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"Wir werden neue Plätze schaffen"


Das Gespräch führten INGE KUTTER und JAN-MARTIN WIARDA

Bundesbildungsministerin Annette Schavan über den Ansturm auf die Hochschulen, Bundes-Universitäten - und geplatzte Ideen.

"Wir werden neue Plätze schaffen"© Laurence Chaperon - BMBFAnnette Schavan sieht in der Berliner Charité einen Kandidaten für eine Bundes-Universität
DIE ZEIT: Am 6. Mai findet die zweite Bologna-Konferenz statt. Deren erste Auflage bezeichneten Studentenvertreter als eine reine Show-Veranstaltung. Erleben wir nun die Schavan-Show Teil zwei?

Annette Schavan: Wer eine große Reform beschließt, muss kontinuierlich über die Umsetzung sprechen. Dafür ist die nationale Bologna-Konferenz da. Die Themen vom letzten Jahr haben wir bearbeitet, und die Verbesserungen sind augenscheinlich.

ZEIT: Nennen Sie uns ein Problem aus dem vergangenen Jahr, das gelöst worden ist!

Schavan: Das Hauptthema der letzten Konferenz war der Zustand vieler Studiengänge: zu viele Prüfungen, zu viel Stoff, zu viel altes Diplom in neuer Bachelor-Verpackung. Da ist an den Hochschulen eine Menge geleistet worden, die Qualität der Programme ist deutlich besser geworden. Wie positiv die Situation ist, zeigen auch die neuen Studien.

ZEIT: Aktuelle Untersuchungen des Hochschul-Informations-Systems, des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft und des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft weisen erstaunlich gute Ergebnisse auf. Aber ist das nicht alles pünktlich gelieferte Schönfärberei zum Bachelor-Studium?

Schavan: Nein. Die Studien wurden von wissenschaftlicher Seite durchgeführt - unabhängig von der Bundesregierung. Aber natürlich freuen die Ergebnisse mich außerordentlich: Die Lust aufs Studieren war nie größer als heute, die internationale Mobilität der Studenten liegt doppelt so hoch wie vor zehn Jahren, die Chancen der Bachelor-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt sind gut. Hinzu kommt: Die Studierenden sind zunehmend zufrieden mit ihren Studienbedingungen.

ZEIT: Mal ehrlich - haben Sie nicht gezittert, dass die Zahlen schlecht ausfallen?

Schavan: Keineswegs. Ich bin häufig an Hochschulen zu Gast, deswegen weiß ich, dass dort viel Neues und Gutes entstanden ist. All die Kritik am Bologna- Prozess stellte immer nur einen relativ kleinen Ausschnitt einer viel differenzierteren Wirklichkeit dar.

ZEIT: Vor zwei Jahren haben Sie das noch drastischer ausgedrückt. Als die Studenten auf die Straße gingen, sagten Sie, Teile der erhobenen Forderungen seien gestrig.

Schavan: Mein Satz richtete sich an die Kritiker, die den Bolognaprozess als Ganzes wieder aus der Welt schaffen wollten. In vielen Kommentaren schwang zu deutlich der Unwille mit, sich überhaupt auf Veränderungen einzulassen. Mein Widerspruch hat dazu geführt, dass ich mit den Akteuren ins Gespräch gekommen bin.

ZEIT: Werden Sie sich mit den Vertretern der Studenten bei der Konferenz denn einigen, welches diesmal die zentralen Baustellen sind?

Schavan: Ich denke schon. Für mich ist die Mobilität innerhalb Deutschlands das wichtigste Thema. Gerade weil der Wechsel ins Ausland in den vergangenen Jahren so viel einfacher geworden ist, darf es nicht sein, dass der Umzug innerhalb Deutschlands eine unüberwindbare Hürde ist. Das zweite große Thema wird die Zukunft der Master-Studiengänge sein.

ZEIT: Dann sagen Sie doch mal: hier und heute garantieren, dass jeder Absolvent mit einem Bachelor in der Tasche, der einen Master anschließen möchte, auch einen Studienplatz dafür bekommt?

Schavan: Eine Übersicht der Kultusministerkonferenz zeigt, dass genügend Plätze für diejenigen da sind, die einen Master machen wollen. Nur ein Viertel aller Masterstudiengänge ist mit einem Numerus Clausus belegt. Es gibt also keinen Grund, vorbeugend zu schimpfen, weil da vielleicht mal ein Mangel drohen könnte. Ich möchte allerdings auch betonen: Es war nie Sinn des Bologna-Prozesses - weder in Deutschland noch sonst irgendwo -, Bachelor- und Master-Studium als Einheit zu begreifen. Die politischen Akteure tun gut daran, nicht den Eindruck zu erwecken, ein Studium sei nur etwas wert, wenn es mit einem Master-Abschluss endet. Da hätte ich mir schon gewünscht, dass der eine oder andere die Reform entschiedener in Schutz genommen hätte.

ZEIT: Heißt das, einige Ihrer Ministerkollegen in den Ländern sind allzu rasch vor der Kritik an Bologna eingeknickt?

Schavan: Mancher ist zu schnell in die Büsche gegangen. Es ist in der Vergangenheit zu wenig über neue Chancen gesprochen worden und darüber, dass 16 Prozent der Studierenden in die Wissenschaft gehen möchten, die anderen aber das Studium als Vorbereitung auf einen Beruf außerhalb der Wissenschaft sehen. Für diese Studierenden gibt es jetzt viele neue Studiengänge, die einen stärkeren Berufsbezug als früher haben. Moderne Hochschulen haben ein breites Spektrum.

ZEIT: Moderne Hochschulen oder moderne Fachhochschulen?

Schavan: Zwei Drittel der zusätzlichen Studienanfänger werden von Fachhochschulen aufgenommen, und das ist gut so. Auch dass die Zahl der dualen Studiengänge - also der Verbindung von Studium und Berufsausbildung - zunimmt, halte ich für richtig, weil diese Form der Ausdifferenzierung am ehesten den unterschiedlichen Erwartungen an ein Studium und an den Berufseinstieg Rechnung trägt. Auch was die Umsetzung von Bologna angeht, gilt: Besonders gut ist sie an einigen Fachhochschulen gelungen.

ZEIT: Derzeit läuft die letzte Runde der Exzellenzinitiative. Viele fragen sich: Was kommt danach?

Schavan: Ich bin davon überzeugt, dass es in der Zeit nach der Exzellenzinitiative neue Formen der Kooperation zwischen Bund und Ländern geben wird. So kreativ, wie wir in Karlsruhe waren, müssen wir auch an anderen Orten werden.

ZEIT: Sie sprechen vom Zusammenschluss des dortigen Forschungszentrums mit der Universität Karlsruhe zum Karlsruher Institute of Technology (KIT)?

Schavan: Genau. Wir müssen auch anderswo einige wenige herausragende Universitäten mit einigen exzellenten außeruniversitären Forschungseinrichtungen in ihrer Nähe zusammen bringen und zu einer wirklich neuen, gemeinsamen Rechtsform verbinden wie in Karlsruhe. Womit wir ein weiteres altes Problem lösen: Immer schon fällt es deutschen Universitäten schwer, in internationalen Rankings in die Spitzengruppe zu kommen - nicht etwa, weil sie schlecht sind, sondern weil sie in der Forschung nicht über große Zentren verfügen.

ZEIT: Welche Kandidaten könnten Sie sich als solche Bundes-Universitäten vorstellen?

Schavan: Der Begriff löst unbegründet Abwehrreflexe aus. Für den alten Schlagabtausch zwischen Bund und Ländern aber ist mir das Thema viel zu wichtig. Mir geht es um eine nächste Phase der konzeptionellen Entwicklung. Nehmen Sie die Charité: 300 Jahre alt, international hoch anerkannt für ihre herausragende Forschungsleistung. Allein in Berliner Trägerschaft wird sie sich aber auf die Dauer nicht gut weiterentwickeln können.

ZEIT: Was wird aus den jetzigen Exzellenzuniversitäten?

Schavan: Sie könnten zum Beispiel die Gruppe derer bilden, die sich in einem Wettbewerb um eine dauerhafte gemeinsame Trägerschaft durch Bund und Land bewerben können.

ZEIT: Was ist mit dem Rest der Republik? Was wird aus der zweiten Liga, aus den ganz ordentlichen Universitäten?

Schavan: Ich will nicht wieder die alte Diskussion um die Unterscheidung zwischen Lehr- und Forschungsuniversitäten führen. Allerdings wird zu unserer konzeptionellen Debatte schon gehören, dass wir definieren: Welche Standorte werden künftig welche Rolle für das gesamte System spielen? In welchem Verhältnis stehen die einzelnen Bestandteile unseres Wissenschaftssystems zueinander? Wo wird es exzellente Forschung geben, wo herausragende Lehre? Die Hochschulen müssen allesamt gut ausgestattet werden für eine Zukunft, in der wir die wenigen jungen Leute, die wir noch haben, hervorragend ausbilden müssen. Und die Forschungszentren müssen durch die Qualität und Sichtbarkeit ihrer Forschung auf der internationalen Landkarte fest verankert sein.

ZEIT: Aber es läuft doch darauf hinaus: Der Bund zahlt für exzellente Forschung, die Länder für die Ausbildung der Masse.

Schavan: Erstens zahlt der Bund für exzellente Forschung und Lehre, und zweitens wird der Bund den Ländern durch die Förderung einiger weniger exzellenter Institutionen einen neuen finanziellen Freiraum verschaffen, den sie nutzen können, um alle ihre Hochschulen noch besser zu fördern. Darüber hinaus bieten wir den Hochschulen mit dem Qualitätspakt Lehre eine gezielte Förderung des Bereichs Lehre. Das Interesse ist groß: 80 Prozent der Hochschulen haben sich um eine Förderung beworben.

ZEIT: Eine Idee für morgen war es, eine zentrale Institution zur Verbesserung der Hochschuldidaktik einzurichten - die Akademie für Lehre. Zuletzt gab es jedoch Gerüchte, Sie würden davon abrücken. Stimmt das?

Schavan: Die ursprüngliche Idee ist in der Tat tot. Wir brauchen keine Institution zur Verwaltung von Fellowships. Alle Rückmeldungen aus den Hochschulen besagen, dass es stattdessen wichtig ist, konkrete Lehrkonzepte vor Ort und damit auch die bereits vorhandenen hochschuldidaktischen Zentren zu fördern. Und genau das werden wir tun.

ZEIT: Was sagen Sie heute zu den Abiturienten dieses Jahres, die - Stichworte: doppelte Abiturientenzahl, Bundeswehrreform und Rekord ansturm auf die Hochschulen - um ihre Studienplätze fürchten?

Schavan: Wir haben vorgesorgt. Der Hochschulpakt ist finanziell aufgestockt, wir werden in den nächsten fünf Jahren bis zu 335 000 neue Studienplätze schaffen. Damit tragen wir der Aussetzung der Wehrpflicht und den doppelten Abiturjahrgängen Rechnung.

Aus DIE ZEIT :: 05.05.2011

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