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"Wir sind das neue Ägypten"

VON ARNFRID SCHENK

Eine Tour durch die Hochschulen Kairos, vier Monate nach dem Sturz Mubaraks.

"Wir sind das neue Ägypten"© Nasrmisr - Wikimedia CommonsAin Shams University - Faculty of Engeneering Hauptgebäude
Abdel Rahman Fatoum schwitzt, er wischt sich mit einem Papiertaschentuch die Stirn. Revolution und Studium gönnen ihm keine Pause. Seit einigen Wochen ist er Vorsitzen der des Studentenparlaments seiner Fa kul tät an der Ain-Shams-Universität in Kairo, »des ersten freien und demokratischen Parlaments hier«, betont er. Das alte wurde kurz nach dem Sturz Mubaraks am 11. Februar aufgelöst. An diesem Maimorgen bereitet Abdel Rahman, 21 Jahre alt, Germanistikstudent mit hellen Augen und kurzen Haaren, das Podium vor für eine Diskussion über die Lage der ägyptischen Wirtschaft. »An den Universitäten durfte man über drei Dinge nicht reden«, sagt er, »Politik, Religion und Sex.« In dieser Reihenfolge.

Es gibt Nachholbedarf, vor allem, was Politik anbelangt. Während Abdel Rahman in Saal 1 die Mikrofone einrichtet, lässt er den Blick über die noch leeren Reihen der rot gepolsterten Klappstühle schweifen, die den Konferenzsaal ein wenig wie ein Kino aussehen lassen. Es wird voll werden. 11 000 Studenten der Sprachenfakultät vertritt das Parlament, insgesamt studieren an der Ain Shams 150 000 junge Ägypter. Abdel Rahman ist einer von den Hunderttausenden, die für das neue Ägypten stehen, die die Revolution mitgetragen haben, die bis zum 25. Januar nur die Allmacht des 30 Jahre währenden Systems Mubarak kannten - und es in 18 Tagen abschüttelten. Einer von denen, die studieren und trotzdem miserable Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben. Eine Dreiviertelmillion Absolventen strömen Jahr für Jahr aus den Hochschulen. Einen Job findet nur, wer Beziehungen hat, sagen sie. Die Arbeitslosenquote bei Jugendlichen liegt bei über 30 Prozent. Wie geht es diesen Studenten, wie haben sie die Revolution erlebt, was wünschen sie sich für das neue Ägypten, wie verändern sie die Universität? Eine kleine Tour durch die Hochschulen Kairos; auf halber Wegstrecke zwischen dem Sturz Mubaraks und den Wahlen im September. Abdel Rahman war auf dem Tahrir-Platz, in den ersten Tagen der Revolution, abends, am 25. und 26. Januar, dann musste er zurück in sein Heimatdorf, in die Bürgerwehr, helfen, Haus und Familie vor den Plünderern zu schützen. Er kommt aus der Provinz Minufiya, nördlich von Kairo, »der Gegend, aus der auch Mubarak stammt«, sagt er und grinst.

Es waren für ihn die ersten Demonstrationen. Früher habe man sich als Student nicht getraut, auf die Straße zu gehen, sagt er, »man wusste, der Name würde bei den Sicherheitsdiensten landen«. Dann wäre es vorbei gewesen mit der Karriere. Im schlimmeren Fall drohte Gefängnis. Aber im Januar hatte er keine Angst mehr. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass etwas im Gang war, was alles verändern würde. Am meisten gestört am alten Ägypten hatte ihn, »dass alles nur über Vitamin B lief«. Als das neue Semester begann, in den ersten Tagen nach der Revolution, dachte er nicht ans Studieren. Proteste mussten organisiert werden, die Studenten forderten mehr Mitbestimmung. Verlangten, dass Rektor und Dekane nicht mehr von der Regierung bestimmt werden. Das haben sie erreicht, diese sollen bald von den Professoren gewählt werden. Als Abdel Rahman über den Campus führt, trifft er auf einen Kommilitonen, der auch im Studentenparlament ist. Der stellt sich mit den Worten vor: »Wir sind das neue Ägypten.« Um dann nachzuschieben: »Ich mag Mubarak.« Natürlich sei das alte System schlecht und korrupt gewesen, sagt er, aber Mubarak als Person tue ihm leid. Es gebe an der Uni noch einige, die so fühlten, erzählt er.

Fährt man mit der Metro von der Ain-Shams- Universität die sechs Stationen zum Tahrir-Platz, kommt man laut Plan an drei Haltestellen vorbei, die die Namen ehemali ger Präsidenten tragen, Nasser, Sadat und Mubarak. An der Station Mubarak hängen jetzt aber neue Schilder, shohada, Märtyrer. Zum Ge denken an die 800 Ägypter, die ihr Leben in den Tagen des Umsturzes verloren haben. Auf dem Tahrir-Platz war tet Noureddin Adel. Über seiner Schulter hängt eine vollgepackte Tasche. Es ist Donnerstagnachmittag, das Wochenende hat begonnen, er fährt heute noch nach Hause, in ein Dorf östlich von Kairo. Noureddin ist 23 Jahre alt und studiert Islamwissenschaft an der al-Azhar, der ältesten Universität Ägyptens, 988 gegründet und noch heute bedeutendstes Zentrum sunnitischer Gelehrsamkeit.

Noureddin lacht gern. Seit der Revolution wohnt er wieder im Studentenwohnheim der al-Azhar, in einem Gebäude, das früher Mubarak hieß und jetzt Nasser genannt wird. Noureddin durfte drei Jahre lang nicht im Wohnheim wohnen. Warum nicht? »Weil ich mich für Politik interessiert habe.« Und dann, nachdem man schon eine Stunde beisammensitzt in einer schattigen Seitenstraße nahe dem Tahrir- Platz, sagt er unvermittelt: »Ich bin bei den Muslimbrüdern«, jener islamistischen Bewegung, die jahrzehntelang verboten war. Er muss sich noch daran gewöhnen, mit Fremden offen darüber zu sprechen. Er erzählt, wie es ihn ärgert, dass unter Mubarak immer vor den Brüdern gewarnt wurde, sie als der Satan schlechthin dargestellt wurden, die Gegner aber gar nichts über sie gewusst hätten. Deshalb findet er den neuen Wahlslogan so treffend: »Höre von uns, nicht über uns«. Was wollen die Muslimbrüder? »Wir wollen ein besseres Ägypten«, sagt er. Ein gerechtes, unter Mubarak habe es keine Gerechtigkeit gegeben. Sie haben eine Partei gegründet, sie heißt Freiheit und Gerechtigkeit.

Der Islam stehe für das große Ganze, die Politik sei ein Teil davon. Sie wollten einen Islam der Toleranz und der Werte, sagt er, ein System, in dem auch die Kopten, die christliche Minderheit, ihren Platz hätten. Es bleibt ein wenig vage. Dann sagt er, dass es die Muslimbrüder gewesen seien, die die Revolution gerettet hätten. In den kritischen Tagen um den 28. Januar herum habe der Führer der Muslimbrüder seine Anhänger aufgerufen, auf den Tahrir-Platz zu gehen. Und alle seien sie gekommen, sagt Noureddin. Er läuft noch einmal hinüber auf den Platz, vorbei an den Souvenirhändlern, die Fahnen und T-Shirts mit dem Aufdruck »25.-Januar-Revolution« verkaufen. Er zeigt auf das ausgebrannte Gebäude von Mubaraks Parteizentrale, sein Arm schwenkt weiter, vorbei am Ägyptischen Museum. In dieser Straße sind die von Mubarak angeheuerten Konterrevolutionäre angeritten gekommen, auf Kamelen und Pferden, mit Stöcken bewaffnet. Die Muslimbrüder seien es gewesen, die die Verteidigungslinien gebildet hätten, erzählt er. »Wir waren die Einzigen, die das konnten, weil wir organisiert sind.«

dem Campus unterstützt die Bruderschaft Studenten, die aus ärmeren Familien kommen, finanziell. Gerade sammelt sie auch Geld und spendet Blut für die Revolutionäre in Libyen. »Und wir diskutieren viel mit den Studenten«, sagt Noureddin, dessen Name »Licht der Religion« bedeutet, »wir wollen deren politisches Bewusstsein wecken.« Der 4. Mai ist ein heißer Tag, das Thermometer zeigt 39 Grad, der Himmel hängt tief und beigefarben über der Stadt. Es ist der 83. Geburtstag Mubaraks, in der Innenstadt haben sich einige Hundert seiner Anhänger versammelt, um seine Freilassung zu fordern. Sie werfen Steine auf Gegendemonstranten, es kommt zu Prügeleien, das Militär schreitet ein.

Es ist auch der Tag, an dem der ehemalige Innenminister Habib al-Adly wegen Korruption zu zwölf Jahren Haft verurteilt wird. Die Zeitungen drucken Telefonnummern ab, unter denen Leser Korruptionsfälle melden können. Und sie berichten über die bevorstehende First Conference of Egypt: The People Protecting their Revolution; 2500 Ägypter wollen daran teilnehmen. Überall in der Stadt gibt es Diskussionsrunden, in denen Parteipolitiker, Jugendaktivisten und Akademiker über die Form streiten, die das neue Ägypten bekommen soll. Fatima Abouelnaga erwartet nicht, dass gleich alles besser wird. »Vielleicht kommen erst unseren Kindern die Ergebnisse dieser Revolution zugute«, sagt sie. Sie ist 23 Jahre alt, studiert Deutsch als Fremdsprache und spricht es, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Sie trägt ein rosafarbenes Kopftuch. Auf dem Tahrir war sie dreimal, einmal mit ihrer Familie und zweimal mit ihren Kommilitoninnen. Sie wohnt zusammen mit ihrer Mutter und ihren drei Brüdern in Maadi, einem der besseren Viertel im Süden Kairos. Ihr liebster Slogan während der Revolution lautete: »Wir werden nicht gehen, er soll gehen«.

»Unter Mubarak war das Bildungssystem schlecht«, sagt Fatima, von der Schule bis zur Uni. Das sei von den Mubarak-Leuten in Kauf genommen worden, »damit die Menschen dumm bleiben und das Regime nicht kritisieren können«. An der Universität habe sich die Lehre vieler Professoren darauf beschränkt, am Anfang des Semesters ein Lehrbuch an die Studenten zu verkaufen, das sie selbst geschrieben hatten. Das musste man auswendig lernen. Wissenschaftliches Arbeiten und kritisches Denken waren nicht gefragt. Ausnahmen waren die Professoren, die im Ausland ausgebildet wurden. Die Malaise des ägyptischen Hochschulsystems hat viele Ursachen. Professoren verdienen im Monat zwischen 1000 und 2000 Pfund, das sind umgerechnet nicht einmal 100 bis 200 Euro. Davon können sie keine Familie versorgen und keine Miete bezahlen; sie flüchten in Zweitjobs - mit der Folge, dass sie oft nicht zu ihren Lehrveranstaltungen erscheinen. Ägypten gibt für die Forschung nur 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 2,5 Prozent. Pro Student gibt Ägypten 900 Dollar aus, der Durchschnitt in den OECD-Ländern liegt bei 11 000 Dollar. Wissenschaft und Wirtschaft sind kaum verbunden, der Output an internationalen Publikationen und Patentanmeldungen ist verschwindend gering.

Zwar sind die Mängel erkannt, das Bildungsministerium hatte in den vergangenen Jahren Reformpläne aufgesetzt, aber die Umsetzung lässt auf sich warten. Erschwerend hinzu kommt ein enormes Bevölkerungswachstum. Im Jahr 2000 lebten 68 Millionen Menschen in Ägypten, heute sind es 83 Millionen, allein in Kairo leben zwischen 16 und 20 Millionen. Es gibt 2,2 Millionen Studenten, verteilt auf 19 große staatliche Universitäten und rund 20 kleinere private Hochschulen. »Es wird lange Zeit brauchen, diesen Tanker neu auszurichten«, sagt Michael Harms, Leiter der Außenstelle Kairo des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Ein großes Problem sei auch, dass die Universitäten nicht auf das Arbeitsleben vorbereiten würden. Die größte Uni ist die Cairo University. 200 000 Studenten sind hier eingeschrieben. Hier waren und sind die Proteste gegen Rektoren und Dekane am heftigsten. Die Studenten der Fakultät für Massenkommunikation forderten mit Blockaden und Sitins den Rücktritt des Rektors und ihres Dekans.

Es wurde von Übergriffen der Polizei berichtet. Der Dekan war Mitglied der Regierungspartei und hatte sich in vielen Zeitungskommentaren in den Tagen der Ungewissheit gegen die Revolution ausgesprochen. Die Studenten werden von einer Professorengruppe unterstützt, die sich seit Jahren für eine unabhängige Universität und für akademische Freiheit einsetzt. Sie fordern, dass sich die Sicherheitsdienste aus den Unis zurückziehen, die bisher alle Bereiche der Hochschulen durchdrungen haben und auch bei der Auswahl der Lehrkräfte mitmischten. Müssen die Professoren jetzt Angst haben vor ihren Studenten? Nein, sagt Mohammed Salheen, Architekt und Professor für Stadtplanung an der Ain- Shams-Universität und einer dieser Ausnahmeprofs. Als Teil des alten Systems galten vor allem die Rektoren und die Dekane, weniger die Professoren. Zwar sei es in den ersten Wochen schon ein gegenseitiges Herantasten gewesen, aber jetzt hätten sich Studenten und Professoren gut aufeinander eingestellt. Salheen freut sich über ein engeres Verhältnis zu seinen Studenten als vor der Revolution. Die Forderungen seien zum Teil berechtigt gewesen, sagt er, zum Teil seien die Studenten aber auch übers Ziel hinausgeschossen oder hätten nur eigene Vorteile im Auge gehabt. So wollten viele eine entscheidende Rolle bei der Wahl des Rektors spielen oder verlangten, dass Kurse nicht mehr auf Englisch abgehalten werden, sondern auf Arabisch, oder dass die Anzahl der wiederholbaren Prüfungen erhöht wird. Neu sei, dass »die Studenten jetzt mit Argumenten überzeugt werden wollen«, sagt Salheen. Sie pochten auf das Recht, ihre Meinung frei zu äußern, seien dabei aber nicht stur.

»Und das ist doch eine gute Sache.« Fragt man die Studenten, ob sie glauben, dass die Revolution gesichert sei, sagt Fatima: »Ja.« Die Tage auf dem Tahrir seien auch eine Lektion für alle kommenden Regierungen gewesen: »Sie wissen jetzt, wir können jederzeit wieder auf die Straße gehen und für unsere Würde kämpfen.« Abdel Rahman denkt ähnlich. Und auch viele der Studenten, die bei seiner Diskussionsrunde an der Ain- Shams-Uni zugehört haben, denken so. Abdel Rahman ging im März noch einmal mit auf den Tahrir, als die Jugend das Gefühl hatte, alles gehe zu langsam und die Leute des alten Regimes würden nicht weichen. Kurz danach wurde die NDP verboten, Mubarak und seine Söhne wurden verhaftet. Wie er bei den anstehenden Wahlen im September abstimmen wird, weiß Abdel Rahman bislang nicht. Er hat die Wahlprogramme der Parteien noch nicht gelesen. Und die sind ihm wichtiger als die Personen. ElBaradei sei sicher ein guter Mann, aber der sei zu lange im Ausland gewesen. Er bezweifelt, dass er die Probleme der Ägypter wirklich kennt. Und wo will Abdel Rahman einmal hin? Wenn es im Land besser wird, möchte er in Ägyten als Übersetzer arbeiten oder etwas »Interkulturelles« machen. Und wenn nicht? Dann geht er nach Deutschland. »Aber es wird besser«, sagt er.

Aus DIE ZEIT :: 09.06.2011

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