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"Übler deutsch-deutscher Deal"

Die Fragen stellten EVELYN FINGER und GÖTZ HAMANN

Erst erforschen, dann anklagen: Roland Jahn, der oberste Stasi-Aufklärer, über die Schuld von Ost und West im Pharmatest-Skandal der DDR.

"Übler deutsch-deutscher Deal"© Levent Ince - iStockphoto.comVon den Medikamententests der DDR profitierten auch westdeutsche Pharmakonzerne
DIE ZEIT: Herr Jahn, hat es Sie überrascht, dass Pharmakonzerne aus dem Westen von Menschenversuchen in der DDR profitierten?

Roland Jahn: Ich weiß nicht, ob man den Begriff so verwenden kann. Aber dass in der DDR Medikamententests an Patienten durchgeführt wurden, die nicht den Regeln eines demokratischen Landes entsprachen, überrascht mich nicht. Der Diktatur traue ich viel zu.

ZEIT: Die Pharmafirmen haben alles finanziert und die Erkenntnisse benutzt! Auf beiden Seiten der Mauer profitierte man von Tests an Unwissenden.

Jahn: Das stimmt. Das Erbe der SED-Diktatur ist nicht auf den Osten beschränkt. Es sieht so aus, als habe die Medizin dabei bleibende Schäden angerichtet und sogar einzelne Menschen getötet. Das müssen wir dringend aufklären.

ZEIT: Seit Sie Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen sind, also Chefaufklärer für die jüngste deutsche Vergangenheit, haben Sie immer wieder betont, dass Sie sich als Anwalt der Opfer verstehen. Haben sich Opfer solcher Versuche an Sie gewandt?

Jahn: Nein, noch nicht.

ZEIT: Wurde je gegen die Pharmaindustrie oder innerhalb des Gesundheitswesens der DDR ermittelt?

Jahn: Mir ist nicht bekannt, dass zu Zeiten der DDR auch nur geprüft wurde, ob die Tests den Regeln entsprachen. Die Staatssicherheit war damit beauftragt, das System dieser Pharmatests zu verschleiern. Sie sollte die devisenträchtigen Deals absichern und Störungen verhindern, dafür entwickelte sie ein Spitzelsystem. Das wissen wir aus den Akten. Inoffizielle Mitarbeiter waren in diesem Geschäft als Ärzte aktiv, und hauptamtliche Stasi-Leute waren an der Einfädelung der Deals beteiligt. Der oberste Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski war zugleich Stasi-Offizier. Über seine Behörde machte die Stasi bei allen Devisengeschäften mit.

ZEIT: Um wie viel Geld ging es?

Jahn: Viele Millionen Westmark. Um wie viele genau, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu sagen.

ZEIT: Es gab also nicht nur zwei Tätergruppen: Ärzte und Mitarbeiter von Pharmakonzernen, sondern auch Schalcks Mitarbeiter?

Jahn: Ja. Wir haben Spitzelberichte über die Vereinbarungen, die mit den Pharmakonzernen getroffen wurden. Wir haben aber bislang keine Stasi-Akten zu Details von Versuchen. Die Akten des damaligen Gesundheitsministeriums lagern heute im Bundesarchiv.

ZEIT: Sind sie dort zugänglich?

Jahn: Ja. Ich kann nur sagen: Alle Archive sind jetzt gefragt, Akten zur Verfügung zu stellen. Darum geht es. Was das Nachrichtenmagazin Der Spiegel recherchiert hat, muss der Ausgangspunkt für wissenschaftliche Studien sein, die ein umfassendes Bild des Skandals zeichnen und sämtliche Beteiligten benennen.

Versuche am Menschen

1966 machte der Arzt Harry Beecher 22 unethische medizinische US-Experimente öffentlich. Dazu zählte die Injektion von Krebszellen bei Patienten, die nicht eingewilligt hatten. In einem anderen Fall wurden geistig retardierte Kinder mit Hepatitis infiziert.

Im Jahr 1972 wurde enthüllt, dass der staatliche US-Gesundheitsdienst mehrere Hundert Afroamerikaner mit behandelbarer Syphilis infiziert hatte und sie jahrelang unbehandelt ließ, um den Krankheitsverlauf zu beobachten.

Erst 1975 forderte der Weltärztebund, Versuche an Patienten unter zwei Voraussetzungen zu stellen: deren Einwilligung und eine Risiko-Nutzen-Analyse.

Seit 1985 sieht die Berufsordnung der Ärzte in der Bundesrepublik vor, dass eine Ethikkommission jeden Test genehmigt.

Im Februar 2011 wurde einem Professor der Universität Gießen der Titel aberkannt, weil ihm illegale Patientenversuche nachgewiesen wurden. Zu Details machte die Universität keine Angabe.

Das indische Gesundheitsministerium gab im April 2013 an, dass in den vergangenen sieben Jahren etwa 60.000 Inder an Medikamentenversuchen westlicher Pharmakonzerne teilnahmen. Dabei sei es zu 80 Todesfällen gekommen, die sich auf die getesteten Medikamente zurückführen ließen.

Im Mai 2013 enthüllte das Nachrichtenmagazin Spiegel, dass westliche Pharmakonzerne in der DDR in den späten achtziger Jahren zuhauf Medikamententests an Patienten in Auftrag gegeben hatten.
ZEIT: Was sollten die DDR-Devisenbeschaffer tun?

Jahn: Sie sollten die Macht der SED erhalten - und in diesem Fall auch das marode Gesundheitswesen in Schwung bringen. Ärzte sollten selber Devisen beschaffen, nicht nur verbrauchen, und dafür waren einige bereit, weit über die Grenzen des Erlaubten hinauszugehen. Es war ein übler deutsch-deutscher Deal.

ZEIT: Wir wissen längst, dass in Zuchthäusern der DDR billig für westdeutsche Konzerne produziert wurde. Häftlinge haben berichtet, wie sie Bettwäsche, die sie in Hoheneck nähen mussten, nach ihrer Freilassung in westdeutschen Kaufhäusern wiederfanden.

Jahn: Der Westen mit seinen strengen Umwelt- und Gesundheitsgesetzen nutzte die niedrigen Standards im Osten aus. Es gab Häftlingsarbeit unter schlimmen gesundheitlichen Belastungen, es gab den Müllexport auf die mecklenburgische Deponie Schönberg und die Verklappung des Westberliner Hausmülls rund um Ost-Berlin. Die DDR kassierte Devisen auf Kosten der eigenen Bevölkerung, die zum Beispiel verseuchtes Trinkwasser trinken musste.

ZEIT: Und wie funktionierte das Pharmageschäft konkret? Bot der Osten sich an, oder kamen die Konzerne auf die DDR zu?

Jahn: Im Detail kann ich das noch nicht sagen. Jedenfalls gab es in der DDR das Außenhandelsmonopol des Staates und dann in Ost-Berlin eine spezielle Import- und Export-Gesellschaft, die aktiv Pharmaversuche organisierte. Da gab es feste Ansprechpartner für die westlichen Firmen. So kam man auf ein an der zu.

ZEIT: Warum kamen die Geschäfte erst Mitte der achtziger Jahre richtig in Schwung?

Jahn: Weil die Standards im Westen anzogen. Das Bundesgesundheitsamt war streng, die Diktatur großzügig. Wobei man immer noch sagen muss: Es kann durchaus sein, dass die Pharmaunternehmen davon ausgegangen sind, dass die DDR zumindest ihre eigenen Standards einhielt.

ZEIT: Tatsächlich wurden Ethikkommissionen in Westdeutschland erst Mitte der Achtziger verbindlich. Parallel dazu suchten Pharmafirmen im Ausland neue Kliniken. Geht aus Ihren Akten hervor, wie die Unternehmen die klinischen Versuche begleitet haben?

Jahn: Sagen können wir so viel: Es ist bislang kein Fall dokumentiert, in dem westliche Firmen nachgefragt hätten. Die Schuld beginnt dort, wo ich mich mit einem dubiosen Handelspartner einlasse. In der DDR gab es keine Meinungsfreiheit, keine öffentliche Kontrolle. Unternehmen nahmen also billigend in Kauf, dass in der DDR Menschen auf der Strecke blieben.

ZEIT: Bisher klagt nur einer der Betroffenen öffentlich über bleibende Schäden. Mehrere Menschen starben. Ob die Testmedikamente die Ursache dafür waren, ist nicht bekannt. Wieso wurde nie aufgeklärt?

Jahn: Es hat einfach keiner nachgefragt, obwohl erste Informationen darüber schon 1991 ans Licht kamen.

ZEIT: Wo?

Jahn: Im Spiegel.

ZEIT: Sie haben früher selbst für das Magazin über Unrecht in der DDR berichtet, auch vor dem Mauerfall, unter großem persönlichem Risiko. Waren Sie an Pharmarecherchen beteiligt?

Jahn: Nein. Auch ich muss mich selbstkritisch fragen: Warum habe ich als Journalist da nicht weiter recherchiert? Jetzt gibt es einen politischen Aufschrei. Aber wir alle haben es 20 Jahre lang versäumt, diese Aufklärung voranzutreiben.

ZEIT: Warum?

Jahn: Aufklärung geschieht leider oft nach dem Zufallsprinzip. Anfang der neunziger Jahre gab es einfach eine Fülle von erschreckenden DDR-Themen.

ZEIT: Der Staat, in dem das stattfand, existiert nicht mehr, anders als viele Unternehmen. Wer ist jetzt dafür verantwortlich, dass aufgearbeitet wird?

Jahn: Wir alle sind dafür verantwortlich.

ZEIT: Nicht die Unternehmen in erster Linie?

Jahn: Nein. Es geht hier schließlich um Menschen, an denen Medikamente getestet worden sind und die teilweise bis heute an den Folgen leiden. Wir müssen weg von der Schlagzeile, hin zu einer substanziellen Untersuchung. Da kann es auch sein, dass ein Arzt für seine Patienten das Beste wollte und eine Chance sah, mit einem Medikament aus dem Westen zu helfen. Oder dass eine Klinik ein technisches Gerät bitter nötig hatte und deshalb teilnahm. All diese Fragen müssen mit einfließen. Dann wird man erkennen, wie das System funktionierte - aber auch die persönliche Verantwortung sehen.

ZEIT: Noch mal, wer sollte aufklären?

Jahn: Es müssen unabhängige, rigorose Studien sein, an denen niemand beteiligt ist, der ein Interesse hat, etwas zu vertuschen.

ZEIT: Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller sagt, er sei für Aufklärung unter Führung des Bundesinnenministeriums, gehe aber davon aus, dass die Firmen damals alles richtig gemacht haben.

Jahn: Ich kann es nur wiederholen: Wir brauchen eine unabhängige Studie. Da kann sich die Pharmaindustrie mit Geld beteiligen, aber mehr nicht.

ZEIT: Es gibt noch einen juristischen Aspekt: Was ist mit einer Bestrafung der Täter und einer Wiedergutmachung für die Opfer?

Jahn: Aufarbeitung ist mehr als Aufklärung. Wir müssen den Menschen helfen, die gelitten haben. Und die Verantwortlichen sollten ihre Taten bereuen.

ZEIT: Ist Strafverfolgung noch möglich?

Jahn: Die meisten Taten sind verjährt, deswegen sollte man sich gleich auf andere Instrumente stützen.

ZEIT: Die Verjährung schwerer Körperverletzung bei Minderjährigen beginnt erst mit dem 28. Lebensjahr des Opfers. Wenn also 1989 eine Siebenjährige ...

Jahn: ... ja, da ist vielleicht eine juristische Chance. Aber für mich zählt so oder so die Aufklärung. Erst dann können wir über Entschädigungen reden.

ZEIT: Welche Menschenverachtung wiegt für Sie schwerer, die im Westen, also in der Freiheit, oder die im Osten, also unter Zwang?

Jahn: Ich bin keiner, der eine Menschenverachtung mit der anderen vergleicht. Da kann man keine Tabelle machen. Im System der Pharmatests hatte jeder seine Rolle, und jeder muss für sich prüfen, ob er die Menschenwürde missachtet hat.

ZEIT: Aber man will doch die Mechanismen schuldhaften Verhaltens verstehen, oder?

Jahn: Alle Beteiligten tragen eine Verantwortung. Das ist die Lehre. Wir können ja fragen, wie das heute mit Pharmaversuchen ist. Wo finden sie statt? Antwort: in Fernost, wo Armut die Menschen wehrlos macht - und das ausgenutzt wird.

ZEIT: Das Unrecht wurde früher hinter den Eisernen Vorhang exportiert und jetzt auf den Indischen Subkontinent?

Jahn: Damals wie heute muss ich mich als Unternehmer fragen, welchen Preis mein Handeln hat.

ZEIT: Was ist Ihre Erfahrung mit den Tätern? Sehen zum Beispiel die Schalck-Leute ihre Fehler inzwischen ein?

Jahn: Ich vermisse größtenteils das Bekenntnis zur eigenen Biografie, ich vermisse das Eingeständnis, auch an Unrecht beteiligt gewesen zu sein. Über Jahrzehnte ein falsches Leben gelebt zu haben, das zuzugeben fällt aber schwer.

ZEIT: Waren die Patientenversuche das übelste Westgeschäft der Schalck-Behörde.

Jahn: Ach, was war das Übelste? Für den einzelnen Menschen ist es immer das persönlich erlittene Unrecht. Leid ist nun einmal individuell, sehr subjektiv. Deswegen kann man ein Unrecht nicht mit dem anderen vergleichen.

ZEIT: Und womit wurde das meiste Geld verdient?

Jahn: Wir können nur spekulieren. Der Bereich ist bis heute nicht richtig aufgeklärt.

ZEIT: Von den deutschen Pharmafirmen werden vor allem Bayer, Schering und Hoechst genannt. Waren sie die schlimmsten?

Jahn: Das gilt es zu untersuchen.

ZEIT: Warum fällt die Aufklärung deutsch-deutschen Unrechts so schwer?

Jahn: Im Westen denkt man immer, die Diktatur war im Osten, ich habe damit nichts zu tun. Doch das Beispiel Pharmatests zeigt exemplarisch: Aufarbeitung ist eine gesamtdeutsche Angelegenheit. Jeder, der auch im Westen gelebt hat, kann sich fragen, ob er sich eingerichtet hatte mit der deutschen Teilung und mit dem Unrecht, das in der DDR geschah.

ZEIT: Was wäre jetzt der beste Weg zur Aufklärung: eine neue Behörde oder eine Wahrheitskommission zu schaffen - oder Ihre Befugnisse auszuweiten?

Jahn: Wir haben in Deutschland eine freie Presse und unabhängige wissenschaftliche Institutionen. Es muss nur die finanzielle Kraft da sein, dieses Instrumentarium zu nutzen. Und jede Zeitung kann selbst bestimmen, was sie recherchiert.

Aus DIE ZEIT :: 16.05.2013

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