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"Wer nichts tut, sündigt nicht" - Warum wir das tun, was wir immer tun

von Hanno Beck

Menschen tun am liebsten das, was sie gewöhnt sind, ohne es zu hinterfragen. Zwar vereinfacht es das Leben, blockiert aber wichtige Veränderungen und die Wahrnehmung besserer Optionen.

"Wer nichts tut, sündigt nicht"© Mopic - Fotolia.comWarum fällt es uns so schwer bekannte Pfade zu verlassen? - Psychologische Erklärungsansätze
Es ist jedes Semester das gleiche Ritual: Die Studenten wählen in der ersten Vorlesung des Semesters einen Platz - und sitzen dort mehr oder weniger das gesamte Semester. Auch wenn genügend Plätze frei sind - man sitzt immer dort, wo man sich zufällig in der ersten Vorlesung hingesetzt hat.

Diese Sitzplatzwahl der Studenten ist ein schönes Beispiel für das, was Psychologen als "Status quo bias" bezeichnen - Menschen wollen, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind, und sie sperren sich gegen Veränderungen. Können wir wählen zwischen dem bestehenden Zustand und einer Veränderung, so bevorzugen wir den bestehenden Zustand, den so genannten Status quo. Will heißen: Die Studenten setzen sich dorthin, wo sie immer sitzen nur, weil sie da immer sitzen.

Abneigung gegen das Neue

Unsere Abneigung gegen Veränderungen ist in der psychologischen Literatur gut dokumentiert - Versuchspersonen bevorzugen in Experimenten häufig den bestehenden Zustand und entscheiden sich gegen Veränderungen. Diese Abneigung gegen das Neue dominiert auch unserem Alltag: wir wechseln nicht den Mobilfunkanbieter, die Bank, den Lieferanten von Wasser oder Strom, wir wählen immer das gleiche Stamm-Menü, bezahlen weiter unnötige Abonnements und tragen die gleiche Mode. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, er will, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind, und er sträubt sich gegen Veränderungen. Egal, ob das sinnvoll ist oder nicht - das geht so weit, dass wir an Gewohnheiten festhalten, auch wenn sie sinnlos werden. In Unternehmen, Behörden und Verwaltungen gibt es eine Chiffre dafür: Das haben wir immer schon so gemacht.

Psychologische Hygiene

Warum lehnen wir das Neue ab, warum wollen wir so bleiben, wie wir sind? Die Forschung bietet mehrere Erklärungsansätze: Zum einen, so die Idee, fühlen sich Menschen durch einmal getroffene Entscheidungen gebunden - würde man den Lieferanten wechseln, die Strategie oder Überzeugung, müsste man sich und seinem persönlichen Umfeld eingestehen, dass man einen Fehler gemacht hat. Damit wird der Status quo bias auch zu einem Akt der psychologischen Hygiene: man hält an einer Entscheidung fest, um mit sich selbst im Reinen zu sein. Ein Unternehmenschef kann nicht die Notbremse ziehen, wenn sein Projekt aus dem Ruder läuft - er würde sein Gesicht verlieren. Das könnte beispielsweise erklären, warum man bei Großbauprojekten wie Stuttgart 21 oder der Elbphilharmonie nicht einfach aussteigt, obwohl eine Einstellung die günstigere Variante sein könnte.

Omission bias

Eine weitere Erklärung für den Status quo bias könnte der sogenannte Omission bias sein: Einen bestehenden Zustand zu ändern, erfordert eine aktive Handlung - belässt man hingegen alles so, wie es ist, muss man nichts tun. Letzteres empfinden Menschen offenbar als nicht so schwerwiegend. Ein Beispiel macht diese Idee deutlich: Wenn Eltern die Wahl haben, ihre Kinder einem Risiko einer tödlichen Infektion von 10 zu 10.000 auszusetzen oder aber ihren Kindern eine Impfung gegen diese Infektion zu geben, bei der ein Risiko von fünf zu 10.000 besteht, an der Infektion zu erkranken, entscheiden sie sich gegen die Impfung, obwohl diese das Risiko der Infektion senkt. Warum, ist intuitiv klar: Die Impfung wirkt auf die Eltern, als hätten sie aktiv ihr Kind in Gefahr gebracht. Wer alles so lässt, wie es ist, kann sich leichter der Illusion hingeben, dass er nicht schuld hat an allem, was schief geht. Dass eine Unterlassung letztlich ebenfalls eine aktive Handlung ist, kehren wir gerne unter den Teppich des ungestörten Gewissens. Wir lassen die Dinge also so, wie sie sind, weil es einfacher ist, nichts zu tun - wer nichts tut, sündigt nicht.

Literaturtipps

Hanno Beck:
Geld denkt nicht
Wie wir in Gelddingen einen klaren Kopf behalten.
Hanser Verlag, 2012.

Hanno Beck:
Die Logik des Irrtums
Wie uns das Gehirn täglich ein Schnippchen schlägt.
Frankfurter Allgemeine Buch im F.A.Z.-Institut, März 2008

Teuer und gefährlich

Unsere Leidenschaft für den bestehenden Zustand kann also teuer und gefährlich werden: Wir verpassen neue Gelegenheiten und günstigere Angebote, halten zu lange an Fehlentscheidungen fest und gefährden uns und diejenigen, die wir lieben, indem wir untätig bleiben. Kurzum - der Status quo bias kann teure bis verhängnisvolle Folgen haben, die beispielsweise auch bei der privaten Geldanlage gut dokumentiert sind. Dieser Befund könnte die ablehnende Haltung gegenüber neuen Lehr- und Forschungsmethoden oder Hochschulreformen erklären: sie haben mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen, weil sie neu sind.

Aber ganz so negativ kann man unsere "Ich will so bleiben wie ich bin"-Haltung nicht abtun: Forschungen zeigen, dass Menschen umso eher dazu neigen, beim Bewährten zu bleiben, je komplexer eine Entscheidungssituation ist - und das vielleicht aus gutem Grund. Statt eine komplizierte Situation aufwendig zu durchdenken und zu entscheiden, bleibt man beim Altbewährten, eben weil es sich bewährt hat. Einfacher gesagt: never change a winning team. In unsicheren, komplexen Situationen, die rasch entschieden werden müssen, kann die Entscheidung für den Status quo clever sein: Bevor man einen Fehler macht, bleibt man bei dem, was immer funktioniert hat. In der Forschung beispielsweise kann der Status quo bias ein Schutz gegen einen zu häufigen Paradigmenwechsel sein: Neue Forschungsergebnisse werden im Geiste des Status quo bias zunächst vehement abgelehnt, erst wenn sie hinreichend ausführlich überprüft und dokumentiert worden sind, können sie herrschende Theorien und Paradigmen ablösen. Damit ist gesichert, dass nur gut überprüfte Forschungsergebnisse sich durchsetzen.

Die mittlerweile immer weiter schrumpfenden Freiräume für Forscher und Lehrende kommen vordergründig dieser Neigung zum "Das haben wir immer schon so gemacht" entgegen - je weniger Freiräume man hat, umso weniger kommt man in die Verlegenheit, neue Dinge, Ideen oder Herausforderungen anzunehmen. Das immer enger werdende Korsett von Vorschriften, Akkreditierungen und Reglementierungen kann rasch zur Ausrede werden für jegliche Verweigerung neuen Dingen gegenüber. Dafür haben wir nun wirklich nicht die Zeit und Mittel, übersetzt sich das dann.

Neue Wege

Auf der anderen Seite kann gerade der immer weiter schrumpfende Spielraum an den Hochschulen die Beschäftigten in Forschung und Lehre dazu nötigen, neue Wege zu gehen und Altbewährtes hinter sich zu lassen. Und je schneller sich die Hochschullandschaft ändert, umso eher muss man bereit sein, dieser Änderung zu begegnen und alte liebgewonnene Gewohnheiten oder Strategien hinter sich zu lassen. Umso wichtiger wird angesichts dieser Überlegungen die Frage danach, wie man dem Status quo bias entkommen kann - wie sprengt man die Fesseln der Gewohnheit?

So etwas erfordert Übung, und Übung erlangt man durch stetiges Wiederholen. So kann man damit beginnen, im alltäglichen Leben immer wieder etwas zu ändern, Kleinigkeiten, Gewohnheiten - man nimmt ein anderes Stammessen, wechselt die Marke, probiert einmal ein neues Kleidungsstück aus - lauter kleine, alltägliche Siege gegen unsere Angewohnheit, sich zu rasch etwas anzugewöhnen. Bisweilen wird aus der neuen Erfahrung auch eine neue, bessere Angewohnheit, und langfristig lernt man, dass Veränderung gar nicht so schlimm sein muss - eine gute Voraussetzung, auch größere Dinge anzugehen und zu ändern.


Über den Autor
Hanno Beck ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim, seine Forschungsgebiete sind u.a. verhaltenswissenschaftliche Ökonomik (Behavioral Economics), Medienökonomik, Finanzmärkte und Staatsverschuldung.

Aus Forschung & Lehre :: August 2013

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