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"Was habe ich von meinen Studenten gelernt?"

 

Beim Lehren und Lernen an der Universität scheinen die Rollen klar verteilt zu sein. Doch ist es zum Glück für alle Beteiligten oft nicht so und im besten Fall ein wechselseitiges Verhältnis. Denn die Lehrenden ziehen Gewinn aus Fragen und Perspektiven der Studenten. Einige Zeugnisse von Hochschullehrern.

"Was habe ich von meinen Studenten gelernt?" © Katrin Binner Prof. Dr. Petra Gehring

Petra Gehring

lehrt Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt.

"Ohr" ist das Stichwort. Ich habe gelernt, welche Bedeutung jedenfalls in meinem Fach der Form der guten, gesprochenen Vorlesungen nach wie vor zukommt. Und zwar der Lesung - ohne ablenkende Folien, als Spannungsbogen wirklich zusammenhängender Argumente und Gedanken. Studierende merken den Unterschied nach kürzester Zeit: das ist der Stoff, aus dem Aha-Effekte sind.

Das Problem der Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes hat sich ja erübrigt. Seit mehr als zehn Jahren stelle ich alles als MP3 Audio Datei ins Netz. Nachhören ist beliebig oft und in jeder Lebenslage möglich. Die studentischen Rückmeldungen sind begeistert. Ich wiederum bin erstaunt, wie großartig ausgerechnet zu den Vorlesungen die Prüfungen ausfallen. Dank simpelster Technik erweist sich das gute alte Format der sorgfältig gemachten Vorlesung als Renner. Konzentration hat Drogenwirkung. Wir denken mit dem Ohr.


"Was habe ich von meinen Studenten gelernt?" © Miki Sakamoto-Reichholf Prof. Dr. Josef H. Reichholf

Josef H. Reichholf

ist Zoologe und Evolutionsbiologe. Er war bis April 2010 Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Sammlung und lehrte an beiden Münchner Universitäten (Naturschutz, Gewässerökologie an der TU München; Allgemeine und Terrestrische Zoogeographie sowie Ornithologie an der LMU München).

Meine 30-jährige Lehrtätigkeit in Bereichen von Ökologie, Naturschutz und Evolutionsbiologie an beiden Münchner Universitäten war für mich ein steter Lernprozess, der sich dank der Wechselwirkung mit den Studierenden keineswegs nur im Dazulernen bei der Wahl des Inhalts und in Verbesserungen der Form der Präsentation der Vorlesungen erschöpfte. Die Studierenden lehrten mich weit mehr.

An ihrem Interesse, an den Fragen, die sie stellten, und an den Ergebnissen der schriftlichen Prüfungen sah ich den Wandel des Zeitgeistes in den Erwartungen und Einstellungen der jungen Menschen. Hielten sie anfänglich Umweltprobleme, wie Verschmutzung, Waldsterben, Verkehr und Siedlungstätigkeit, für lösbar, so wandelte sich ihre Haltung zu einem ausgeprägten Zukunftspessimismus als der Klimawandel zum alles überlagernden medialen Thema geworden war. Mich bedrückte, dass oft gerade die Besten die geringste Zuversicht in Bezug auf die Zukunft äußerten. So negativ war diese von den Medien geprägt worden. Entsprechend bemühte ich mich, den Studierenden eine weniger pessimistische Sicht zu vermitteln, gemäß dem Grundsatz: Wir wissen längst nicht alles, aber die Jugend wird mehr wissen als wir und es besser machen.


"Was habe ich von meinen Studenten gelernt?" © Ivo Kluce Prof. Dr. Christian Hesse

Christian Hesse

ist Professor für Mathematische Stochastik an der Universität Stuttgart.

Als Mathematiker hat man es besonders schwer, seinen Themen Unterhaltungswert zu geben. Bei den Chemikern knallt's oder wird's schön bunt, Kunstgeschichtler können immer so famose Geschichten über tolle Gemälde erzählen. Mathematiker haben Definitionen, Sätze und Beweise. Von meinen Studenten habe ich gelernt, in den Vorlesungen vielfältige Anwendungsbezüge herzustellen. Besondere Herausforderungen sind die Großvorlesungen vor mehr als 500 Hörern. Sie haben mich ein empirisches Gesetz gelehrt. In pointierter Fassung: Im Schnitt sind nur e von pi Personen in großen Ansammlungen von Menschen bei jedem beliebigen Thema bei der Sache.

Darüber hinaus habe ich gelernt:
  • Respekt vor den nicht wenigen alleinerziehenden Müttern in meinen Vorlesungen, die neben dem Studium noch für adäquate Kinderbetreuung sorgen müssen.
  • Unbehagen über den zunehmenden Abstand zwischen den Digital Natives und mir in Bezug auf das Zaubern mit den neuesten Medien.
  • Freude darüber, dass meine Studenten sehr gute Jobs finden: Mein erster Doktorand ist mittlerweile selbst Professor, hat auch schon Doktoranden betreut und mich auf diese Weise sozusagen zum Wissenschafts-Opa gemacht.



"Was habe ich von meinen Studenten gelernt?" Prof. Dr. Sabine Koller

Sabine Koller

ist Professorin für slavisch-jüdische Studien an der Universität Regensburg.

Im vergangenen Sommersemester ging ich ein Lehrwagnis ein: Studierende im Master "Russische Philologie" übertrugen bei begleitender wissenschaftlicher Analyse Teile aus einem noch unübersetzten Gegenwartsroman. Das Seminar hatte einen dezidierten Praxisbezug: literarisches Übersetzen. Hierfür werteten wir auch übersetzungstheoretische Texte aus. Einer davon war Walter Benjamins sprachlich hermetische und in ihrer messianischen Ausrichtung komplexe "Aufgabe des Übersetzers".

Plötzlich hatte ich Zweifel an dieser Wahl: Wie würden die Studierenden, die ich bereits mit einem sehr schwierigen literarischen Text konfrontiert hatte, nun mit Walter Benjamin zurechtkommen? Ich hatte Angst, dass sie aufgeben - und wurde eines Besseren belehrt. Die beiden Studierenden, die Benjamins Schlüsseltext vorstellten, wurden wahre "Benjaminianer" und setzten sich bis zum Ende des Seminars in der Diskussion und in der eigenen Übersetzungspraxis für dessen übersetzerische ,Richtlinien' ein. Was ich von den Studierenden gelernt habe? Dass maximale intellektuelle Offenheit und philosophisch-philologische Desorientierung einem Seminar mit Praxisbezug sehr zupass kommen kann.


Tassilo Schmitt

ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Bremen und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages.

Gelernt wird in Seminaren der Geisteswissenschaften im Dialog (unter Anwesenden): Hinweise auf übersehene Informationen in Quellen und Literatur, Widerspruch, nicht zuletzt unerwartete Perspektiven sind für mich oft weiterführend. Ich schätze es ebenso als Erkenntnisgewinn, meinen Standpunkt gegen fundierte Kritik zu behaupten. In einem gelungenen Seminar haben Dozenten und Studenten trotz Unterschieden in Erfahrung und Vorkenntnissen die Chance, neue Einsichten zu gewinnen. Nicht Mangel an Wissen, sondern unzureichender Eifer für die Sache (lat. studium) - lähmendes Nicht-Wissen-Wollen - sind die größte Gefahr für den Lernerfolg aller Beteiligten.

Auch in der Vorlesung lerne ich von Studenten. Gute Fragen zwingen dazu, das eigene Verständnis von Problemen präziser zu fassen. Nicht zuletzt stellt mich schon die Vorbereitung darauf, was fraglich sein könnte, permanent vor die Herausforderung, vermeintlich sichere Erkenntnisse zu durchdenken und neu zu strukturieren. Keine Vorlesung kann ich mehrmals halten; das hieße, dass ich nicht weitergekommen bin. Manchmal wundere ich mich, was der Forschung und mir bislang nicht aufgegangen war. Öfter aber freue ich mich darüber, etwas nun besser zu verstehen - weil ich es erklären muss.

Aus Forschung & Lehre :: September 2013

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