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"Teurer als Kernkraftwerke"

Die Fragen stellte HANS SCHUH

Interview mit dem MPI-Forscher Günther Hasinger über die Frage, wie sich Deutschland angesichts der Probleme von Iter verhalten soll.

"Teurer als Kernkraftwerke"© IPP - Christoph MukherjeeGünther Hasinger ist Direktor am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching
DIE ZEIT: Ist Iter noch zu retten?

Günther Hasinger: Eine grundlegende Gefährdung sehe ich nicht. Aber Einsparungen sind notwendig, die Geldgeber wollen keine Budgetüberziehungen mehr dulden.

ZEIT: Kostensteigerungen sind bei Großforschungsprojekten leider üblich. Sind denn die jüngsten Zahlen endlich stabil?

Hasinger: Diesmal ist ein Sicherheitspuffer von 600 Millionen eingeplant, das Zahlenwerk ist solide. Keiner will das Projekt an die Wand fahren. International ruhen auf Iter große Hoffnungen. Das große Interesse in Japan, Südkorea, Indien und China belegen zum Beispiel vier in Asien parallel zu Iter neu gebaute oder entstehende Tokamaks.

ZEIT: Sind die nicht wesentlich kleiner?

Hasinger: Ja, klein, aber sehr fein. Man nimmt dort die Fusionstechnik sehr ernst und empfände deutliche Verzögerungen als bitter, besonders in China. Dort heißt es: »Wir haben in 20 Jahren unser ganzes Land umgebaut, warum sollen wir 40 Jahre brauchen, um eine neue Energiequelle zu entwickeln?« China könnte locker einen Iter finanzieren.

ZEIT: Es wäre rausgeworfenes Geld, wenn sich die Fusion nicht rechnete. Iter bringt nur Bruchteile der Leistung eines industriell nutzbaren Reaktors und kostet mehr als zwei Atommeiler. Wegen so hoher Kosten sind die Amerikaner schon einmal ausgestiegen.

Gezähmte Sonnen - der Steckbrief des Iter

Iter heißt lateinisch »der Weg«. Der Name sagt es schon: Was da in Cadarache in Südfrankreich entstehen soll, ist nur mehr ein Wegbereiter für das Fusionsfeuer nach dem Vorbild der Sonne. Die Technik soll sich später in Kraftwerken nutzen lassen. Dazu muss es den Entwicklern gelingen, ein Wasserstoffplasma in Magnetfeldern einzuschließen und auf 200 Millionen Grad aufzuheizen. Als Brennstoff dient radioaktives Tritium, das ständig neu im Reaktormantel entsteht. Es wird aus Lithium erbrütet. Die technisch höchst anspruchsvolle Experimentalanlage Iter planen europäische, japanische, russische und USamerikanische Fusionsforscher schon seit 1988. China und Südkorea schlossen sich 2003 dem Großprojekt an. Sieben Partner sind es, seit Indien 2005 hinzustieß. Der Bau der Anlage sollte bereits 2009 beginnen. Noch liegt die Baustelle brach. Nach der vollständigen Errichtung im Jahr 2026 sollen zwanzig Jahre intensiver Forschung folgen: Wie lässt sich das Sonnenfeuer optimal bändigen? Welche Materialien halten es am besten aus? Welche taugen als Brennstofflieferanten? Bis zur Inbetriebnahme kommerzieller Fusionsreaktoren werden weit mehr als 50 Jahre vergehen. Mindestens.

Hasinger: Diesmal bleiben sie im Boot. Inzwischen haben sich die Energiepreise vervielfacht, Klimafolgekosten kommen hinzu.

ZEIT: Wie will man Kohle- oder Kernkraftwerke ersetzen, wenn sich bereits abzeichnet, dass Fusionsreaktoren zigfach teurer werden?

Hasinger: Vorsicht, man darf die Kosten von Iter nicht hochrechnen auf kommerzielle Kraftwerke. Der Prototyp eines Autos mit neuester Technik kostet auch sehr viel mehr als das Endprodukt. Ein Versuchsreaktor ist komplexer und teurer als ein wirtschaftlich optimierter Reaktor. Allerdings werden Fusionskraftwerke technisch aufwendiger und teurer sein als Kernkraftwerke.

ZEIT: Um wie viel teurer?

Hasinger: Ganz grob etwa doppelt so teuer.

ZEIT: Strom zum doppelten Preis wäre kaum konkurrenzfähig.

Hasinger: So einfach sind Langzeitprognosen nicht. Atomstrom dürfte sich wegen der Endlager- und Proliferationsrisiken verteuern, das CO2 aus Kohle- und Gaskraftwerken müsste endgelagert werden, das treibt die Kosten.

ZEIT: Windkraft und Photovoltaik werden dagegen billiger.

Hasinger: Richtig, aber noch sind die erneuerbaren Energien stark subventioniert. Ihr massiver Ausbau erfordert teure Speicher und Umbauten im Stromnetz, weil Wind- und Son nenenergie lokal und zeitlich stark schwanken. In Deutschland fließen jährlich 15 Milliarden Subventionen in den Energiesektor. Das entspricht jährlich einem Iter.


ZEIT: Trotzdem ist das für ein Forschungsprojekt exorbitant.

Hasinger: Aber es könnte sich bei späterer Energieerzeugung vielhundertfach rentieren.

ZEIT: Deutschland will aus der Kernenergienutzung aussteigen. Wozu dann ähnlich strahlende Fusionsreaktoren bauen?

Hasinger: Wenn wir die Fusionsforschung aufgäben, ginge sie auch ohne uns weiter, aber wir würden unseren Einfluss auf diese Zukunftstechnik verlieren. Der Ausstieg aus der Kernenergie ist aus globaler Sicht ein Sonderweg, dem die anderen Iter-Partner, auch die EU, nicht folgen. Es ist weise, die Stromversorgung auf eine breite technische Basis zu stellen. Der globale Strombedarf wird bis 2100 um den Faktor sechs steigen und lässt sich mit Ökostrom längst nicht decken.

ZEIT: Doch wozu neue radioaktive Quellen?

Hasinger: Weil sich die Fusion grundlegend unterscheidet von nuklearer Spaltung. Zwar gehen beide mit Radioaktivität einher, aber von sehr unterschiedlichem Charakter.

ZEIT: Wo liegt der Fortschritt?

Hasinger: Fusionsreaktoren können nicht durchgehen, sie erlöschen bei Störungen sofort. Zudem klingt ihre Radioaktivität viel schneller ab. Nach ein- bis zweihundert Jahren ist sie vergleichbar mit der Strahlung von Kohleasche. Man braucht also kein Endlager für Millionen Jahre. Und man kann mit dem benötigten Material keine Bomben bauen.

ZEIT: Aber nukleares Spaltmaterial erbrüten. So plant China Hybridreaktoren, Zwitter aus Fusions- und Kernkraftwerken. Wozu das?

Hasinger: Hauptsächlich um möglichst schnell Wirtschaftlichkeit zu erzielen. Strom aus Hybriden wäre günstiger.

Artikel zum Thema ZEIT: Damit wäre das Image proliferationsfreier Fusion zerstört.

Hasinger: Fusion kann man ohne Proliferationsrisiko betreiben. Denn Hybridbetrieb ist im Geheimen unmöglich und würde bei einer Kontrolle sofort entdeckt werden. Fusion könnte auch die Kernenergie als Übergangsenergie ersetzen.

ZEIT: Bis dahin sind enorme Probleme zu lösen. Fusionstemperaturen von 200 Millionen Grad zerstören jedes Material.

Hasinger: Sie erreichen nicht die Wände von Iter. Das ist ähnlich wie bei Leuchtstoffröhren. Darin leuchtet ein Plasma von zehntausend Grad, trotzdem kann man sie anfassen.

ZEIT: Mit gewaltigen Magnetfeldern das Plasma in Form zu halten ist sehr schwierig, gelegentlich knallt es doch gegen die Wand.

Hasinger: Bei Wandkontakt sinkt die Temperatur schlagartig, das Feuer erlischt. Der Energievorrat im Plasma ist zu gering, um den massiven Mantel ernsthaft zu schädigen.

ZEIT: Dennoch soll der innere Reaktormantel nach etwa zwei Jahren austauschreif sein.

Hasinger: Das liegt hauptsächlich an der Bestrahlung des Mantels durch energiereiche Neutronen. Sie übertragen nicht nur die Energie, sie erbrüten auch laufend neuen Brennstoff. Als unerwünschte Nebenwirkung verspröden Neutronen das Mantelmaterial.

ZEIT: Wo bleibt da die Wirtschaftlichkeit?

Hasinger: Ein Tausch alle zwei Jahre wäre in der Tat unwirtschaftlich. Angestrebt werden fünf Jahre. Der Aufbau des Mantels ist für den Erfolg entscheidend. Deshalb sollen mit Iter verschiedene Typen getestet werden. Da hört auch die Kooperation auf, jeder testet eigene Rezepte und hofft auf lukrative Patente.

Aus DIE ZEIT :: 17.06.2010

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