Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

»Uns fehlen Milliarden«

von Jan-Martin Wiarda

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer über die Folgen falscher Studentenzahlen.

Uns fehlen Milliarden© Cristian Baitg - iStockphoto.comFalsche Einschätzungen der Studentenzahlen führen zu erheblichen finanziellen Defiziten
DIE ZEIT: Regelmäßig versuchen sich die Kultusminister daran, die Studentenzahlen für die nächsten paar Jahre vorherzusagen, und regelmäßig ist die Prognose, die dabei herauskommt, eine Katastrophe. Jetzt ist es wieder so weit, die Schätzung bis 2020 soll beschlossen werden. Wird es wieder peinlich für die Kultusministerkonferenz (KMK)?

Theresia Bauer: Richtig ist, dass die KMK die tatsächliche Entwicklung der Studentenzahl in den vergangenen Jahren weit unterschätzt hat, andere Forschungsinstitute haben das aber auch.

DIE ZEIT: Allerdings längst nicht so krass. Die KMK lag für das Jahr 2011 um rund 100 000 Studenten zu niedrig. Statt der 414 000 prognostizierten Erstsemester kamen 516 000.

Theresia Bauer: Darum müssen wir es diesmal besser machen.

DIE ZEIT: Wie erklären Sie sich dieses Debakel?

Theresia Bauer: Eine gute Prognose muss zweierlei berücksichtigen: erstens die Gesamtzahl derer, die studieren dürfen. Zweitens den Anteil derjenigen, die es am Ende auch tun. Genau hier lag der Fehler der Kultusminister. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass so viele Abiturienten tatsächlich Lust auf ein Studium haben. Es ist schon ironisch: Da trommelt die Politik jahrelang dafür, dass endlich mehr junge Leute den Weg an die Hochschulen finden, anstatt zum Beispiel eine Ausbildung zu machen, und wenn sie es tatsächlich tun, sind alle überrascht.

DIE ZEIT: Ein teurer Irrtum. Der Hochschulpakt 2020, mit dem der Bund den Ländern beim Schaffen neuer Studienplätze finanziell unter die Arme greift, fußt auf der falschen KMK-Prognose.

Theresia Bauer: In der Tat. Und darum fehlen uns jetzt Milliarden. An sich sollte das zugesagte Geld des Bundes bis 2015 reichen, doch schon jetzt ist klar: Mitte 2014 ist es aufgebraucht, und wenn sich die Anfängerzahlen weiter so rasant entwickeln, noch weitaus früher. Wir müssen jetzt handeln, sonst bekommen wir sehr bald ein sehr großes Problem.

DIE ZEIT: Wieso? Bislang hieß es doch meist, nach 2015 ist das Schlimmste vorbei, der Studentenberg baut sich ab, und der Hochschulpakt kann allmählich auslaufen.

Theresia Bauer: Wer das sagt, sitzt wieder dem alten Irrtum auf. Die Anfängerzahlen bleiben dauerhaft hoch, und das ist angesichts des drohenden Fachkräftemangels eine hervorragende Nachricht.

DIE ZEIT: Werden sich diese Erkenntnisse in der neuen KMK-Prognose widerspiegeln?

Theresia Bauer: Davon bin ich überzeugt, ja. Sie dürfte über allen Schätzungen liegen, die wir bislang von Forschungsinstituten gesehen haben.

ZEIT: Dann ist doch alles gut. Die Kultusminister haben endlich dazugelernt, und die Fortsetzung des Hochschulpakts baut auf vernünftigen Zahlen auf.

Theresia Bauer: Schön wär's. Die hohen Erstsemesterzahlen haben nämlich eine weitere Folge, die nicht von der Politik berücksichtigt worden ist. Wir haben ganz konservativ gerechnet, was passiert, wenn nur 50 Prozent der Bachelorabsolventen einen Master anschließen wollen. Das Ergebnis: Ab 2013 fehlen allein in Baden-Württemberg 7000 ausfinanzierte Masterplätze. Pro Jahr. Sie können sich vorstellen, von welchen Dimensionen wir bundesweit sprechen. Und für Masterstudienplätze hat der Bund im Hochschulpakt bislang keinen einzigen Cent zur Verfügung gestellt.

DIE ZEIT: Mehr Studienanfänger, mehr Masterstudenten: Von wie viel zusätzlichem Geld reden wir insgesamt?

Theresia Bauer: Je nachdem, wie die KMK-Prognose genau ausfällt, dürften die Kosten für die zusätzlich nötigen Studienplätze allein fürs Bachelorstudium bis 2020 bei bis zu 9,5 Milliarden Euro liegen. Die erforderlichen Masterplätze sind da noch gar nicht eingerechnet.

DIE ZEIT: Und das soll der Bund zahlen?

Theresia Bauer: Die Länder werden auch das Ihre tun müssen. Aber ich erwarte, dass der Bund sich nicht aus der Verantwortung stiehlt.



Aus DIE ZEIT :: 09.02.2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote