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"Wir irren uns empor"

INTERVIEW MIT HARALD LESCH

Fragen an Professor Lesch, den Hochschullehrer des Jahres 2012. Der Physiker der Ludwig Maximillians-Universität in München ist der erste seines Fachs, der diese Auszeichnung erhält und vor allem in den Medien für sein Fach Physik wirbt.

"Wir irren uns empor"© Forschung & LehreProfessor Harald Lesch lehrt Astrophysik an der Ludwig Maximillians-Universität München und ist Hochschullehrer des Jahres 2012.
Forschung & Lehre: Im vergangenen Jahr hatten Wissenschaftler des Forschungszentrums Cern etwas Verblüffendes gemessen: Sie haben einen Neutrino-Strahl vom Forschungszentrum Cern bei Genf zum italienischen Gebirgsmassiv Gran Sasso geschossen und festgestellt, dass manche der Partikel, Neutrinos, schneller unterwegs waren, als es Albert Einsteins Relativitätstheorie erlaubt - also schneller als das Licht. Ein Messfehler, ein loses Kabel oder wäre dies denkbar?

Harald Lesch: In der Rechtsprechung gibt es die gute Tradition: keine Aussagen zu einem laufenden Verfahren. Ich will mich zwar damit nicht herausreden, aber ich denke der Vergleich von Experiment und Gerichtsverfahren ist angebracht. Die Kollegen am CERN tun alles, um mögliche Zweifel an ihren Aussagen zu zerstreuen, in dem sie immer genauere Messverfahren verwenden. Die Abweichungen vom Erwartungswert sind allerdings derartig winzig, dass es nach allem Augenschein in der Tat eine bisher noch nicht entdeckte Lücke in der Datenanalyse sein könnte, die den beobachteten Effekt hervorgerufen hat. Warten wir auf die Ergebnisse alternativer Neutrino-Experimente.

F&L: Der vielzitierte Satz von Heidegger: "Die Wissenschaft denkt nicht" wird meist nicht recht ernstgenommen. Immerhin hat ihn vor einigen Jahren der Schriftsteller Durs Grünbein, an den Naturwissenschaften sehr interessiert, als in seiner Schlichtheit absolut wahren Satz bezeichnet. Er meinte, die Wissenschaft forsche, beschäftige sich mit Prozeduren und Modellen, mit Formeln etc. Jeder für sich tue etwas, aber alle zusammen denken nicht. Sie denken nicht an das gemeinsame Ganze, die Wissenschaft habe einen Tunnelblick. Wie sehen Sie das?

Die Auszeichnung "Hochschullehrer des Jahres"

geht erstmals an einen Physiker, der sich dadurch auszeichnet, für sein Fach in der Medienöffentlichkeit zu werben. Fragen zu dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, und über weniger Grundsätzliches.
Harald Lesch: Für einen Außenstehenden könnte in der Tat der Eindruck entstehen, dass nicht an das gemeinsame Ganze gedacht wird. Vielmehr scheint der Wissenschaftsalltag geprägt zu sein von experimentellen oder theoretischen Projekten, die sich Einzelzielen verschrieben haben. Es gibt aber genügend Konferenzen und Workshops, die sich sogar ausdrücklich dem großen Ganzen, also der Verbindung des Allerkleinsten mit dem Allergrößten oder der Verbindung der Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft widmen. Beispielhaft ist die Verbindung von Kultur- bzw. Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften im Rahmen des Themas Klimawandel oder Energiewende, die sich im Begriff des Anthropozäns, wie der Mensch die Welt verändert, fokussiert. Die physikalischen, chemischen, biologischen und geologischen Voraussetzungen spielen für die Entwicklung des Homo Sapiens eben eine überragende Rolle. Gleiches gilt für den Forschungsgegenstand der Evolution, der schon seit langem nicht mehr nur als biologischer Terminus behandelt wird, sondern ganz allgemein auf die Entwicklung der gesamten Natur, vom Kosmos bis hin zur Entwicklung von Kulturen, Sprachen und Religionen verstanden wird.

F&L: Wird die Physik eine Weltformel finden?

Harald Lesch: Gute Frage, nächste Frage. Die Weltformel ist ein Ziel, das möglicherweise nie erreicht wird, dem man sich aber stufenweise annähern wird. Wie es Gerhard Vollmer so treffend ausdrückt: "Wir irren uns empor", das Wechselspiel von Theoriebildung und Überprüfung durch möglichst präzise Experimente wird uns auch hier weiterhelfen.

F&L: Es wird immer wieder von der Verantwortung der Naturwissenschaften gesprochen. Das geschah z.B. auf besondere Weise durch einige der Atomphysiker im 20. Jahrhundert. Heisenberg, Schrödinger, Einstein, Weizsäcker - allesamt "Humanisten mit schlechtem Gewissen". Konnten sie die Folgen ihrer Entdeckungen und deren Anwendung nicht absehen?

Harald Lesch: Unmittelbar nach ihren Entdeckungen hatten die Entdecker in der Tat Schwierigkeiten, die Folgen zu erkennen. Das liegt aber in der Natur von revolutionären Entdeckungen. Gerade aber die genannten Physiker haben sich sehr engagiert in Politik und Öffentlichkeit eingemischt und immer wieder gewarnt.

F&L: Sie sind zum Hochschullehrer des Jahres gewählt worden. Was bedeutet dies für Sie?

Harald Lesch: Der deutsche Hochschulverband als Standesvertretung der deutschen Professorenschaft würdigt meine Arbeit, das ehrt mich sehr. Es ist Kollegenlob und das ist schließlich eine der seltensten Erscheinungen im Universum.

F&L: Sie wollen physikalische Forschung einem breiten Publikum verständlich machen. Was treibt Sie dazu an?

Harald Lesch: Die Naturwissenschaften sind ein Produkt der philosophischen Strömung der Aufklärung. Wir sollten den Mut haben, unseren Verstand zu benutzen, und damit verhindern, dass wir Opfer von irrationalen Ideologien oder Dogmen werden. Gerade die Physik ist ein Paradebeispiel für unsere rationalen Fähigkeiten, und sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihren Prozesscharakter nie verlieren wird. Sie ist ein niemals abzuschließendes Projekt der Vernunft, die vorbildlich mit unseren Zweifeln und Irrtumsmöglichkeiten umgeht, indem sie sich als empirische Wissenschaft immer dem kritischen Rationalismus verbunden fühlt, wenn sie fordert: "Jede empirische Theorie muss an der Erfahrung scheitern können!" Zugleich ist diese prinzipielle Offenheit der Wissenschaften auch das Fundament für den Betrieb der Universitäten. Die Faszination der Beschäftigung des menschlichen Erkenntnisvermögens mit der den Menschen hervorbringenden Natur, das ist der Grund für mich, der Öffentlichkeit darüber zu berichten, was wir tun.

F&L: Die Quantentheorie zeichnet sich u.a. durch ihre Unanschaulichkeit aus, dadurch, dass Kernthesen der Alltagserfahrung völlig zuwiderlaufen. Hat die Popularisierung hier nicht eine Grenze?

Harald Lesch: Klar gibt es Grenzen, trotzdem sollte man sich nie entmutigen lassen. Dazu ist gerade die Quantenmechanik, als Grundlage für weite Teile moderner Technologien, viel zu wichtig. Entscheidend ist aber immer, diese Grenzen in der Popularisierung anzusprechen und damit auch dem Handwerk des Wissenschaftlers den nötigen Respekt und die nötige Anerkennung zu geben. Das Menschen Jahre studieren müssen, um ein Fach zu beherrschen ist ja kein Zufall. Erstklassige Leistungen in allen Bereichen bestehen eben immer nur zu 10 Prozent aus Inspiration, aber zu 90 Prozent aus Transpiration, und man sollte sich nicht scheuen auch mal die "dreckige Küche" zu zeigen und nicht nur das fertige Fünf-Gänge-Menü.

F&L: Sie haben auch lange Zeit Gespräche über philosophische Fragen und die Geschichte der Philosophie geführt. Was kann ein Physiker von der Philosophie lernen?

Harald Lesch: Physik war viele Jahrhunderte experimentelle Philosophie. Erst seit dem 19. Jahrhundert haben sich diese beiden Fächer aus methodischen Gründen getrennt. Heute können Physiker durch die Philosophie vor allem die Grundlagen ihrer Wissenschaft wieder neu kennen lernen. Warum ist die Physik, als quantitative Wissenschaft, so erfolgreich? Wie weit reicht die Anwendbarkeit physikalischer Ergebnisse und Methoden auf andere Wissenschaftsbereiche? Was setzen wir voraus, wenn wir Physik betreiben? Gelten die Naturgesetze überall im Universum? Das sind Fragen, die sich immer mal wieder im Einleitungsteil von Forschungsanträgen finden und die sich letztlich nur durch Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie behandeln lassen. Am Large-Hadron-Collider in der Schweiz wird gerade nach den Fundamenten der Materiestruktur gesucht und damit nach den Anfängen von Materie während der frühesten Entwicklungsphasen des Universums. Aber letztlich begann diese Suche nach den ewigen Prinzipien, die die Welt erklären könnten, bereits mit den griechischen Naturphilosophen vor 2500 Jahren.

Aus Forschung & Lehre :: März 2012

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