurückgezahlt werden, wenn das spätere Einkommen einen angemessenen Schwellenwert überschreitet. Damit wird das Risiko entschärft, dass sich ein Studium eventuell nicht auszahlt. Und es sind nach sozialen Kriterien gestaltete Stipendiensysteme nötig, die talentierte junge Menschen aus sozial benachteiligten Umfeldern motivieren, ein Studium zu beginnen.

ZEIT: Wir haben in Deutschland schon viel mehr Studenten als früher. Welchen Grund sollte es geben, ihre Zahl noch zu steigern?

Schleicher: Hätten wir diese Diskussion vor 100 Jahren geführt, hätten Sie mich vielleicht gefragt, warum denn mehr als die Hälfte der jungen Menschen einen Sekundarschulabschluss brauchen. In der heutigen Arbeitswelt ist ein sogenannter Tertiärabschluss - ob das nun eine akademische oder berufliche Ausbildung ist - die entscheidende Voraussetzung für späteren Erfolg. Ein Hochschulabsolvent verdient im Arbeitsleben durchschnittlich 74 Prozent mehr als jemand mit Sekundarabschluss, ein Absolvent einer tertiären beruflichen Ausbildung immer noch 32 Prozent mehr. Es gibt kein Land in Europa, in dem der relative Einkommensvorteil von Hochschulabsolventen in den letzten zehn Jahren so stark gestiegen ist wie in Deutschland, nämlich um über 20 Prozentpunkte. Das unterstreicht die dramatische Verknappung bei den Spitzenqualifikationen. Diejenigen, die sich gegen ein Hochschulstudium aussprechen, reden dabei im Übrigen meist über die Kinder anderer Eltern.

ZEIT: Sind angesichts der Schuldenbremse höhere Bildungsausgaben nicht unrealistisch?

Schleicher: Wenn Sie eine Aktie kaufen, fragen Sie nicht nach dem Preis der Aktie, sondern nach ihrem Ertrag. Klar ist, dass ein Hochschulabsolvent im Leben durchschnittlich 145.000 Euro mehr verdient als jemand ohne Studium, nach Abzug aller direkten und indirekten Kosten. Es lohnt sich also für den Einzelnen, in ein Studium zu investieren. Für den deutschen Steuerzahler wiederum gilt, dass er von jedem Hochschulabsolventen 156.000 Euro mehr an Steuern bekommt, als er an Steuergeldern in dessen Studium investiert. Es lohnt sich also für den Staat, in bessere Bildung zu investieren.


Über den Interviewten
Andreas Schleicher ist bei der OECD stellvertretender Direktor für Bildung.

Aus DIE ZEIT :: 20.06.2013

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