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"Wir müssen uns nicht verstecken"

VON JAN-MARTIN WIARDA

Kleine Kurse, gute Dozenten und eine offene Atmosphäre. Warum es sich lohnt, in Mexiko zu studieren.

"Wir müssen uns nicht verstecken"© Valdezlopez - Wikimedia CommonsMexiko gilt unter internationalen Forschern als Geheimtipp
Wenn Carlos Medina durch die Gänge seines Forschungsinstituts spaziert, kommt es ihm so vor, als habe sich nichts verändert in seiner Stadt. Als sei Monterrey immer noch die aufstrebende Metropole im Nordosten Mexikos, mit Universitäten, die im Monatsrhythmus neue Gebäude und Labore einweihen, und Wissenschaftlern, die aus allen Teilen der Welt hierherkommen. Wenn sich der 51 Jahre alte Immunologe aber in sein Auto setzt und auf der Stadtautobahn von zahllosen Polizei-Pick-ups überholt wird, auf deren Ladeflächen vermummte Gestalten mit Maschinenpistolen sitzen, weiß er wieder: Das ist die neue Wirklichkeit von Monterrey. Drogenkrieg. Erst gestern haben sie einen Polizeichef in seinem Auto erschossen, und in der Altstadt bleiben abends die Gassen leer, weil die Leute Angst vor Raubüberfällen haben. Seit eineinhalb Jahren geht das so. Kann man da noch guten Gewissens Ausländer in die Stadt einladen? »Man kann«, sagt Medina, einst Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), St.-Pauli-Fan und bis vor Kurzem Direktor für internationale Beziehungen an der Universidad Autónoma de Nuevo León. Er sagt es auf Deutsch, er hat seinen Doktor am Hamburger Tropeninstitut gemacht. Dann fügt er, fast flehentlich, hinzu: »Wir passen gut auf unsere internationalen Studenten auf.« Rund 150 von ihnen kommen normalerweise pro Jahr an die UANL. Diesen Herbst werden es deutlich weniger sein. Da gilt das Land, was viele überraschen mag, unter internationalen Forschern endlich als Geheimtipp, hat Milliarden in seine Hochschulen und Forschungszentren investiert und sich zu einer der führenden Wissenschaftsnationen Lateinamerikas aufgeschwungen. Doch anstatt dafür Anerkennung zu ernten, schreien die Schlagzeilen rund um den Globus abwechselnd »Gewalt!« oder »Schweinegrippe!«. Und eine Reisewarnung des Außenministeriums empfiehlt den US-Bürgern, gleich ganz Mexiko zu meiden, woraufhin viele amerikanische Unis ihre Austauschprogramme komplett eingestellt haben.

Manche schreckt der Straßenverkehr mehr als die Bandenkriege

Wer dann mit den verbliebenen ausländischen Studenten ins Gespräch kommt, erlebt eine Überraschung: Sie sind begeistert von dem Land, das sie aufgenommen hat, sie wollen nirgendwo anders sein. Der Drogenkrieg schreckt sie weniger als der Straßenverkehr. »Das machen die Mafiabanden unter sich aus«, sagt Mira Pohlke, 22, die an der Bochumer Ruhr-Universität Spanisch und Germanistik studiert. Mira trifft man im Tres Lunas, einer Kneipe ausgerechnet in Monterreys Altstadt, mit Sitzecken zum Herumlümmeln und Kritzeleien an den Wänden. Mira gegenüber hocken Lisa Rosenbusch, 21, ebenfalls aus Bochum, und Dorte Jansen, 26, die seit ihrem Abschluss in Marburg an der UANL Deutsch unterrichtet. Dorte widerspricht: »Das war früher so. Heute nehmen die Banden weniger Rücksicht auf Zivilisten, wenn die im Weg stehen.« Wobei auch Dortes gefährlichstes Erlebnis bislang mit mexikanischen Autofahrern zu tun hatte. Es hat sie auf dem Fahrrad erwischt, der Unfall ging noch glimpflich aus. Die Mexikaner seien keine Radfahrer gewöhnt. Dorte fährt jetzt Rollerblades. Lisa und Mira hoffen, dass sie ihre Kurse an der UANL anerkannt bekommen. Aber selbst wenn nicht, sagt Lisa, die Zeit hier sei es definitiv wert: Wer nach Spanien gehe, der bleibe im Grunde zu Hause. »Ich wollte hinaus in die Welt. Mexiko ist wirklich anders. So offen und spontan. Eine Mischung aus europäischer und indianischer Kultur.« Natürlich gehen sie auch hier feiern, sie verlassen sich dabei auf das Gespür ihrer mexikanischen Freunde. »Wenn die sagen, ein Club ist nicht sicher, gehen wir nicht hin.« Ansonsten trifft man sich jetzt öfter mal zu Hause. Bei Facebook lesen sie manchmal Berichte von Mitstudenten, die Schüsse gehört haben.

Selbst an großen Unis kennen die Professoren die Namen der Studenten

Dass bislang nicht so viele Ausländer die Universitäten des Landes bevölkern, hat eine Menge Vorteile: Die typischen Erasmus-Enklaven europäischer Hochschulen gibt es hier nicht. Man muss sich auf die Einheimischen einlassen. Umso mehr, weil es an mexikanischen Universitäten kaum Wohnheime gibt und die Ausländer meist in Gastfamilien untergebracht werden. Was übrigens typisch ist für das Land: Auch die meisten mexikanischen Studenten wohnen noch zu Hause.

Rund 400 Deutsche fördert der DAAD derzeit in Mexiko. Eine im Vergleich etwa zu Brasilien geringe Zahl, doch sie steigt, wenn auch langsam - trotz aller schlechten Schlagzeilen. Der Zuwachs verteilt sich allerdings ausschließlich auf die anderen Regionen des Landes. »Das, was da im Norden derzeit passiert, ist traurig«, sagt denn auch Martha Navarro Albo. »Aber es trifft uns nicht.« Navarro Albo hat die neu geschaffene Stelle der Vizepräsidentin Internationales an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) inne, in Mexico City, 800 Kilometer südlich von Monterrey. Vom Rektoratsturm aus geht ihr Blick auf die Ciudad Universitaria zehn Stockwerke unter ihr. 2007 hat die Unesco den in den fünfziger Jahren errichteten Campus als »Ikone der Moderne Lateinamerikas« zum Weltkulturerbe erklärt, inklusive des grandiosen Olympiastadions und der Uni-Bibliothek, deren Mosaikfassade die Geschichte Mexikos erzählt. Auch sonst ist die UNAM eine Uni der Superlative mit 35 000 Wissenschaftlern, die geschätzte 40 Prozent der nationalen Forschungsleistung erbringen, und sage und schreibe 305 000 Studenten.

Wobei man davon 100 000 abziehen muss, die in Wirklichkeit Gymnasiasten sind: Die wichtigsten Unis übernehmen in Mexiko nämlich einen Teil der Schulausbildung - eine sehr effektive Strategie, um den eigenen Nachwuchs heranzuziehen. Auf 10 000 ausländische Studenten will Navarro Albo eines Tages an der UNAM kommen, und auch die eher reisefaulen Mexikaner sollen anfangen, zumindest ein Semester lang ins Ausland zu gehen. Im ersten Jahr hat die Stanford-Absolventin dafür schon etliche Millionen Dollar an Stipendien eingeworben. »Die Botschaft an die Forscher und Studenten in aller Welt ist: Wir müssen uns hier nicht verstecken. Und wir tun es auch nicht mehr.« Tatsächlich: Selbst an einer der größten Universitäten der Welt übersteigen die Kurse kaum 20 Teilnehmer, und wie üblich an mexikanischen Hochschulen kennen die Dozenten hier fast durchgängig die Namen ihrer Studenten. Klingt gemütlich, ist aber auch Ausdruck der sogar für deutsche Bologna-Verhältnisse extremen Verschulung: Kaum Wahlfreiheit, jede Woche schriftliche Hausarbeiten und drei Klausuren im Semester sind die Regel. Und von der Abschaffung der Anwesenheitspflicht redet hier keiner.

Dennoch sagt Nina Lienenkämper: »Man muss nur etwas Glück haben, dann kriegt man Weltklasse geboten.« Die 28-Jährige studiert an der Berliner Humboldt-Universität und schreibt an der UNAM ihre Masterarbeit über lateinamerikanische Literatur. Sie schwärmt vom hohen Niveau der Masterkurse, in denen viele Studenten Berufserfahrung haben und älter sind, als Nina es von zu Hause gewöhnt ist. Wahr ist aber auch: Wie jede Hochschule ihrer Größe vereint die UNAM die besten und die miesesten Dozenten. Ganz im Gegenteil etwa zum exklusiven Colegio de México, das für die Verhältnisse der 20-Millionen- Megacity um die Ecke liegt. Geforscht wird hier ausschließlich in den Geistes- und Sozialwissenschaften, auf 300 handverlesene Wissenschaftler kommen 300 Master- und Promotionsstudenten, darunter auch einige Deutsche. Das Colegio koordiniert das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Internationale Graduiertenkolleg »Zwischen Räumen/ Entre Espacios«, das deutsche und mexikanische Wissenschaftstraditionen einander näherbringen soll. Angesichts der UNAM und des ebenfalls staatlichen Colegios erscheint ein von Teilen der mexikanischen Mittelschicht gepflegtes Klischee absurd: dass die öffentlichen Unis im Land wenig taugten, dass echte Studienqualität nur bei den Privaten zu haben sei. Mittlerweile ist mehr als die Hälfte der Hochschulen in nicht staatlicher Trägerschaft, auch wenn die große Mehrheit der Studenten die staatlichen Unis besucht. 10 000 Euro Gebühren im Jahr sind bei den Privaten keine Seltenheit, dafür bekommen die Studenten nicht immer den höheren wissenschaftlichen Anspruch, aber Campus, die in Sachen Weitläufigkeit und Eleganz US-Spitzen-Unis in nichts nachstehen. Die größte Privathochschule des Landes mit über 90 000 Studenten ist das Tecnológico de Monterrey, gegründet vor über 70 Jahren von wohlhabenden Geschäftsleuten. Praxisbezug und die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse unter dem Gesichtspunkt der Anwendbarkeit ist ihr Credo, und es ist kein Zufall, dass das an deutsche Fachhochschulen erinnert. Die gehören zu den beliebtesten Partnern des »Tec«, das in Rankings in die Top Five der mexikanischen Hochschulen aufgestiegen ist. Mittlerweile unterhält das Tec über das ganze Land verstreut 29 Niederlassungen, eine davon in Santa Fe, auf einem der Bergrücken, die Mexico City umschließen.

Katharina Fuß, 26, liebt es, hier oben auf der Terrasse vor ihrem Institut zu sitzen, mit einem Orangensaft vom Coffeeshop nebenan. Von hier, sagt sie, könne man sogar erkennen, dass das 2300 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Plateau, auf dem die Stadt steht, vor 500 Jahren noch ein See war. »Die Stadt«, sagt sie, »das ist für mich einfach nur el monstro.« Sie sagt es zärtlich, als sei es das größte Lob, das man sich vorstellen kann, und streckt den Arm aus in Richtung der nach allen Seiten wuchernden Ansammlung von Häusern und Straßen, über der sich die ewige Dunstglocke schlechter Luft wölbt. Sie liebt die Rastlosigkeit da unten, den Stress, die Kreativität und den Optimismus. Nein, Katharina will nicht mehr weg aus Mexiko. Besser gesagt: Sie kommt immer wieder her, schon zum fünften Mal. Und diesmal hat sie es besonders geschickt angestellt: Sie hat sich für den Master in International Business an der Fachhochschule Mainz eingeschrieben, zusammen mit ihrem Dekan ein neues Austauschprogramm mit der Tec eingefädelt und sich als erste Teilnehmerin hersenden lassen. Ein Semester lang hat sie nach Lust und Laune Kurse belegt, jetzt verbringt sie die meiste Zeit in der Filiale eines deutschen Automobilzulieferers und forscht, wie stark dessen Marke in Mexiko verankert ist.

Die Zeit ist günstig, sich für ein Stipendium zu bewerben, sei es vom DAAD oder vom mexikanischen Wissenschaftsrat Conacyt, der Doktorandenplätze an einem seiner 27 exzellenten Forschungszentren auch für Ausländer fördert. Denn die mexikanischen Universitäten basteln voll Ehrgeiz an ihrer Internationalisierung, die Partnerschaften mit deutschen Hochschulen nehmen zu. Gleichzeitig ist der deutsche Ansturm auf die Stipendien noch nicht groß. Carlos Medina hofft derweil, dass sich auch in Monterrey die Lage wieder zum Besseren wendet. »Früher haben sogar Besucher aus Skandinavien gesagt, dass sie sich bei uns noch sicherer fühlen als zu Hause«, beteuert er. Diese Woche kommt eine Delegation bayerischer Hochschulrektoren, inklusive Wissenschaftsminister. Sie wollen schauen, was sich in Mexiko wissenschaftlich so getan hat. Erst werden sie ein bisschen zittern, wenn sie draußen am Flughafen stehen. Und dann überrascht sein. Positiv.

Aus DIE ZEIT :: 03.03.2011

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