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»Talent ist gleich verteilt«

Das Gespräch führten ANDREAS SENTKER UND MARTIN SPIEWAK

Warum Wissenschaft das Einzige ist, was in Europa noch funktioniert. Ein Gespräch mit Ernst-Ludwig Winnacker.

»Talent ist gleich verteilt«© DFGErnst-Ludwig Winnacker war Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und später erster Generalsekretär des Europäischen Forschungsrats (ERC)
DIE ZEIT: Pläne zur Kürzung des europäischen Forschungsbudgets sorgen für Aufruhr. Nobelpreisträger werden bei der EU-Kommission vorstellig. Wie groß ist die Gefahr, dass es tatsächlich zu Kürzungen kommt?

Ernst-Ludwig Winnacker: Konkret wissen wir es nicht. Aber auch ich habe mich dem Protest angeschlossen. Wissenschaft ist doch das Einzige, worüber auf europäischer Ebene noch konstruktiv und in einem supranationalen Geist gesprochen wird. Alles andere wird von der Finanzkrise überschattet, in der jeder eigene Interessen verfolgt. Mittelmeerstaaten stehen vor der Pleite, England vor dem Ausstieg aus Europa. Die Wissenschaft dagegen funktioniert europaweit noch.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Winnacker: Zum Beispiel am European Research Council (ERC). Der Forschungsrat ist mittlerweile eine echte Erfolgsgeschichte, obwohl der Start 2007 extrem holprig war. Bis heute hat er an die 3.400 Grants (Zuwendungen) verliehen. Die Universitäten und Forschungsorganisation zählen stolz auf, wie viele Grants ihre Forscher gewonnen haben.

ZEIT: Den Erfolg an dem Exzellenzprogramm teilen sich aber nur wenige. Ganz Südeuropa droht vom Radar der Spitzenforschung zu verschwinden.

Winnacker: Das stimmt. Griechenland hat in der Wissenschaft der Gegenwart noch nie eine Rolle gespielt. Auch Portugal hat nur untergeordnete Bedeutung. Unter den großen EU-Ländern ist Italien ein besonders kritischer Kandidat. Die Chancen für den Nachwuchs sind dort miserabel, junge Leute verlassen das Land, sobald sie können.

ZEIT: Sehen Sie auch Aufbruch?

Winnacker: Spanien hat viel Geld in seine Forschungsinfrastruktur gesteckt. Frankreich hat ähnlich wie Deutschland eine Exzellenzinitiative organisiert, sieben Universitäten haben jeweils knapp eine Milliarde Euro als Kapitalgrundstock erhalten. Leider sind die finanziellen Risiken Frankreichs kaum mehr zu übersehen.

ZEIT: Was ist mit Osteuropa?

Winnacker: Schwierig! Die Mittel des European Research Council gehen zurzeit zu 98 Prozent nach Westeuropa, nur zu 2 Prozent nach Osteuropa. Aber mal ehrlich: Wo würden Sie als junger Forscher hingehen? Doch auch lieber ans Londoner Imperial College oder an ein Max-Planck-Institut als nach Krakau. Osteuropas Staaten müssen zunächst einmal massiv in ihre Forschungsinfrastruktur investieren, um konkurrenzfähig zu werden. Selbst dann wird es noch eine Generation dauern, bis sie den Anschluss gefunden haben.

ZEIT: Kann der Westen helfen?

Winnacker: Unsere Förderorganisationen sollten sich für Osteuropas Forscher öffnen. Dann könnten Physiker aus Estland bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Geld für eine gute Idee beantragen. Später sollten die osteuropäischen Regierungen die bewilligten Anträge kofinanzieren.

ZEIT: Aber mit welchem Argument wollen Sie die nationalen Interessen durchbrechen?

Winnacker: Zu einem starken europäischen Forschungsraum gehört auch Osteuropa. Talent als solches ist in Europa gleich verteilt. Ohne Forschungsförderung wird man weiter auf Strukturfondsmittel und Agrarsubventionen setzen.

ZEIT: Angesichts dieses Panoramas erscheint Deutschland als Insel der Seligen.

Winnacker: Das kann man so sehen, denn auch in den USA drohen gewaltige Einbrüche in der Forschungsfinanzierung. Dass die deutschen Forschungsorganisationen dagegen fünf Jahre lang jedes Jahr fünf Prozent mehr bekommen, ist schon außergewöhnlich. Einzig die Universitäten profitieren davon zu wenig.

ZEIT: Wie ist den Hochschulen zu helfen?

Winnacker: Als Erstes muss das Kooperationsverbot fallen, sodass der Bund stärker als bisher direkt in die Hochschulen investieren kann. Zum anderen müssen wir die Spitzenförderung überdenken. Elf Universitäten sind im vergangenen Juli in den Exzellenzhimmel erhoben worden. Ich gönne es ihnen; unsere Universitäten können jeden Cent gebrauchen. Mit der jetzigen Auswahlmethode aber schafft es keine deutsche Hochschule an die Weltspitze. Manche unserer Exzellenz-Unis finden sich ja in den einschlägigen Rankings nicht einmal unter den besten 500 Universitäten der Welt.

ZEIT: Wie erreichen deutsche Unis Weltniveau?

Winnacker: Wenn es schnell gehen soll, sollten wir die Max-Planck-Gesellschaft zur Graduiertenuniversität machen. Die würde im internationalen Ranking der Hochschulen sofort Platz vier oder fünf belegen. Ich bin kein Fan dieser Rankings, aber die Welt schaut darauf. Und die klügsten Köpfe wandern dorthin, wo sie die besten Chancen erwarten.

ZEIT: Gegen diese Idee wehren sich die Universitäten - aus Sorge um den eigenen Nachwuchs.

Winnacker: 5.000 Graduierte bei Max Planck gegen 200.000 an den Universitäten, das ist keine Zahl, die mich beunruhigen würde.

ZEIT: Im Augenblick versucht sich eher die Helmholtz-Gemeinschaft an Fusionen mit Universitäten wie in Karlsruhe, Jülich oder Berlin.

Winnacker: Das sehe ich kritisch. Hier fusionieren Partner, die eigentlich nicht kompatibel sind: Eine Universität, die ihre Forschung Bottom-up organisiert, vermählt sich mit einer quasistaatlichen Forschungsinstitution, die sich an politischen Programmen orientiert.

ZEIT: Die Universitäten sehen da kein Problem.

Winnacker: Für sie ist die Fusion ein Weg, um an Bundesgeld zu kommen. Aber wir sollten einmal nach Qualitätskriterien evaluieren. Ich frage mich, warum die Helmholtz-Gemeinschaft den gleichen Aufwuchs von fünf Prozent bekommt wie die Max-Planck-Gesellschaft oder die DFG. Wenn Sie die wissenschaftlichen Erfolge der Institutionen vergleichen, ist das nicht gerechtfertigt.

ZEIT: Wer soll das System evaluieren?

Winnacker: Nicht der Wissenschaftsrat, der in diesem Zusammenhang immer genannt wird. Den halte ich qua Konstruktion für zu befangen. Da reden die Politiker ja bereits mit. Ich denke eher an eine kleine international hochrangig besetzte Arbeitsgruppe. Wichtig ist ihre Unabhängigkeit.


Aus DIE ZEIT :: 13.12.2012

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