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Abgeflossen

Von Jan-Martin Wiarda

Ein Spendenskandal an der Freien Universität Berlin wird zum Lehrstück über Hochschulreformen.

Abgeflossen© Philipp von Recklinghausen - Pressestelle FU BerlinDie Spendenaffäre könnte die Chancen der FU in der nächsten Runde des Exzellenzettbewerbs zunichtemachen
Der Hilferuf kam aus New York. Die als Anschub überwiesenen 200 000 Euro würden nicht mehr lange reichen, meldeten die Friends of Freie Universität Berlin im Herbst 2003 nervös nach Deutschland, ohne neues Geld werde es ganz eng für das Vorzeigeprojekt. Als erste und bis heute einzige deutsche Universität hatte die Freie Universität (FU) 2002 über einen formal unabhängigen Ehemaligenverein ein eigenes Fundraisingbüro in den USA gegründet, das einen ehrgeizigen Zweck verfolgte: mithilfe glanzvoller Galas Großspenden amerikanischer Mäzene hereinzuholen. Und nach einem Jahr sollte bereits das Aus drohen? Undenkbar! Der zuständige FU-Abteilungsleiter versprach Abhilfe: Es gebe da ja laut Beschluss der Hochschulleitung noch eine Ausfallbürgschaft, vielleicht lasse die sich in eine weitere Anschubfinanzierung umwandeln. Tatsächlich flossen bald die nächsten 200 000 Euro nach Amerika.

Auf dem Überweisungsträger stand »Anschubfinanzierung«, ansonsten aber fehlt offenbar bis heute jede Dokumentation, dass die Hochschulleitung über die Überweisung Bescheid wusste. Und mit derlei verstörenden Ungenauigkeiten ging es weiter: Die bereits gezahlte Ausfallbürgschaft wurde später ein zweites Mal transferiert, und jahrelang scheint es keinen gestört zu haben, dass von den als Vorschüsse gedachten Überweisungen nie etwas zurückkam. Im Gegenteil: Als 2009 die Innenrevision den Fall aufzuklären begann, summierten sich die Zahlungen nach Amerika auf über eine Million Euro. Plötzlich stand nicht nur der Verdacht eigenmächtiger Transaktionen im Raum, es sah sogar so aus, als sei die einzige bis dato eingeworbene Großspende in Wirklichkeit von den »Friends« zur Deckung ihrer Kosten verfrühstückt worden.

Ja, man kann die Geschichte der von der Berliner Presse schnell »Spendenskandal« getauften Affäre um die Berliner Eliteuni kompliziert erzählen, in Form von kaum nachvollziehbaren Geldströmen und Erinnerungslücken der Akteure. Im Grunde aber beruht sie auf einem einfachen Plot. Er handelt von übersteigertem Geltungsdrang, persönlichen Feindschaften und falsch verstandenen Loyalitäten. Im Mittelpunkt steht der Kampf zweier Gruppierungen um die Macht; ein Kampf, der so erbittert geführt wurde, dass er die Chancen der FU in der nächsten Runde des Exzellenzettbewerbs zunichtemachen könnte. Rückblick. Anfang 2007 befindet sich die FU in Hochstimmung. Gerade hat die einst als links und leistungsfeindlich verschriene Universität unter der Führung ihres Präsidenten Dieter Lenzen in der Exzellenzinitiative abgeräumt. Zweifellos am wichtigsten war dabei der Zuschlag für das Konzept der »internationalen Netzwerkuniversität«. Als Beweis für die tollen Kontakte ins Ausland diente auch das New Yorker Spendenbüro. Lenzen, der sich als Hochschulmanager bundesweit einen Namen gemacht hat, wird im Amt bestätigt, als Erste Vizepräsidentin holt er sich die Geschichtsprofessorin Ursula Lehmkuhl an seine Seite. Deren Verständnis des Elitekonzepts: »die Einführung funktionierender Managementstrukturen nach dem Vorbild der ETH Zürich, längst überfällige Formen moderner Governance«.


Es sind Sätze wie aus einem Betriebswirtschaftslehrbuch. Ins Präsidium gewählt wird auch der seit 2000 amtierende Kanzler. Peter Lange, 60, ist ein jovialer Sauerländer mit Schnauzbart. Einer seiner Lieblingssätze geht so: »Kommt auf den Schnaps nicht an.« Lange arbeitet seit 21 Jahren für das FU-Präsidium, zuerst als Referent, dann als Stellvertreter des Kanzlers, schließlich als Verwaltungschef. Er kennt hier jeden, wenn man sich gut mit ihm stelle, so heißt es, habe man die Aussicht auf Fördergelder, die einem sonst womöglich verwehrt blieben. Um zu verstehen, wie er tickt, muss man ihm nur zuhören, wie er über das vom Berliner Senat betriebene Streichkonzert der Neunziger erzählt. Die FU schrumpfte in jenen Jahren von 65 000 auf unter 35 000 Studenten, die Verwaltung wurde kleiner und kleiner. Und die, die blieben, erinnert sich Lange, hätten immer neue Aufgaben aufgebürdet bekommen. So schlimm die Kürzungen waren, hätten sie doch ein Gutes gehabt: »Es gab ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Einer stand für den anderen ein, denn jeder wusste: Sonst gibt es uns vielleicht bald nicht mehr. Das ist unsere Universität. « Vor allem aber war es Langes Universität: Die Verwaltung ist ihm komplett unterstellt, er ist Dienstvorgesetzter sämtlicher Ressortleiter. Eine einzigartige Machtposition des Mannes, dessen Spitzname »die graue Eminenz« lautet.

Bis die 13 Jahre jüngere, als extrem ehrgeizig geltende Ursula Lehmkuhl kommt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sie ihren als Hardliner an der FU zunehmend unbeliebten Mentor eines Tages beerben will. Und Lenzen weiß, was er an seiner »VP1« hat: Wann immer künftig unangenehme Entscheidungen anstehen, schickt er möglichst sie als Feuerlöscher. Etwa, als es Ärger um einen linken Bewerber gibt, den das Präsidium als Juniorprofessur ablehnt. Die von ihr beklagten jahrzehntealten Seilschaften sind Lehmkuhl ein besonderer Dorn im Auge. »Mit einer Behördenmentalität schafft man keine Exzellenz«, findet sie. Langes Leute erzählen, der Angriff auf die alten Strukturen habe fast unmerklich begonnen. Anfangs, nach dem Exzellenztriumph, hätten sich alle noch im »Freudentaumel« befunden, erinnert sich der Kanzler, gerade auch die »engagierten und langjährigen Mitarbeiter der Verwaltung«, die wesentliche Ideen für das siegreiche Konzept eingebracht hätten und jetzt auf Entlastung hofften.

Und dann das: Es gibt neue Stellen, Dutzende, aber nur für die neu gegründeten Exzellenzzentren, und die werden dem Präsidenten unterstellt. Außerhalb der Kanzlerverwaltung. Die Neuen schicken sich sogar an, den Alten Anweisungen zu erteilen, künftig gilt die Aufgabenverteilung: die Zentren fürs Strategische, die Verwaltung fürs Operative. Die Empörung ist groß. Es ist der Moment, in dem aus dem Konflikt ein Lehrstück für die Universitätsreform schlechthin wird: Selbst ernannte Hochschulreformer treffen auf eine Verwaltung, die über die Jahre offenbar verlernt hat, ihre eigenen Interessen von denen der Institution zu unterscheiden. Es sind Auseinandersetzungen, wie sie an vielen Unis ausgetragen werden. Doch was nun folgt, ist so beispielhaft wie außergewöhnlich: in seiner Härte und auch in seinem Ausgang.

Einer der altgedienten Mitarbeiter, die laut Lange zu den Urhebern der Netzwerkidee zählten, ist nämlich der langjährige Leiter der Außenabteilung, die seit dem Exzellenzsieg in unmittelbarer Konkurrenz zum neuen Center of International Cooperation steht. Er hat einst die umstrittene Überweisung von 200 000 Euro angestoßen. Die Friends sind sein Baby, er hat die enormen Gewinnprognosen der Amerikaner gegenüber der Hochschulleitung als realistisch eingeschätzt. Vergangenes Jahr jedoch lässt Lenzen Uni-inter ne Ermittlungen einleiten. Sie ergeben, dass zumindest Teile der US-Großspende, die für die Renovierung des Dahlemer Henry-Ford-Baus bestimmt war, erst nach Berlin flossen, nachdem vorher beachtliche Summen umgekehrt von Berlin nach New York überwiesen worden waren. Präsident und Vizepräsidentin sind außer sich, Lehmkuhls Schlussfolgerung: »Die Renovierung des Hörsaals ist in Wirklichkeit aus FU-Mitteln bezahlt worden.« Die als »Anschubfinanzierung« betitelte Auszahlung der Ausfallbürgschaft bringt den Abteilungsleiter zu sätzlich in Erklärungsnot. Lehmkuhl wirft ihm vor, er habe die Missstände entweder nicht sehen wollen oder sie nicht rechtzeitig an die Hochschulleitung weitergemeldet. Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe.


Für Lehmkuhl und Lenzen sind sie Grund zur fristlosen Kündigung - die jedoch ausfallen muss, weil mit einem Mal unter anderem Lange versichert, über die 200 000-Euro-Überweisung informiert gewesen zu sein: Zwar gebe es keine Protokolle dazu, aber es könne gar nicht anders gewesen sein. So wird der Beschuldigte wegen mangelnden Controllings abgemahnt und geht gegen eine Abfindung von 160 000 Euro - inklusive Schweigevereinbarung. Aus dem leisen Gegeneinanderanarbeiten ist ein offener Machtkampf geworden. Senatssitzungen drohen im Eklat zu enden, von Bespitzelungen ist die Rede. Mit dem Hinweis auf ein »Verwaltungsversagen« beschließt das FU-Präsidium fast handstreichartig und gegen Langes Widerstand die Auflösung der Außenabteilung, was dem Kanzler weitere Zuständigkeiten entrissen hätte. Das Prekäre: Mit der Neuordnung der Verwaltung würde die Hochschulleitung nebenbei die inzwischen auch öffentlich kritisierten doppelten Strukturen beseitigen - zugunsten des präsidialen Center of International Cooperation.

Wer weiß, wie der Machtkampf ausgegangen wäre - hätte nicht Dieter Lenzen im vergangenen Herbst, inmitten der heftigsten Auseinandersetzungen, seinen Wechsel nach Hamburg verkündet. Zu einem Zeitpunkt, der für Lehmkuhl nicht ungünstiger hätte sein können. Derart aufgeheizt war die Stimmung, dass die »VP1« jegliche Nachfolgeambitionen begraben konnte. Heute lautet Lenzens Kommentar zur Spendenaffäre, für den Präsidenten der Hamburger Uni gehöre es sich nicht, sich über die internen Vorgänge einer anderen Hochschule zu äußern. Was Lehmkuhl blieb, waren ein paar undankbare Monate als amtierende Präsidentin. Auf sich allein gestellt, habe sie keine Chance mehr gehabt, die gemeinsam angestoßenen Reformen weiterzuverfolgen, sagt sie. Tatsächlich schlägt die alte FU nach Lenzens Weggang umgehend zurück.

Beispiel Außenabteilung: Die beschlossene Auflösung wird gegen Lehmkuhls Willen bis nach der Neuwahl des Präsidenten auf Eis gelegt. Ein Punktsieg für Peter Lange. In einem FUPositionspapier an den Rechnungshof heißt es plötzlich, die Verluste der Friends seien auch darin begründet, dass Lenzen sich in wichtigen Phasen persönlich nicht ausreichend für die Belange des Büros engagiert habe. Ein bemerkenswerter Tiefschlag angesichts einer Affäre, bei der es eigentlich um den Verbleib von Geldern geht. Und dann ist da noch der von Lehmkuhl gegen seinen Willen emiritierte Wortführer des linksliberalen Dienstagskreises«, Hajo Funke, der schon länger eine Entdemokratisierung der FU-Entscheidungen von oben kritisiert. Er ist überzeugt: »Es gab gar keinen Spendenskandal.« Lenzen und später Lehmkuhl seien stets über alle wesentlichen Vorgänge um die Friends informiert gewesen. Dass die beiden plötzlich zum Angriff übergingen, habe nur einen Grund gehabt: »Sie wollten lästig gewordene Mitarbeiter und Abteilungen loswerden.«

Thesen, für die Funke inzwischen viel Beifall bekommt und die Lehmkuhl als absurd bezeichnet. Letzten Endes, so fügt Funke hinzu, trage ohnehin der Präsident die Verantwortung für das, was an einer Uni geschieht. Der neue FU-Präsident Peter-André Alt hat bereits angekündigt, die »Verzahnung zwischen Zentren und Verwaltung enger zu gestalten«. In einigen Fällen sei sogar »eine direkte Einbettung in die Administration« denkbar. Was im Klartext wohl heißt: Schluss mit den präsidialen Sondernummern. Abgeschnitten von allen Strategierunden, muss die frühere Vizepräsidentin nun als einfache Professorin darauf warten, dass ihre Entscheidungen vollends rückgängig gemacht werden. Sie hat den Machtkampf mit Langes Leuten verloren. Und so wäre die lückenlose Aufklärung der Vorgänge um die »Friends« möglicherweise der einzige Triumph, den Lehmkuhl noch feiern könnte. Berliner Senat und Rechnungshof ermitteln weiter und verweigern jeden Kommentar. Was schon feststeht: So schnell wird sich mit dem alten-neuen Kanzler keiner mehr anlegen.

Aus DIE ZEIT :: 01.07.2010

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