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»Wir haben mehr Autonomie«

Das Gespräch führte THOMAS KERSTAN

Warum eine niederländische Uni von deutschen Studenten überrannt wird: Ein Gespräch mit dem Rektor Martin Paul.

»Wir haben mehr Autonomie«© Arjen SchmitzDie gute Lehre lockt auch viele ausländische Studenten nach Maastricht
DIE ZEIT: Herr Paul, die Universität Maastricht schneidet bei Hochschulrankings regelmäßig hervorragend ab. Wie ernst nehmen Sie solche Ranglisten?

Martin Paul: Ich sehe sie pragmatisch. Sie sind da, sie werden von Studenten und Professoren wahrgenommen, und man kann aus ihnen lernen. Ein guter Platz in den Rankings ist für uns nicht das Ziel, er muss vielmehr Resultat der institutionellen Strategie sein. Ranglisten sind für uns auch wichtig, weil wir 50 Prozent Studierende aus dem Ausland haben. Da wirst du immer gefragt: Wie stehst du in den Rankings? Wir nutzen sie zum Marketing und zur Qualitätskontrolle. Mehr nicht.

ZEIT: Sie kennen das deutsche und das niederländische Hochschulsystem von innen. Worum beneiden Sie Ihre Kollegen in Deutschland?

Paul: Der Beamtenstatus, den man als Professor genießt, ist angenehm. Nicht nur für einen persönlich, sondern auch, um die Freiheit von Forschung und Lehre zu sichern.

ZEIT: Wenn der Professor gut ist, ist das ein Segen ...

Paul: Bei einer Fehlberufung hat man 30 Jahre ein Problem. Das ist hier anders: Geld gibt es nur auf Zeit, und ein Forschungsgruppenleiter, der langfristig keine Leistung bringt, kann abgesetzt werden.

ZEIT: Wie überprüfen Sie die Leistung?

Paul: Jeder führt jährlich ein Evaluationsgespräch mit seinem Vorgesetzten. Der Assistent mit dem Professor genauso wie ich mit meinem Aufsichtsrat. Das ist kein Kaffeeklatsch. Man schreibt auf, was man erreichen will, und das wird überprüft.

ZEIT: Worum beneiden Sie Ihre Kollegen in Deutschland noch?

Paul: Um die DFG, die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

ZEIT: Inwiefern?

Paul: Bei der DFG verteilen die Wissenschaftler selber einen Großteil der staatlichen Forschungsgelder. Um die kann ich mich als Forscher im Wettbewerb mit anderen bewerben. Dazu kommen noch diverse staatliche Forschungsgelder obendrauf. In den Niederlanden sind die Forschungsmittel geringer. Mit der Exzellenzinitiative hat der deutsche Staat noch einmal zusätzliche Forschungsgelder mobilisiert, um die Spitzenforschung zu fördern. So etwas gibt es hier nicht. Wenn es hier mehr Geld gibt, wird es an anderer Stelle eingespart. Hier sagt man, die Zigarre, die einem angeboten wird, kommt aus der eigenen Schachtel.

ZEIT: Sie waren Dekan an der Charité in Berlin. Worum beneiden die Kollegen in Deutschland Sie?

Paul: Darum, dass ich mich hier aufs akademische Kerngeschäft konzentrieren kann. In Deutschland ist gleich alles ein Politikum. Wenn an der Charité etwas passiert, dann steht das am nächsten Tag in der Zeitung mit der Frage, was die Landesregierung zu tun gedenkt.

ZEIT: Was fällt Ihnen beim Blick in die Heimat auf?

Paul: Deutschland ist auf einem guten Weg. Die Aufhebung des Kooperationsverbots ist ein wichtiger Schritt. Jetzt darf der Bund wieder direkter in die Hochschulfinanzierung eingreifen. Auch die außeruniversitäre Forschungsstruktur ist großartig: die Max-Planck-Gesellschaft für die exzellente Grundlagenforschung, die Helmholtz-Gemeinschaft unter anderem für große Infrastrukturforschungsthemen, die Fraunhofer-Gesellschaft für die angewandte Forschung.

ZEIT: Wo bleibt das Negative?

Paul: Was nicht ausreichend gelingt, und da sind wir beim Humboldtschen Bildungsideal, ist es, diese Forschung optimal mit der Lehre zu verbinden.

ZEIT: Warum nicht?

Paul: Ein Grund ist die zu geringe Grundfinanzierung der Universitäten. Ein deutscher Uni-Präsident sagte mir: Es wird viel Geld für Butter ausgegeben, aber ich brauche Brot. Als ich noch in Berlin war, und das war ein Grund zu gehen, musste der Senat sparen und hat die Mittel der Hochschulmedizin um ein Drittel gekürzt.

ZEIT: Ist das in den Niederlanden nicht möglich?

Paul: Nicht so leicht, die Universitäten sind hier staatsferner. Im Aufsichtsrat meiner Uni, der von der Ministerin eingesetzt wurde, sitzen keine Politiker, sondern unter anderem eine ehemalige Operndirektorin, eine deutsche Rektorin und ein Industrievorstand. Der Aufsichtsrat ernennt das Präsidium. Der Staat beschränkt sich auf hoheitliche Aufgaben, etwa die langfristige Budgetierung. Der Aufsichtsrat überwacht die Strategie der Hochschule und deren Umsetzung. Die Aufgaben werden hier streng getrennt. Wir haben dadurch mehr Autonomie.

ZEIT: Und sind näher am Humboldtschen Ideal?

Paul: Ja. Humboldts Credo war: Autonomie ist wichtig, und die Raison d'Être der Universität ist, dass sie die Forschung mit der Lehre verbindet. Deshalb sind niederländische Hochschulen oft näher an Humboldt als die deutschen. Dort denkt man in der Regel, dass Forschung und Lehre qua Definition gekoppelt sind. De facto fließt das Geld dann aber größtenteils in die Forschung.

ZEIT: Warum wählen so viele deutsche Studenten Ihre Uni?

Paul: Weil sie hier eine Ausbildung bekommen, die für den internationalen Arbeitsmarkt viel attraktiver erscheint als die in Deutschland.

ZEIT: Wie verbinden Sie denn Forschung und Lehre?

Paul: Das muss man regelrecht organisieren. Einer der Mechanismen ist: Wir bekommen eine Grund- und eine Leistungsfinanzierung für die Forschung wie für die Lehre. Das sind getrennte Budgets.

ZEIT: Bekommen das auch die Professoren zu spüren?

Paul: Ja, Hochschullehrern, die in der Lehre nicht die nötige Leistung bringen, kann das Budget für die Lehre entzogen werden. Das geschieht nicht oft, aber es geschieht. Das schafft eine andere Stimmung. Es gibt noch einen Anreiz.

ZEIT: Und zwar?

Paul: Wir bekommen einen Teil unseres Lehretats für die Studenten, die ihr Studium beginnen - ein anderer Teil richtet sich danach, wie viele in der Regelstudienzeit plus ein Jahr den Abschluss machen. Dadurch fühlen wir uns verpflichtet, das Studium studierbar zu gestalten.

ZEIT: »Studierbar« ist für viele Kritiker ein Synonym für »verschult«.

Paul: Wenn man damit die akademische Leistung meint, dann muss ich in aller Bescheidenheit anmerken, dass diese bestimmt nicht schlechter ist als die der deutschen Universitäten, die ich gut kenne, wie Berlin und Heidelberg. Von den Kritikern guter Lehre wird immer vom Ablauf auf den Inhalt gefolgert, und das ist grundfalsch.

ZEIT: In Deutschland stöhnen viele Professoren über Bologna, die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge.

Paul: In Deutschland hat man oft etwas gedankenlos eine neue Studienstruktur auf den alten Rhythmus von Vorlesungszeit und langen vorlesungsfreien Zeiten gepresst. Das haben wir hier komplett durchbrochen. Wir haben nur Studienjahre, die wir in Blöcke einteilen, in denen die Studenten, vor allem in Maastricht, relativ große Freiräume haben. Wenn es Verschulen ist, dass die Studienabläufe besser organisiert sind, dann sind wir verschult; aber nicht unakademisch.

ZEIT: Forschen die Studenten denn auch?

Paul: Bei uns meistert jeder Bachelorstudent in einem halben Jahr seiner drei Jahre ein Forschungsprojekt, das mit einer Bachelorarbeit endet. Wissenschaftlich orientiertes Lernen steht bei uns vom ersten Tag des Studiums an im Mittelpunkt.

ZEIT: Employability, zu Deutsch Beschäftigungsfähigkeit, wird auch mit Bologna verbunden und von vielen in Deutschland entschieden abgelehnt. Das sei Ausbildung statt Bildung.

Paul: Ach Gott. Nur die wenigsten unserer Studenten bleiben doch als Forscher an der Uni. Wir müssen auch Fachkräfte für Wirtschaft und Verwaltung auf akademischem Niveau heranbilden. 83 Prozent unserer Absolventen haben nach einem Jahr in ihrem Studienfach Arbeit gefunden. Ich gehe auf die Barrikaden, wenn mir jemand sagt, dass sei unakademisch! Wir machen hier ausgezeichnete Grundlagenforschung, wir haben große akademische Freiheiten - aber am Ende kriegen wir das Geld vom niederländischen Steuerzahler als öffentliche Einrichtung, und da müssen wir uns fragen lassen, was macht ihr denn für uns? Ich forsche ja nicht zu Hause in meiner Garage und kaufe mir alles selbst, sondern benutze Steuergelder.

ZEIT: Welchen Rat geben Sie Ihren Kollegen in Deutschland?

Paul: Dass sie das System nicht immer nur kritisieren, sondern die neuen Chancen auch beim Schopf packen.

ZEIT: Welche meinen Sie?

Paul: Man kann das Bachelor-Master-System wunderbar als »Baukasten« handhaben. An unserem University-College nach amerikanischem Vorbild bieten wir etwa einen sehr breit angelegten Bachelor an, auf den man dann einen spezialisierten Master draufsetzen kann. Nicht jeder Student, der kommt, weiß schon mit 17, dass er Jurist werden will oder Arzt. Man darf sich nicht hinter Worthülsen wie »Humboldt« oder »akademische Freiheit« verstecken. Man muss sich um Qualität kümmern, in der Forschung wie in der Lehre.


Über den Interviewten
Seit 2011 ist der deutsche Pharmakologe, Jahrgang 1958, Präsident der niederländischen Universität Maastricht. Bis 2008 war er Dekan der Charité in Berlin. Seine Hochschule gehört zu den europäischen Top-Universitäten. Sie hat 15.559 Studenten, davon 7.364 Ausländer, unter ihnen 3.740 Deutsche - und hat sich einer exzellenten Lehre verschrieben.

Aus DIE ZEIT :: 28.05.2015

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