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"Von einem, der auszog..."


Kurzfassung eines Vortrages von Professor Dr. Ursula Münch

Eine Geschichte über Akkreditierung und Reakkreditierung

"Von einem, der auszog..."© Ursula MünchProf. Ursula Münch fragt ob ein Zwang zur Reakkreditierung von Studiengängen sinnvoll ist
Erlauben Sie mir, dass ich eine kleine Geschichte erzähle. Der Titel lautet: "Von einem, der auszog, einen Masterstudiengang zu reakkreditieren". In der hier zu erzählenden Geschichte wurden zum Beispiel aus einem Diplomstudiengang fünf neue Studiengänge: Ein Bachelor- und immerhin vier Masterstudiengänge. Einer davon steht nun zur Reakkreditierung an.

In diesen Verfahren kommt Akkreditierungsagenturen, die auch selbst ein Akkreditierungsverfahren durchlaufen müssen und von einem Akkreditierungsrat überwacht werden, eine zentrale Funktion zu. Bei den von ihnen entsandten Professoren handelt es sich häufig um eben die Kollegen, die an der eigenen Universität schon Monate und sogar Jahre auf die Umgestaltung der eigenen Studiengänge verwendet haben. Diese Professoren haben nun die Aufgabe, basierend auf dem peer-review-Ansatz, auch über andere Studiengänge zu urteilen. Und da man sich der Krähen-Augen-Problematik bewusst ist, werden den begutachtenden "Peers" Kriterien zum Beispiel in Form der Stellungnahme des Fachausschusses der Akkreditierungsagentur zur Auflagenerfüllung an die Hand gegeben.

Im Verlauf ihrer aus den Akkreditierungskosten in Höhe von 10.000 bis 15.000 Euro pro Studiengang finanzierten Reise an das unter Umständen andere Ende der Republik kann die Gutachterin aus unserer kleinen Geschichte die mit Wortgewalt erstellte Selbstdokumentation daraufhin prüfen, ob reakkreditierungsrelevante Kriterien eingehalten wurden.

Zu diesem Zweck arbeitet unsere Gutachterin systematisch folgende Fragen ab:
Hat sich der Fachbereich an die Vorgabe gehalten, dass Module nur durch eine Prüfung abgeprüft werden sollten oder wurde womöglich versucht, die Gutachter und die Akkreditierungsagentur mittels Kombinationsprüfungen zu täuschen?

Ist der Studienverlauf klausurlastig mit der daraus folgenden Gefahr der "Lern-Bulimie" oder bestehen zusätzliche Prüfungsformen wie etwa "Take Home Examinations"? Wobei noch zu klären wäre, ob den Studierenden bewusst ist, dass es sich dabei nicht um eine Leistung handelt, die über einen Pizza-Lieferdienst zu beziehen ist.

Weitere Fragen, die unsere Gutachterin klären muss:
Sind im Studiengang ausreichend "Mobilitätsfenster" für ein "Study Abroad" vorgesehen?

Und wenn die Studierenden wegen des workloads und der mangelnden Kompatibilität der kleinteilig strukturierten Studiengänge schon nicht ins Ausland gehen, erwerben sie sich dann wenigstens die für die employability wichtigen Schlüsselqualifikationen in Form von Softskills?

Wird der Anteil des Präsenzstudiums an der vorgesehenen "workload" der gewachsenen "diversity" der Studierenden gerecht und berücksichtigt er den Anteil an "slow learners" auch wirklich ausreichend?

Besonders im Blick hat unsere Gutachterin schließlich die zentrale Frage, welche Formen von Evaluation, Zielvereinbarung und Benchmarking vorgesehen sind, um den hohen Standards in Sachen Qualitätssicherung gerecht zu werden.

Kurz bevor der Zug mit unserer Gutachterin den Bahnhof erreicht, wirft sie schließlich noch einen Blick auf den E-Learning-Anteil des zu reakkreditierenden Studiengangs und prüft, ob die Grundsätze der Gender-neutralen Sprache auch im Modulhandbuch berücksichtigt wurden.

Nach einer abendlichen internen Vorbesprechung der Gutachtergruppe unter Anleitung eines Angestellten der Akkreditierungsagentur mit anschließendem gemeinsamem Abendessen beginnt am nächsten Morgen die Vor-Ort-Begehung. Dabei handelt es sich laut Unterlagen um den zentralen Meilenstein in dem von der Akkreditierungsagentur vorgeschriebenen Verlauf der Reakkreditierung.

Im Mittelpunkt stehen dabei drei jeweils mehrstündige Gespräche der Gutachtergruppe mit den Verantwortlichen des Studiengangs, der Hochschulleitung und einer Gruppe aus Studierenden und Alumni, in deren Verlauf sich Gutachtende und zu Begutachtende immer wieder der gegenseitigen Wertschätzung versichern...

Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass sie dafür noch den Kopf frei hat: Aber wenn wir unserer Gutachterin eine Lektüreempfehlung für die Zugfahrt nach Hause geben dürften, dann wäre dies der Vorlagebeschluss des Arnsberger Verwaltungsgerichts vom 16. April 2010 für das Bundesverfassungsgericht. Und bei ihrer Lektüre würde sich unsere Gutachterin bestimmt folgende vom Verwaltungsgericht aufgeworfene Frage anstreichen: "Ist die externe Steuerung der Ausgestaltung von Lehre und Studium an Hochschulen durch den Zwang zur Akkreditierung mit Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz vereinbar?" Angesichts der Tatsache, dass unsere Gutachterin im Verlauf ihrer Zugreise Zeit hat, sich Sorgen darüber zu machen, wie sie bei der anstehenden Reakkreditierung des eigenen Studiengangs in Zukunft das Beschwerdemanagement und das Qualitätsmanagement an ihrer Fakultät handhaben wird, kommt sie vermutlich zu einer sehr klaren und kurzen Antwort auf die vom Verwaltungsgericht aufgeworfene Frage.

Kurzfassung eines Vortrages von Professor Dr. Ursula Münch, Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften der Universität der Bundeswehr München.

Aus Forschung & Lehre :: September 2012

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