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"Wir müssen zukunftsoffen bleiben"


Das Gespräch führten CHRISTIANE GREFE und ULRICH SCHNABEL

Wissenschaftler sind zunehmend als Politikberater gefragt. Was haben sie dem Parlament voraus? Und wie können sie helfen, die Konflikte um Stromtrassen, Windparks oder Atom-Endlager zu entschärfen? Ein Gespräch mit Ortwin Renn und Reinhard Hüttl von der Energie-Ethikkommission.

"Wir müssen zukunftsoffen bleiben"© acatech - Deutsche Akademie der TechnikwissenschaftenOrtwin Renn ist Professor für Umwelt- und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart
DIE ZEIT: Herr Hüttl, Herr Renn, Sie gehören beide der Ethikkommission Sichere Energieversorgung an. Weshalb braucht es zur Frage des Atomausstiegs, der seit Jahren diskutiert wird, noch ein neues, demokratisch nicht legitimiertes Gremium? Sollte diese Diskussion nicht im Parlament stattfinden?

Ortwin Renn: Wir brauchen solche Gremien, weil die Parlamente nicht die ganze Fülle der Gesellschaft spiegeln können. Die Welt ist zu komplex geworden, zu unsicher, zu plural. Da ist es mit der althergebrachten Gewaltenteilung nicht mehr getan. Ich denke, es ist weitsichtig, Zukunftsfragen in dieser Weise in der Gesellschaft stärker zu verankern. Wenn die Medien als vierte Gewalt gelten, dann könnte man die Beratungs- und Vorbereitungsgremien die fünfte Gewalt nennen.

Reinhard Hüttl: Wir befinden uns im Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft. Schauen Sie sich den Akademisierungsgrad der Gesellschaft an. Die Bürger sind heute besser informiert und gut ausgebildet. Sie können per Internet an jedem Ort Studien aus allen Bibliotheken der Welt abrufen - und sie wollen mitreden. Dass sich daraus bei gravierenden Entscheidungen wie der über den Atomausstieg andere Abläufe ergeben, ist doch selbstverständlich.

ZEIT: Spiegelt die Ethikkommission die Bevölkerung besser wieder als das Parlament?

Renn: Nein, die Ethikkommission kann aber die Diskussion um die Zukunft der Energieversorgung im Parlament gut vorbereiten. Die Kommission bringt vor allem Bewertungsspezialisten zusammen, die beispielsweise als Akademiepräsidenten hohe Urteilskraft über alle Disziplinen hinweg besitzen oder sich als Ethiker und Sozialwissenschaftler mit der Bewertung von Risiken und Technologien auseinandergesetzt haben. Auch die Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchen oder der Parteien stehen für Bewertungen in der Gesellschaft. Daneben sind Industrie- und Gewerkschaftsinteressen vertreten.

ZEIT: Aber weder Vertreter der Energiewirtschaft noch das Anti-Atomkraft-Lager sitzen in der Kommission.

"Wir müssen zukunftsoffen bleiben"© acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften Reinhard Hüttl ist Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech
Renn: Meinem Eindruck nach hat man die ganz entschiedenen Lager ausgeklammert, damit die Kommission nicht bloß alte Positionskämpfe wiederholt. Das kann man kritisieren. Der Sache war es zuträglich, weil wir in der Ethikkommission eine sehr sachliche Debatte und keine Fensterreden gehört haben.

ZEIT: Wissenschaftler scheinen durch solche Kommissionen - die fünfte Gewalt - zusehends mehr Einfluss in politischen Fragen zu erhalten. Was aber, wenn die Bundesregierung Ihre Ratschläge nicht übernimmt? Das wäre ein herber Gesichtsverlust.

Hüttl: Wir geben zunächst einmal Empfehlungen ab. Das heißt nicht, dass wir keine Verantwortung tragen. Und natürlich hätten wir gern, dass unsere Vorschläge umgesetzt würden. Aber eines muss uns auch immer klar sein: Die politische Entscheidung trifft der demokratisch legitimierte Deutsche Bundestag.

Renn: Dennoch entsteht durch solche Gremien ein politischer Druck. Je mehr Beachtung die Ethikkommission in den Medien erfährt, desto schwieriger wird es für Regierung und Parlament, unsere Empfehlungen zu ignorieren. Das müssten sie sehr gut begründen.

ZEIT: Viele sehen die Kommission vor allem als Instrument Angela Merkels, die Atomkraftbefürworter in der CDU umzustimmen. Werden Sie da nicht als Wissenschaftler parteipolitisch instrumentalisiert?

Hüttl: Parteipolitik ist nicht mein Thema. Es gibt ja längst ein gemeinsames Ziel: Raus aus der Atomenergie - rein in die erneuerbaren Energien. Dafür müssen wir aber das Energiesystem insgesamt umbauen. Diese Wende kann Risiken für die Wettbewerbsfähigkeit darstellen - wenn wir es falsch angehen. Andererseits: Bei Siemens, Bosch, in der Automobilindustrie und in vielen anderen Unternehmen sieht man sehr wohl Chancen im weiten Feld der erneuerbaren Energien. Kürzlich hatten wir ein Treffen der technikwissenschaftlichen Akademien in Paris. Dort betrachten Kollegen die deutsche Ausstiegspolitik mit respektvoller Skepsis: Wenn euch das Experiment gelingt, sagen sie, ist das sicher ein Modell. Deshalb ist es so wichtig, den richtigen Weg zu finden.

ZEIT: Dabei drohen vielerorts Konflikte, weil Anwohner oder Naturschützer nicht nur gegen Atomanlagen, sondern auch gegen Stromtrassen, Biogasanlagen, Windparks oder mögliche Kohlenstoffspeicher Sturm laufen. Wie kann man solche Konflikte befrieden?

Renn: Unser Problem in Deutschland ist, dass die Bürger in der Re gel erst dann beteiligt werden, wenn eine Planung politisch schon abgesegnet ist. Dann geht es oft durch alle Klage-Instanzen und die Sache zieht sich hin. Wir müssen viel frühzeitiger auf die legitimen Bedenken derer eingehen, die etwa neben Stromtrassen leben. Man könnte drei, vier Optionen vorschlagen und dann die Bürger fragen: Welche findet ihr am sinnvollsten? Darüber hinaus brauchen wir neue Modelle, um den Bürgern die Eingriffe schmackhaft zu machen. Wenn sie zum Beispiel an Wind- oder Solarparks beteiligt werden, dann entwickeln sie ein wirtschaftliches Eigeninteresse. Vielleicht findet man auch bei Stromleitungen eine kollektive Form des Ausgleichs für diejenigen, die Belastungen in Kauf nehmen.

ZEIT: Gerade im Bereich der erneuerbaren Energien haben die Bürger selbst viel auf die Beine gestellt. Dennoch kommen sie in der öffentlichen Debatte meist nur als Blockierer und Demonstranten vor. Warum?

Renn: Zu oft wird Bürgerbeteiligung als Durchmarsch der Bedenkenträger und Verhinderungsapostel gewertet, als Kampf David gegen Goliath mit wechselnden Zuschreibungen. Dieser Eindruck trügt: Wenn man es richtig anpackt, wächst zugleich das Interesse der Bürger, sich selber mit konstruktiven Vorschlägen einzubringen. Bei uns in Stuttgart zum Beispiel können sie über Webforen ihre eigenen Entwürfe für die kommunale Planung einreichen. Die werden erst im Netz diskutiert und anschließend auch face to face in Bürgerforen behandelt. Die neue Verbindung des virtuellen mit dem realen Raum, die die Web-2.0-Kommunikation ermöglicht, dient nicht nur dem Protest, sondern auch der Gestaltung.

Hüttl: Ich kann dem nur beipflichten. Nehmen Sie das geplante Pumpspeicherkraftwerk im Hotzenwald im Schwarzwald. Das wurde bisher abgelehnt. Jetzt haben Vertreter von BUND und NABU Bereitschaft signalisiert, ihre Po si tion zu überdenken, nachdem sich die politischen Verhältnisse geändert haben. Man kann eben nicht den Ausstieg fordern und zugleich die erforderliche Infrastruktur kategorisch ablehnen.

ZEIT: Besonders umstritten ist derzeit die Technik zur Abscheidung und Speicherung von CO2 aus Kraftwerken (CCS). Sie, Herr Hüttl, sind als Leiter des Geoforschungszentrums Potsdam an der Erforschung dieser Technik beteiligt. Wie sehr trifft Sie der Protest?

Hüttl: Manchmal werden Projekte mit Argumenten abgelehnt, die wissenschaftlich einfach nicht greifen. Bei CCS zum Beispiel hat ein völlig unzutreffender Vergleich einen Umschwung der Wahrnehmung herbeigeführt. Auf Autoaufklebern wurde die CO2-Speicherung mit der Endlagerung von hochradioaktivem Abfall gleichgesetzt. Von einem Tag auf den anderen wurde eine mit hohen Erwartungen verbundene klimaschützende Technik plötzlich für inakzeptabel erklärt. Wenn ich solche Aufkleber sehe, stimmt mich das nachdenklich. Natürlich muss man die Vor- und Nachteile dieser Technik bewerten - aber auf sachlicher Grundlage.

ZEIT: Wurde CCS nicht auch ausgebremst, weil es Kritik am parlamentarischen Verfahren und der mangelnden Wirtschaftlichkeit gab?

Hüttl: Es gibt Argumente gegen diese Technologie, die wir sehr sorgfältig abwägen müssen. Aber entscheidend ist: Sie müssen wissenschaftlich haltbar sein. An diesem Punkt sind die Wissenschaftsakademien aufgerufen, die Qualität in der Argumentation zu sichern. Natürlich dürfen Probleme nicht wie bei der Kernenergie - Stichwort Endlagerung - unter den Tisch gekehrt werden. Aber eine Wissensgesellschaft muss einen seriösen Abwägungsprozess lernen.

ZEIT: Der Bürger hat inzwischen gelernt, dass die Wissenschaft längst nicht immer mit einer Stimme spricht, sondern dass es zu verschiedenen Positionen unterschiedliche Experten gibt, die diese vertreten. Wer soll da festlegen, welche Argumente taugen und welche nicht?

Renn: Es gibt Erkenntnisse, die allgemeingültig und anerkannt sind. Die Sätze der Thermodynamik etwa wird niemand außer Kraft setzen. Nichtsdestoweniger stimmt es, dass wir bei wissenschaftlichen Anwendungen häufig in einen Bereich der Unsicherheit kommen. Und wenn jemand zum Beispiel CCS aus emotionalen Gründen oder eigenen Interessen ablehnt, dann sucht er so lange, bis er einen Professor findet, der seine Skepsis begründen kann. Im Internet findet man immer Experten, die genau das äußern, was man denkt. Und der einzelne Bürger kann meist nicht nachprüfen, wer recht hat. Es geht also nicht nur um die Argumente als solche, sondern auch um die Glaubwürdigkeit des Wissenschaftlers oder seiner Institution.

ZEIT: Diese Glaubwürdigkeit beansprucht in der Regel der wissenschaftliche Mainstream für sich. Es kann aber auch vorkommen, dass sich Forscher, die zunächst als Skeptiker verrufen werden, später als Avantgarde herausstellen.

Hüttl: Glaubwürdige Wissenschaft muss viel Raum für die Überprüfung des eigenen Wissens zulassen. Wahrheit ist nicht starr, sondern dynamisch. Ich schlage deshalb vor, viel stärker als bisher in einen iterativen Prozess einzusteigen: Bei der Suche nach dem richtigen Weg müssen wir zukunftsoffen bleiben. Wir können zwar Meilensteine setzen, aber es können neue dazukommen, oder wir müssen die Meilensteine auch nach links oder rechts verrücken.

ZEIT: Verabschiedet sich Wissenschaft damit von dem Anspruch, Gewissheiten herzustellen?

Hüttl: Ich glaube, diese Sicht ist überholt. Die Aufgabe des Wissenschaftlers ist es gerade, Dinge immer wieder infrage zu stellen. Nur auf diese Weise kann er das bestehende Wissen sicherer machen und neues Wissen generieren. Das ist der Antrieb der Wissenschaft.

ZEIT: Politiker allerdings sind auf verlässliches Wissen angewiesen.

Hüttl: Politiker fordern von Wissenschaftlern: Sagt mir, was die Fakten sind, dann weiß ich, wie ich zu entscheiden habe! Aber die Faktenlage ist eben längst nicht immer eindeutig - und wir Wissenschaftler sollten dies auch nicht bei der Beratung der Politik suggerieren. Vielfach muss die Politik zwar auf dem besten Wissensstand, aber auf einer unsicheren Wissensbasis handeln. Deshalb brauchen wir dynamische Strategien, die auch zulassen, Annahmen zu korrigieren, wenn sie etwa durch neue technologische Entwicklungen überholt werden.

ZEIT: Wie soll das konkret aussehen - etwa in der Frage der Energiewende?

Hüttl: Auch wenn derzeit die Debatte um die Energiewende häufig auf ein Ausstiegsdatum reduziert wird: Der Zeitrahmen hängt davon ab, wie sich die erneuerbaren Energien entwickeln. Natürlich können wir die denkbaren Szenarien auf dem heutigen Wissensstand beleuchten. Wenn es allerdings bei der Windoder Solarenergie einen Entwicklungsschub gibt, könnte der Ausstieg früher kommen. Und dieser Bewertungsprozess sollte transparent sein und bedarf eines Monitorings. Natürlich brauchen wir eine gewisse Planungssicherheit. Trotzdem müssen wir flexibel bleiben.

ZEIT: Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech schlägt jetzt vor, die Bürger schon bei Forschungsvorhaben stärker zu beteiligen. Wie sähe das in der Praxis aus?

Hüttl: Lassen Sie es mich am Beispiel der Geothermie erklären. Statt einfach zu bohren - wie das etwa in Basel oder Staufen geschehen ist -, sollten solche Projekte von Anfang an ganz offen diskutiert werden. Berlin beispielsweise wird momentan zu 99,9 Prozent fossil mit Wärme versorgt. Auch in der Stadt Berlin wäre eine Geothermiebohrung wissenschaftlich denkbar. Auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof gibt es ja ein freies Feld in der Mitte der Stadt. Ein zugespitztes Beispiel - an dem man sich aber ganz gut ausmalen kann, wie wichtig neben der wissenschaftlichen Untersuchung über die Eignung die frühe Information und Beteiligung der Bürger ist.

ZEIT: Acatech will sogar die öffentliche Förderung mit einer Pflicht zum Dialog verbinden. Wie weit soll dieser Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gehen? So weit, dass die Wissenschaft auch einmal auf strittige Projekte verzichtet?

Hüttl: Man muss die Bevölkerung vor allem dann mitnehmen, wenn angewandte Forschung zur Umsetzung kommt - Beispiel CCS. Anders sehe ich das in der Grundlagenforschung. Hier brauchen wir innovative, kreative Forschung, die nach rein innerwissenschaftlichen Qualitätskriterien beurteilt wird. Es sollte zwar auch bei diesen Projekten eine Mitteilungspflicht geben. Aber wir sollten daraus nicht den Schluss ziehen, wir könnten nur noch das erforschen, was die Allgemeinheit zulässt. Das wäre gegen die durch die Verfassung garantierte Freiheit der Forschung.

ZEIT: Und wie gehen wir mit Techniken oder Projekten um, in denen es trotz aller partizipativen Instrumente zu keiner Einigung kommt?

Renn: Wenn es nach einer guten Beteiligung keine Einigung gibt, dann muss ich als Politiker zwei Dinge klären: Wie wichtig ist mir diese Entscheidung, für mich, für das Land? Und: Bin ich als Politiker bereit, den Konflikt auf mich zu nehmen, indem ich mich auch gegen einen Teil der Bürger positioniere? Ich habe größten Respekt vor Politikern, die dann Rückgrat zeigen. Mir hat es zum Beispiel beim Streit um den Bahnhof Stuttgart 21 sehr gefallen, dass die baden-württembergische Umweltministerin Gönner gesagt hat: Wir stehen zu diesem Bahnhof, und wenn wir die Wahl verlieren, haben wir eben verloren. Die Bürger erwarten von Politikern, dass sie zu ihren Positionen stehen, auch auf die Gefahr hin, nicht mehr wiedergewählt zu werden. Es kann natürlich andere Entscheidungen geben, bei denen man als Politiker sagt: Ich halte sie zwar für richtig, aber nicht für so wichtig, dass ich mich gegen die Bürger stelle. So war es bei der Endlagerfrage, da hieß es: technisch machbar, politisch nicht durchsetzbar. Aber auch für diese Entscheidung müssen Politiker die Verantwortung tragen.

Hüttl: Wir sollten alles dafür tun, wissenschaftlichen Argumenten zur Akzeptanz zu verhelfen. Wenn zu emotional, ohne stichhaltige Gründe argumentiert wird, habe ich damit Probleme. Aber ich muss sagen: Je mehr ich mich mit Entscheidungen bei unsicherem Wissen beschäftige, desto größer wird mein Respekt für die Politik.

Aus DIE ZEIT :: 19.05.2011

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