Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

»Viele reißen sich zusammen«


Das Gespräch führte ELISABETH VON THADDEN

Burn-out ist gesellschaftsfähig, andere Probleme werden versteckt. Ein Gespräch mit dem Neurologen Hans-Christian Hansen über die Akzeptanz psychischer Erkankungen.

»Viele reißen sich zusammen«© FEK Friedrich-Ebert-KrankenhausHans-Christian Hansen ist Chefarzt der Klinik für Neurologie und Psychiatrie im Friedrich-Ebert-Krankenhaus, Neumünster
DIE ZEIT: Herr Hansen, Sie betreuen viele Patienten mit seelischen Leiden. Wie offen gehen diese mit ihrer Erkrankung um?

Hans-Christian Hansen: Schon der Weg zum professionellen Helfer und Spezialisten gilt für viele als bedenklich, oft nur, weil man im Wartezimmer nicht gesehen werden möchte. Deshalb ist es sinnvoll, wenn man das Spektrum der möglichen Erkrankungen in einer Wartezone verbreitert. Bei uns in der Klinik haben die Bereiche Neurologie, Geriatrie, Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ein und dasselbe Wartezimmer.

ZEIT: Schämen sich die Patienten?

Hansen: Es wird nicht gern zugegeben, dass man psychologische Hilfe braucht, nicht einmal bei schweren körperlichen Krankheiten mit entsprechenden psychischen Auswirkungen wie Krebs. Noch immer wird die psychische Symptomatik oder Erkrankung in hohem Maße mit eigener Verfehlung, Charakterschwäche und zurückliegenden biografischen Pannen in Verbindung gebracht. Erbliche Faktoren sind ja auch vorhanden - und wer will schon ein schlechtes Licht auf sich und seinen Clan werfen? Viele reißen sich lieber zusammen und tun so, als ob nichts wäre.

ZEIT: Wie kann man als Arzt damit umgehen?

Hansen: Offensiv. Wir stärken etwa die Position des Patienten, indem wir die Situation offen ansprechen, auch indem wir den Lebenspartner zu gegebener Zeit einbeziehen. Aus einer familientherapeutischen Perspektive sind wichtige Mit- und Gegenspieler, eventuell ein »Co-Therapeut« meistens im Umfeld des Patienten zu finden; sie sind ein ebenso wichtiger Faktor wie der wöchentliche Kontakt zum Therapeuten. Man wird den psychotherapeutischen Prozess und den Gewinn ohnehin vor dem Umfeld nicht verheimlichen können, und bei Lichte betrachtet möchte man das ja auch nicht.

ZEIT: Welche Krankheiten sind es, von denen man lieber niemandem erzählt?

Hansen: Die psychiatrischen: die Psychose, die Sucht, besonders bei helfenden Berufen, die Zwangserkrankungen, die Störungen der Persönlichkeit oder des persönlichen Stils. Darunter fallen besondere Neigungen zu übermäßiger Geltung, übertriebene Selbstzweifel, exzessive Bedürfnisse nach Rückversicherung und mangelnde emotionale Stabilität.

ZEIT: Und welche Leiden sind in den Augen der Patienten sozial »noch akzeptabel«?

Hansen: Als akzeptabel gilt am ehesten die Erschöpfung, die man gern verklausuliert zum Burnout umbenennt, hinter der sich aber oft der Beginn einer Depression verbirgt. Häufig verstecken sich diese psychischen Beschwerden hinter körperlichen Symptomen, die Patienten leichter benennen können. Besonders hellhörig wird man als Arzt bei chronischen Schmerzen ohne fassbare Organerkrankung oder bei hartnäckigem Schwindel und guter körperlicher Gesundheit. Für viele Patienten scheint es unendlich schwer, die psychische Not zu benennen, und so braucht es oft mehrere Ärzte, um die Perspektive wechseln zu können.

ZEIT: Welche helfenden Institutionen halten die Patienten noch für annehmbar, welche sind tabu?

Hansen: Als akzeptabel gelten vielen noch der Neurologe, manchen der Nervenarzt, der Coach, alle körperlichen Helfer, Heilpraktiker und psychosomatische Kliniken. Sie sind sozusagen der salonfähige Ausdruck einer Not.

ZEIT: Ist es die Einschränkung der Arbeitsfähigkeit, die Patienten besonders fürchten?

Hansen: Es ist die Angst vor einer Einschränkung der Selbstbestimmungsfähigkeit, also auch die Sorge, aussortiert zu werden, zu einer sozialen Randgruppe zu gehören, und das betrifft im Besonderen natürlich die Angst um die Arbeitsfähigkeit. Für eine Bewerbung ist es nun mal nicht hilfreich, anzugeben, dass man acht Wochen in einer Suchtklinik verbracht hat. Man sagt lieber, man habe eine kreative Auszeit genommen.

ZEIT: Gibt es auch Patienten, die meinen, eine Therapie zu brauchen, denen Sie als Arzt aber eher zu anderer Abhilfe raten?

Hansen: Ja, das kommt vor. Der antidepressive Effekt von Bewegungstherapie ist gut belegt. Ernährung und Schlaf hängen eng zusammen, Yoga und Meditationstechniken können sehr hilfreich sein. Für viele Patienten wären diese Maßnahmen ausreichend, um sich wieder wohler zu fühlen - unter der Voraussetzung, dass es eine vertrauensvolle Rücksprache mit einem Arzt oder einem anderen fachlich geschulten Therapeuten gab. Entscheidend ist oft schon der Schritt, die Situation vertrauensvoll zu besprechen und die Perspektiven zu sortieren.

ZEIT: Gehen manche Menschen lieber zum Seelen-Arzt, als dass sie ihr Leben verändern?

Hansen: Ja, aber es spricht auch manches dafür, sich mit einem Arzt zu beraten. Die Verunsicherung über die Symptome ist vielfach so groß, dass fachlicher Rat benötigt wird. Die Selbsteinschätzung des eigenen psychischen Zustandes ist stark subjektiv geprägt, oftmals unvollständig und brüchig, von Ängsten durchsetzt. Manche sind da mit sich selbst nicht geduldig genug, andere viel zu dickfellig.

ZEIT: Gibt es umgekehrt auch viele Patienten, die einen Arzt brauchten, aber keinen aufsuchen?

Hansen: Mit Sicherheit ja. Gerade bei Menschen mit einem hohen Anspruch an sich selbst ist das so. Wir beobachten auch eine unglückliche wechselseitige Bedingung von Gefühlen der Einsamkeit, zunehmender Kontaktarmut, Grübelneigung, der Angst vor Arbeitslosigkeit, Verlust des Selbstwertgefühls. Das sind nur einige der depressiven Symptome, die viele davon abhalten, zum Arzt zu gehen, obwohl sie davon profitieren würden.

ZEIT: Wer ist es, der nicht zum Arzt geht? Sind alle Bevölkerungsschichten betroffen?

Hansen: Alle sind betroffen. Derjenige, der gerade eine Führungsaufgabe übernommen hat, wie derjenige, der jahrelang in der Bäckerei Aushilfstätigkeiten übernimmt und die Arbeitszeiten nicht mehr aushält. Ganz zu schweigen von denjenigen, die am Erwerbsarbeitsmarkt gar nicht teilnehmen, also ohne Bezahlung und Anerkennung zurechtkommen müssen, aber faktisch mit Belastungen zu tun haben wie der Betreuung von Kindern oder der Pflege ihrer Eltern.

Aus DIE ZEIT :: 05.07.2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote