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»Wir wollen kein "totes" Wissen produzieren«


Das Interview führte KATHRIN FROMM

Wie man die Vergangenheit packend präsentiert, erklärt Cord Arendes, Deutschlands erster Professor für Angewandte Geschichte.

»Wir wollen kein "totes" Wissen produzieren«© Prof. Dr. Cord ArendesPublic History beschäftigt sich, als Teil der Geschichtswissenschaft, mit Geschichte und Öffentlichkeit
DIE ZEIT: Herr Arendes, Sie haben die erste Professur für Angewandte Geschichtswissenschaft in Deutschland. Geschichte befasst sich mit der Vergangenheit. Wie kann Vergangenes »angewandt« sein?

Cord Arendes: Wir müssen im Deutschen mit dem etwas sperrigen Begriff »angewandt« im Sinne von praxisorientiert leben. Ich würde den englischen Begriff Public History bevorzugen.

ZEIT: Also öffentliche Geschichte?

Arendes: Das wäre die Übersetzung, ja. Es geht um Geschichte und Öffentlichkeit: Wir wollen der Öffentlichkeit zeigen, wie Geschichte geschrieben wird. Das soll aber keine Einbahnstraße sein, denn gleichzeitig interessiert uns: Wie geht die Öffentlichkeit mit der Vergangenheit um? Was erwartet sie von der Geschichtswissenschaft? Und wie lässt sich das wechselseitige Verhältnis beschreiben?

ZEIT: Was heißt das konkret für Ihre Arbeit?

Arendes: Zusammen mit meinem Kollegen Edgar Wolfrum vom Lehrstuhl für Zeitgeschichte leite ich das Projekt Heidelberg Public History. Wir erforschen für öffentliche Auftraggeber bestimmte Aspekte der Vergangenheit, zum Beispiel für die Stadt Schwetzingen die Geschichte der Zwangsarbeit. Unser größter Auftrag bislang ist das NS-Dokumentationszentrum Vogelsang in der Eifel. Da geht es um eine ehemalige Ordensburg, wo sogenannte Ordensjunker, also die Nachwuchskräfte der NSDAP, ausgebildet wurden.

ZEIT: Was machen Sie in der Angewandten Geschichte bei so einer Forschung anders als andere Historiker?

Arendes: Rein wissenschaftlich gibt es keinen Unterschied, weil wir mit den gleichen Kriterien an Quellen herangehen. Public History ist ein Teil der Geschichtswissenschaft. Deshalb sollten die Studierenden im geplanten Masterprogramm Public History auch zuvor einen Bachelor in Geschichte gemacht haben, denn ohne eine Grundausbildung in Methoden wie der Quellenkunde geht es eben nicht.

ZEIT: Und was ist dann der Unterschied?

Arendes: Die Präsentation der Ergebnisse. Wir wollen kein »totes« historisches Wissen produzieren, das nur in Fachbüchern mit einer Auflage von vielleicht gerade einmal 50 Stück gedruckt ist. Es macht ja schon einen Unterschied, ob man einen 900-Seiter liefert oder ob man auch gezwungen ist, das ganze Wissen in einem Flyer oder auf einer Website für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten. Gerade durch das Internet sind viele neue Formate hinzugekommen, wie zum Beispiel Videos oder interaktive Karten.

ZEIT: Ihre Studenten lernen also, populärwissenschaftlich zu schreiben.

Arendes: Wissenschaftlich forschen, verständlich und vielseitig vermitteln, das ist das Ziel, das soll ihnen später auch beim Berufsstart helfen. Zum Projekt Vogelsang gab es zum Beispiel schon eine Lehrveranstaltung mit Exkursion. Ich kann mir auch vorstellen, dass im Rahmen der Kooperation Abschlussarbeiten entstehen. Denn wir vom Wissenschaftsteam arbeiten da Hand in Hand mit den Ausstellungsmachern.

ZEIT: Und das ist neu?

Arendes: Ja. Früher haben die Historiker in solchen Fällen ein inhaltliches Exposé geliefert, das war's. Bei uns gibt es einen ständigen Gesprächsaustausch. Wir beschäftigen uns auch mit der Ausstellungsgestaltung, dazu halte ich eine Vorlesung. Da geht es etwa darum, wie Quellen und Lebensläufe präsentiert werden können, damit sie von den Besuchern auch gelesen werden, oder wie wichtig der Raum ist, in dem eine Geschichtsausstellung präsentiert wird: Ist es ein Originalschauplatz? Wie viel Fläche hat man zur Verfügung? Durch den ständigen Austausch werden Vorurteile ausgeräumt: Ausstellungsmacher sind zum Beispiel manchmal der Auffassung, ein Historiker sei nicht in der Lage, 700 Zeichen zu liefern, wenn es nur 700 Zeichen sein dürfen; er schreibe immer 5.000.


Über den Interviewten
Cord Arendes lehrt Angewandte Geschichte an der Universität Heidelberg.

Aus DIE ZEIT :: 16.01.2014

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