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"Wir dürfen die deutschen Forscher nicht vergessen"

Redaktion: Maren Bulmahn

Wie zufrieden sind Unternehmen mit der staatlichen Förderung? Was lässt sich gegen mangelnde Technikakzeptanz der Bevölkerung tun? Wie steht es um die Innovationskraft deutscher Hochschulen? Der GDCh-Präsident Michael Dröscher fragte Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Kann ich eine Förderung zum Fertigstellen meiner Dissertation bekommen?© Aliaksandr Autayeu - iStockphoto.com
Michael Dröscher: Bei Patenten liegt Deutschland in Europa vorn. Positiv zu sehen ist auch die Vernetzung der Wissenschaft mit der Wirtschaft. Der Innovationsstrom ist aber nicht so stark, wie er sein sollte. Vor allem gibt es Lücken in den Wertschöpfungsketten, zum Beispiel bei der Elektronik, und viele Bürger akzeptieren Technik und Naturwissenschaft nicht als Chance. Herr Reckmann, wie sehen Sie die Innovationskraft in Deutschland?

Bernd Reckmann: Das Netzwerk zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland ist nicht schlecht. Es ist herausfordernd, das zu verteidigen. Dafür ist es gut, dass wir uns noch stärker für Kooperationen öffnen. Beunruhigend finde ich allerdings, dass die Zukunft immer stärker in Asien liegt.

Dröscher: Ließe sich etwas dagegen tun?

Reckmann: Die Ausgaben für technische Bildung - bereits für kleine Kinder - sind zu gering. Außerdem müssen wir die Technikakzeptanz in der Bevölkerung stärken. So könnte die Produktion von Kohlenstoffnanoröhrchen 100 000 Arbeitsplätze bringen, aber die Risiken der Produktion werden zu stark betont. Die Nanostudie und die Biotechstudie zeigen die Chancen für Deutschland, aber das Förderverhalten der Bundesregierung wird dem nicht gerecht.

Dröscher: Wie sehen Sie die Lage, Herr Wießmeier?

Georg Wießmeier: Deutschland ist in der Chemie bei Patenten weltweit führend, und Wirtschaft und Wissenschaft leisten sehr gute Arbeit. Das gilt es zu verteidigen. Insgesamt gehen die Innovationsinitiativen der Bundesregierung in die richtige Richtung, jedoch fehlt es an Dynamik aufgrund fehlender Effizienz und Effektivität. Eine steuerliche Förderung der Forschungsausgaben der Unternehmen würde hier Abhilfe schaffen und zur Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland beitragen. Wir sollten außerdem zunehmend in Ausbildung investieren. Die Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ist ein weiterer wichtiger Faktor, nicht zuletzt, um die Technologieakzeptanz im Land zu verbessern.

Im Wettbewerb forschen

Dröscher: Herr Hippler, die deutsche Industrie gibt Forschungsaufträge nach Harvard. Kann das KIT weltweit mit anderen Hochschulen mithalten?

Horst Hippler: Dort forschen zu lassen, wo die besten Leute sind, ist kein Fehler, aber man sollte die deutschen Forscher nicht vergessen. Wir müssen zurzeit global nach den besten Köpfen suchen. Das gilt ebenso für die Produktion. Deutschland war zwar mal die Apotheke der Welt, aber das ist vorbei. Beispiel Solarzellen: In Deutschland wird geforscht, aber an anderer Stelle produziert. Nur von Dienstleistungen können wir nicht leben. Der wichtigste Punkt für uns ist: Wir müssen unser Bildungssystem so interessant machen, dass die Besten von sich aus zu uns kommen. Die Amerikaner haben uns das vorgemacht.

Dröscher: Machen Sie sich also Hoffnung, mit Harvard konkurrieren zu können?

Hippler: Unser Benchmark ist die ETH Zürich. Zudem haben wir in vielen Bereichen schon exzellente Forschungsmöglichkeiten und Studenten. Wir haben schon manchen Forscher gehalten und manchen aus Amerika abgeworben. Vom BMBF würden wir uns allerdings mehr Autonomie wünschen, um unternehmerischer tätig sein zu können.


Bildung unterstützen

Dröscher: Herr Huthmacher, wie kann die Bundesregierung Unternehmen und Hochschulen unterstützen? Funktioniert der Bildungsföderalismus?

Karl-Eugen Huthmacher: Zunächst einmal ist es gut, dass wir auf Veranstaltungen wie dieser eine Rückmeldung zu unserer Forschungsförderung bekommen. Frau Ministerin Schavan arbeitet daran, die Situation zu verbessern, aber es gelingt, was die Bildung betrifft, nur eingeschränkt, da die Unterstützung der Hochschulen in erster Linie Sache der Länder ist. Wenn wir aber Geld zur Verfügung stellen, wie beim Bologna-Prozess, dann darf das nicht dazu führen, dass die Länder die Situation dazu nutzen, Gelder zurückzuhalten. Das Geld des Bundes sollte zusätzlich sein, nicht andere Programme ersetzen.

Technik akzeptieren

Dröscher: Welche Maßnahmen empfehlen Sie, damit die Bevölkerung technische Innovationen besser akzeptiert?

Huthmacher: Wir sollten mit der Akzeptanzfrage offensiver umgehen. Mehr zu kommunizieren, ist unabdingbar. Damit ließe sich die Innovationsfeindlichkeit stoppen. Besser im Vorfeld reden, als später regeln - das tun wir zum Beispiel beim Thema Nano. Außerdem kommt es darauf an, wirklich zuzuhören. Auch die Unternehmen sollten sich stärker beim Thema Akzeptanz engagieren.

Dröscher: Spielt die Akzeptanzdiskussion bei Merck eine Rolle, wenn es um neue Produktionsstandorte geht?

Reckmann: Nein, es geht darum, wo der Markt ist. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Der 16-prozentige Zwangsrabatt für festbetragsfreie Arzneimittel trifft insbesondere die forschenden Pharmafirmen. Dies ist natürlich kein positiver Anreiz, in Deutschland auch zu forschen. Insofern wäre es für den Standort Deutschland ein wichtiges Signal, wenn Forschungskosten besonders steuerlich berücksichtigt würden.

Huthmacher: In der Koalitionsvereinbarung ist die steuerliche Förderung von F+E angekündigt. Wir setzen uns auch nachdrücklich dafür ein. Angesichts der gegenwärtigen Finanzlage ist das aber sehr schwierig. Im Übrigen müssen wir darauf achten, dass die Förderung zielgenau erfolgt. Das ist bei einer Steuererleichterung schwierig, im Gegensatz etwa zur Hightech-Strategie, wo fünf Bedarfsfelder benannt sind: Gesundheit, Klima und Energie, Sicherheit, Mobilität und Kommunikation. Politik und Chemieindustrie sollten diese Eckpunkte gemeinsam mit Leben füllen.

Vernetzung fördern

Dröscher: Herr Wießmeier, ist Vernetzung für Altana wichtig?

Wießmeier: Das Unternehmen selbst ist ein Netzwerk aus dezentral operierenden Unternehmen unter dem Dach einer strategischen Holding. Altana unterhält keinen zentralen Forschungsbereich; Innovation ist kunden- und kompetenzgetrieben. Daher ist die Vernetzung mit dem Kunden und Entwicklungspartnern essenziell. Wir folgen den Märkten genau wie andere Unternehmen. Die Clusterförderung auf nationaler und regionaler Ebene wie in Nordrhein-Westfalen unterstützt den Aufbau von Netzwerken vor Ort, insbesondere auf neuen Hightech-Gebieten wie der industriellen Biotechnik. Wenn dadurch die Spezialchemieproduktion im Lande bleibt, dann bleibt auch die Forschung hier.

Dröscher: Was tut das KIT, um den Kontakt zur Industrie zu stärken, Herr Hippler?

Hippler: Da zentrale Forschungsabteilungen in Unternehmen nicht mehr zeitgemäß sind, tragen wir den unternehmerischen Gedanken in die Forschung: Mit IP3 - innovative Produkte, intelligente Partikel, integrierte Prozesse - haben KIT und BASF ein dezentral organisiertes Labor für Verfahrenstechnik gegründet. Von Seiten des KIT beteiligen sich fünf Institute. Dann gibt es die Professur für Entrepreneurship und zudem studentische Aktivitäten zur Unternehmensgründung: Bei uns steht zum Beispiel ein Container, in dem studentische Gründer andere Studierende bei der Unternehmensgründung beraten. Das Center für Innovation & Entrepreneurship ist eine Initiative von Gründern für Gründer. Die Studenten sollen früh lernen, ihre eigenen Ideen umzusetzen.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: September 2010

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