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"... zur Not kann ich immer noch Straßenmusiker werden ..."

von Heike Kahlert

Soziologinnen haben Chemikerinnen und Chemiker am Ende der Promotion und Beginn der Postdoc-Phase zu ihren Karriereplänen befragt. Die Studie ermittelte drei Karrieretypen und sieht Mängel in der Chancengleichheit für Männer und Frauen.

"... zur Not kann ich immer noch Straßenmusiker werden ..."© eva serrabassa - iStockphoto.comEine Studie hat sich mit den Karriereplänen junger Chemikerinnen und Chemiker befasst und drei Karrieretypen ermittelt
Der Weg an die Spitze des Wissenschaftssystems ist bisher von Ungleichheit zwischen den Geschlechtern geprägt. Die Ungleichverteilung der Geschlechter zeigt sich in der Chemie vor allem beim wissenschaftlichen Personal und bei den Professuren: Im Jahr 2008, dem Jahr des Beginns der hier vorgestellten Studie, waren 31,9 Prozent (Durchschnitt aller Fächer: 38,5 Prozent) des wissenschaftlichen Personals weiblich und 10,6 Prozent (Durchschnitt aller Fächer: 17,0 Prozent) der ordentlichen Universitätsprofessuren mit Frauen besetzt. Dabei lag der Frauenanteil bei den Studienanfängern in Chemie nach der GDCh-Statistik bei 41 Prozent und bei den Promotionen bei 34 Prozent. Die Chemikerinnen sind also in höheren Hierarchiestufen deutlich weniger vertreten, als es ihrem Anteil in den darunter liegenden Karrierestufen entspricht.

Die Ursachen für Frauenschwund im Übergang in eine wissenschaftliche Laufbahn suchten Soziologinnen an der Universität Rostock. Ihr Forschungsprojekt "Wissenschaftskarrieren: Orientierung, Planung und Beratung am Beispiel der Fächer Politikwissenschaft und Chemie" initiierte die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft, der GDCh-Vorstand hat es unterstützt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie der Europäische Sozialfonds förderten es.

Der Übergang von der Promotion in die Postdoc-Phase

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stand die Frage, wie der Übergang von der Promotion in die Postdoc-Phase gestaltet sein muss, damit Frauen ihre wissenschaftliche Laufbahn nach der Promotion fortsetzen. Untersucht wurden individuelle Karriereorientierungen und -motive sowie institutionelle und strukturelle Bedingungen, die beeinflussen, ob Frauen nach der Promotion ihre wissenschaftliche Karriere weiter verfolgen oder abbrechen. Schließlich wurde geklärt, wie professionelle Karriereberatung den Aufstieg an die Spitze beim Übergang in die Postdoc-Phase unterstützen kann und wie sie dazu gestaltet sein muss.

Karrierepläne in der Chemie

Soziologinnen haben Chemikerinnen und Chemiker am Ende der Promotion und Beginn der Postdoc-Phase zu ihren Karriereplänen befragt. Der Karrieretyp "Wissenschaft als Beruf" kennt die Risiken einer wissenschaftlichen Laufbahn, möchte diese aber dennoch nach der Doktorarbeit weiter verfolgen, auch wenn er am Ende auf der Straße landet. Die Studie identifizierte zwei weitere Typen von Karrierezielen und fand auch heraus, welche Faktoren dazu führen, dass Frauen oft eine wissenschaftliche Laufbahn in der Chemie erst gar nicht anstreben.
Für das Forschungsprojekt haben Soziologinnen 60 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler anhand eines Leitfadens einzeln befragt. Die Interviewten waren in der Endphase der Promotion - nach Selbsteinschätzung maximal ein Jahr vor Abschluss - oder bis zu einem Jahr nach Abschluss des Promotionsverfahrens. Vorab wurden telefonisch unter anderem soziale Herkunft, Lebensform, Alter und Promotionsmodell von möglichen Interviewpartnern erfragt und je 15 Frauen und 15 Männer ausgewählt, um möglichst viele Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand zu erfassen.

Daneben dienten 10 Interviews mit professionellen Karriereberaterinnen und -beratern dazu, das Wissen über den Übergang zur Post-Doc-Phase zu erweitern. Eine Bestandsaufnahme von Karriereberatungsangeboten für diese Statuspassage rundete die Untersuchung ab.

Das Design der Studie folgt einem qualitativen Vorgehen, das in den Sozialwissenschaften üblich ist. Qualitative Studien zielen nicht auf repräsentative Aussagen, sondern darauf, eine Forschungsfrage zu explorieren, Erklärungsansätze für bisher wenig erforschte Fragen zu entdecken und methodisch kontrollierte Deutungen zu einem Phänomen aus verschiedenen Perspektiven zu liefern. Um genau solch eine Frage handelt es sich beim vorliegenden Projekt: Wie sich der Übergang von der Promotionsphase in die Postdoc-Phase gestaltet und warum hier der Wissenschaft mehr Frauen als Männer verloren gehen, ist für das deutsche Hochschulwesen kaum untersucht.

Karrieretypen zum Ende der Promotion: Wissenschaftler

Ein Ergebnis der Interviews ist eine Typologie der Karriereziele. Den ersten Typ haben wir "Wissenschaft als Beruf" genannt. Alle Akademiker und Akademikerinnen dieses Typs möchten ihre wissenschaftliche Laufbahn nach der Promotion fortsetzen und im Wissenschaftssystem, in der Chemie zum Teil auch in außeruniversitären Forschungsinstituten arbeiten. Das freie und unabhängige Forschen, das ausführliche Auseinandersetzen mit Problemen und Themen sowie selbst bestimmtes Arbeiten ohne enge Vorgaben begeistern sie. Das ausschlaggebende Motiv ist die auf das Fach ausgerichtete Karriere und der Wunsch, etwas Besonderes zu leisten. Finanzielle Überlegungen spielen keine Rolle. Alle kennen die wissenschaftlichen Spielregeln und wissen auch um die Risiken für die Karriere. Nur die befragten Chemikerinnen und Chemiker dieses Typs legen Wert auf eine Festanstellung nach der Promotion, die sie in der außeruniversitären Grundlagenforschung zu bekommen hoffen.

"... zur Not kann ich immer noch Straßenmusiker werden ..."
Frauenanteile in Chemie und Politikwissenschaft an den Hochschulen auf allen Qualifikationsstufen

Karrieretypen: Tätigkeit außerhalb des Wissenschaftsbetriebs

Den zweiten Typ stellen diejenigen dar, die eine außerwissenschaftliche Tätigkeit anstreben. So sagte eine Chemikerin, die diesem Typ zuzurechnen ist, kurz vor Abgabe der Dissertation: "Also ich bin keiner, der sich lange im Labor verkriecht und dann auch noch viel Literatur wälzt, um irgendwelche nichtigen Ergebnisse herauszubekommen, die sowieso niemanden interessieren außer mich selber." Alle Befragten dieses Typs, Männer wie Frauen, möchten das Wissenschaftssystem nach der Promotion verlassen. Sie haben oft Berufserfahrungen außerhalb des Wissenschaftssystems und sich klar für ein Berufsfeld jenseits von Hochschule und Forschungsinstitut entschieden. Sie wollen lieber praxisnah, problembezogen und lösungsorientiert arbeiten, da Grundlagenforschung ihnen nicht genug Spaß macht. Sie kritisieren die universitäre Wissenschaft als realitätsfern, die Bezahlung halten sie im Vergleich mit der Industrie für schlecht, ebenso die finanzielle Ausstattung. Sie mögen die konkurrenzhafte Atmosphäre in der Wissenschaft nicht, finden die Stellenvergabe undurchsichtig und halten die wissenschaftliche Laufbahn für zu risikoreich.

Karrieretypen: ohne klares Ziel

In der Auswertung kristallisierte sich noch ein dritter Typ heraus: die "Offenen". Diesem Typ sind diejenigen zugeordnet, die keine klaren Karriereziele benennen konnten oder wollten und ihre Karrierepläne nicht ausführten. Eine erwerbslose Chemikerin mit zwei kleinen Kindern, die zu dieser Gruppe gehört, sagt beispielsweise: "Ich weißt jetzt nicht mehr, ob ich in der Chemie arbeiten will. Dass ich als Leiter eingesetzt werde, wo die Anforderungen, denke ich, zu hoch sind, ist für mich vielleicht doch nicht machbar. Manchmal überlege ich schon, ob ich etwas total anderes machen sollte." Eine solche Offenheit zeigen deutlich mehr Frauen als Männer, vor allem in der Chemie. Als Faktoren für eine solche Einstellung wirken bei den Nachwuchswissenschaftlerinnen Fragen nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, dazu kommen höhere Ansprüche an die Qualität der Arbeit und der Arbeitsbedingungen. Es greift jedoch zu kurz, dies individuell den vermeintlich familienorientierteren oder auch anspruchsvolleren Frauen zuzurechnen.

Vielmehr zeigt sich in dieser Geschlechterdifferenz, dass institutionelle Faktoren nach wie vor wirken; zu den Faktoren zählen die ungleiche Strukturierung der Lebensläufe bei Männern und Frauen, professionell im Wissenschaftssystem differenzierte Standards wie längere Auslandsaufenthalte nach der Promotion und ein Karrieresystem, welches das wissenschaftliche Laufbahnmuster am Ideal einer männlichen, bildungsbürgerlichen, weißen und unabhängigen Forscherpersönlichkeit ausrichtet. Der Fächervergleich zeigt, dass die Offenheit etwas mit dem Geschlecht zu tun zu haben scheint, aber zudem je nach Fachkultur unterschiedlich ist: In der Studie ist die Offenheit bei den Chemikerinnen stärker ausgeprägt als bei den Politikwissenschaftlerinnen. Die Ergebnisse legen nahe, dass es sinnvoll wäre, alle Interviewten nunmehr erneut zu befragen, um herauszufinden, was aus ihren Karriereplänen geworden ist, wie sie auf die Promotionsphase und ihren Abschluss zurückblicken und welche Vorstellungen sie zu ihrem weiteren Werdegang haben. Die Finanzierung einer solchen Wiederholungsbefragung ist leider noch nicht gesichert.

Chancengleichheit in der Chemie durchsetzen, aber wie?

Wissenschaftskarrieren lassen sich nicht ausschließlich als individuell gestaltet deuten. Alle Interviewten äußerten sich zu den Rahmenbedingungen von Wissenschaftskarrieren im deutschen Hochschul- und Forschungssystem und reflektierten problematische Aspekte der Nachwuchsphase. Fast alle beschrieben die Risiken der wissenschaftlichen Laufbahn mit ihren Zwängen, geografisch mobil zu sein. Sie bemängelten, dass es keine beruflichen Alternativen zur Professur gibt, um eine Festanstellung zu bekommen, und dass die Arbeitsverträge zum Teil extrem kurz befristet sind. Sie nannten es problematisch, die lange Qualifikationsphase mit einer Familiengründung zu vereinbaren. Die verschiedenen Karrieretypen bewerten diese Aspekte allerdings unterschiedlich und ziehen entsprechend unterschiedliche Konsequenzen für die Karriereplanung. Karrierehandeln in der Wissenschaft ist also nicht nur durch individuelle Motive geprägt, sondern auch institutionell und strukturell bedingt, beispielsweise durch vorgegebene Laufbahnmuster, zum Beispiel durch die nach wie vor hohe Bedeutung der Habilitation.

Aktivitäten, um weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern, können und müssen vor diesem Hintergrund auf allen Handlungsebenen ansetzen: etwa bei den Orientierungs- und Beratungsangeboten der GDCh für diejenigen Nachwuchschemikerinnen und -chemiker, die noch keine festen Karriereziele haben. Zudem muss die wissenschaftliche Karriere anders organisiert sein, so müssen sich die Anforderungen an die Qualifikation ändern sowie die Befristungsregelungen. Auf der strukturellen Ebene ist eine geschlechtlich gleiche Verteilung von Ressourcen wie Stellen, Anerkennung und Macht anzustreben. Dabei sind die Hochschullehrer beiderlei Geschlechts besonders wichtige Akteure der Chancengleichheitspolitik zugunsten von Frauen. Ihre Bedeutung für das Karrierehandeln des wissenschaftlichen Nachwuchses untersucht ein Anschlussvorhaben.


Über die Autorin
Heike Kahlert, habilitierte Diplom-Soziologin, hat von 2008 bis 2011 das Projekt über Wissenschaftskarrieren in Chemie und Politikwissenschaft an der Universität Rostock geleitet. Zur Zeit hat sie eine Lehrstuhlvertretung für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne und ist Visiting Scholar am Centre of Gender Excellence - Gendering Excellence der Universität Örebro, Schweden. Sie forscht über Gatekeeping in Wissenschaftskarrieren im Fächer- und Geschlechtervergleich und zum demographischen Wandel in alternden Wohlfahrtsgesellschaften.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Juni 2012

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