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»Ziemlich scheinheilig«

Das Gespräch führte ULRICH SCHNABEL

Das wahre Problem der Frauen in der Forschung sind nicht die chauvinistischen Äußerungen des Nobelpreisträgers Tim Hunt. Ein Gespräch mit Ingrid Wünning Tschol, der Initiatorin des Frauennetzwerks AcademiaNet, über hartnäckige Vorurteile.

»Ziemlich scheinheilig«© Robert Bosch StiftungIngrid Wünning Tschol ist Initiatorin des Netzwerks AcademiaNet
DIE ZEIT: Nach seinen despektierlichen Bemerkungen über Frauen hat der Nobelpreisträger Tim Hunt binnen weniger Tage all seine Ämter verloren. Ist das ein Sieg für die Gleichberechtigung?

Ingrid Wünning Tschol: Natürlich waren Hunts Äußerungen schlimmer als nur ein dummer Witz. Darüber brauchen wir gar nicht zu reden. Was sich daraus allerdings entwickelt hat, scheint mir reichlich übertrieben.

DIE ZEIT: Meinen Sie den Shitstorm auf Twitter oder die Reaktionen der Universität London und anderer Gremien?

Wünning Tschol: Was im Netz lief, war ja zum Teil lustig. All die Forscherinnen, die sich in ironisch verführerischen Posen in ihren Laborkitteln oder Schutzanzügen zeigten oder vorgaben, ganze Pfützen von Tränen aufzuwischen. Diesen weltweiten Spott, aber auch die zu Recht empörten Reaktionen im Netz hat Hunt wirklich verdient. Aber wie sich die wissenschaftlichen Institutionen verhalten, hat aus meiner Sicht etwas ziemlich Scheinheiliges.

DIE ZEIT: Weil auch viele andere Forscher so denken wie Hunt, das aber besser kaschieren?

Wünning Tschol: Ja. Fakt ist doch, dass der gender bias, die Benachteiligung von Frauen, noch immer weit verbreitet ist - auch in der Wissenschaft. Das ist nur heute, politisch ganz korrekt, weniger sichtbar geworden. Und wehe, jemand steht zu seinen Vorurteilen öffentlich: Dann wird er prompt gesteinigt. Mir scheint, Tim Hunt wird hier als willkommener Sündenbock in die Wüste geschickt, am generellen Missstand ändert sich nur langsam etwas.

DIE ZEIT: Sie sind in der europäischen Wissenschaft ja gut vernetzt und kennen Tim Hunt persönlich. Ist er so ein verbohrter Frauenfeind, wie es jetzt den Anschein hat?

Wünning Tschol: Ich habe Hunt ein paarmal getroffen und kann nur sagen: Frauenfeindlich habe ich ihn nicht erlebt; er ist sympathisch, ein wenig skurril, und er hat einen schrägen Humor. Der ist offenbar mit ihm durchgegangen. Dabei hätte er eigentlich wissen müssen, dass er als Nobelpreisträger eine besondere Verantwortung trägt und dass solche Bemerkungen - zumal im Kreis von Journalisten - alles andere als geistreich sind.

DIE ZEIT: Ein naives Opfer also?

Wünning Tschol: Natürlich waren seine Äußerungen nicht akzeptabel. Dass er dafür aber derart abgestraft wird, sendet die falschen Signale: Nicht die verbreiteten Vorurteile werden geächtet, sondern er wird geächtet, weil er sie sichtbar gemacht hat. Das Problem ist ja nicht nur Tim Hunt, sondern die verbreitete Benachteiligung von Frauen.

DIE ZEIT: Aber mittlerweile haben sich doch alle Institutionen die Gleichberechtigung auf die Fahnen geschrieben.

Wünning Tschol: Ja, und das ist gut so. Aber an diesem öffentlichen Bild darf möglichst nicht gekratzt werden. Wenn man sich aber die nüchternen Fakten ansieht, stellt man fest: Noch immer sind hierzulande nur etwa 15 Prozent der Führungspositionen in der Wissenschaft von Frauen besetzt. Damit steht Deutschland im europäischen Vergleich miserabel da. Nur Belgien und Zypern schneiden noch schlechter ab.

DIE ZEIT: Wie steht es in Großbritannien, dessen Institutionen sich jetzt als so frauenfreundlich präsentieren? Kommen dort Frauen leichter an die Spitze?

Wünning Tschol: Nicht wirklich. Dort sind nur 17,5 Prozent der Forschungschefs weiblich. Von echter Gleichberechtigung sind auch die Briten noch weit entfernt. Vielleicht erklärt gerade das die heftigen Reaktionen des University College London und der Royal Society.

DIE ZEIT: Sie meinen: Das war die Gelegenheit, öffentlich moralische Empörung zu demonstrieren - ohne wirklich etwas an den etablierten Machtstrukturen ändern zu müssen?

Wünning Tschol: Ich weiß nicht, ob es sich so verhält. Aber wenn ich mir die Reaktionen auf AcademiaNet anschaue ...

DIE ZEIT: ... das Portal www.academia-net.org der Robert Bosch Stiftung, das exzellente Wissenschaftlerinnen aller Fachdisziplinen sichtbar macht, für Berufungskommissionen und andere Gremien ...

Wünning Tschol: ... dafür suchen wir seit 2011 Kooperationspartner in ganz Europa, und natürlich wollten wir schon vor vier Jahren die ehrwürdige Royal Society dabeihaben. Doch in London stand das Thema Frauenförderung zunächst nicht ganz oben auf der Tagesordnung. Mittlerweile sind an AcademiaNet 48 angesehene Wissenschaftseinrichtungen aus 18 Ländern beteiligt; dieses Jahr konnten wir endlich auch die Royal Society dazugewinnen - worüber wir uns sehr freuen.

DIE ZEIT: AcademiaNet gibt es jetzt seit fünf Jahren. Hat sich denn in dieser Zeit der Anteil von Frauen in Führungspositionen erhöht?

Wünning Tschol: Wir sehen einen Zuwachs - allerdings liegt der lediglich bei einem Prozentpunkt pro Jahr. Das ist zu wenig.

DIE ZEIT: Was ist das Hauptproblem?

Wünning Tschol: Da gibt es viele Faktoren, angefangen von den immer noch existierenden old boys-Netzwerken bis hin zur Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ein zentraler Punkt scheinen mir aber jene tief verwurzelten Vorurteile zu sein, deren sich viele gar nicht bewusst sind.

DIE ZEIT: Welche Art von Vorurteilen meinen Sie?

Wünning Tschol: Es gibt einen interessanten Test der Harvard University, der implizite Assoziationen misst. Ihm zufolge steckt der gender bias in der Mehrheit von uns allen. Probieren Sie es aus: Man ist überrascht über die eigenen, unbewussten Ansichten, die unser Verhalten bestimmen. So denken zum Beispiel selbst die meisten Frauen unterschwellig, dass Männer für eine Karriere in der Wissenschaft besser geeignet seien.

DIE ZEIT: Wir werden zum Opfer uralter kollektiver Vorurteile?

Wünning Tschol: Das wird natürlich nicht offen ausgesprochen, aber solche impliziten Vorurteile und unbewussten Benachteiligungen bekommen Frauen tagtäglich zu spüren. Diesem Problem müssen wir uns stellen. So gesehen, muss man Tim Hunt fast dankbar sein, dass er mit seinen unbedachten Äußerungen dieses Problem wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt hat.

Aus DIE ZEIT :: 18.06.2015

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