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Abschied für immer oder auf Zeit?

Von Lenore Sauer und Andreas Ette

Die zunehmende Zahl von Hochqualifizierten, die Deutschland den Rücken kehren, treibt Politik und Wirtschaft um. Meist wird bei diesen Analysen eine mögliche Rückkehr der Auswanderer in das Heimatland jedoch nicht berücksichtigt. Wer bleibt dauerhaft im Ausland und wer kommt wieder zurück?

Abschied für immer oder auf Zeit?© kallejipp - Photocase.comBleiben deutsche Wissenschaftler dauerhaft im Ausland oder kehren sie nach Deutschland zurück?
Die Auswanderung aus Deutschland hat sich zwischen Mitte der 1970er Jahre und heute mehr als verdreifacht. Diese Entwicklung löste in den vergangenen Jahren eine rege Debatte über die Auswanderung aus Deutschland aus. Mit Sorge wird dabei registriert, dass vermeintlich vor allem hochqualifizierte Personen, deren Kenntnisse und Fähigkeiten dringend benötigt werden, Deutschland verlassen. Meist wird bei diesen - einen 'brain drain' aus Deutschland nahelegenden - Analysen eine mögliche Rückkehr der Auswanderer in das Heimatland nicht berücksichtigt. Wer aber verbleibt dauerhaft im Ausland und wer kommt wieder zurück? Sind es besonders die Hochqualifizierten, bei denen sich die Auswanderung verfestigt oder sind diese besonders mobil und kehren nach wenigen Jahren wieder nach Deutschland zurück? Die meisten Studien zu deutschen Auswanderern konzentrieren sich auf die USA als einem der wichtigsten Zielländer und zeigen, dass deutsche internationale Migranten im Durchschnitt eine höhere Bildung und Qualifikation als die nichtmobile Bevölkerung aufweisen. Mittlerweile jedoch hat sich die Bedeutung der USA als wichtigstes Zielland relativiert.

Europäisierung der Auswanderung Deutscher

Die Auswanderung Deutscher hatte während des 19. Jahrhunderts und noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts einen stark transatlantischen Charakter, während die Migration in die europäischen Staaten eine nur untergeordnete Rolle spielte. Noch in den 1960er Jahren lag der Umfang der Auswanderung in die klassischen Einwanderungsländer - USA, Kanada, Australien und Neuseeland - und in die 14 Staaten der Europäischen Union auf gleichem Niveau. So wanderten im Jahr 1967 in beide Staatengruppen jeweils ca. 26 000 Deutsche aus, was jeweils etwa 35 Prozent an der damaligen Gesamtauswanderung entsprach. Während Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre bei rückläufigen Auswanderungszahlen insgesamt die Emigration in die EU-14-Staaten in etwa gleich blieb, ist die Auswanderung in die vier klassischen Einwanderungsländer zunächst deutlich abgesunken, bevor es seit Ende der 1970er Jahre wieder zu einem kontinuierlichen moderaten Anstieg kam.

Aber erst ab der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts der 2000er Jahre erreichte die Auswanderung in die klassischen Einwanderungsländer in etwa wieder das gleiche Niveau, das sie bereits in den 1960er Jahren hatte. Im Unterschied dazu hat sich die Auswanderung in die EU-14-Staaten in etwa verdoppelt (im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2009 jährlich ca. 55 000 Auswanderer). Auch die anderen Regionen Europas wie die Beitrittsstaaten aus den Erweiterungsrunden der Jahre 2004 und 2007 (EU-12) oder die EFTA-Staaten (Schweiz, Lichtenstein, Norwegen, Island) haben eine deutliche Zunahme der internationalen Migration Deutscher zu verzeichnen. Dabei stellt die Schweiz mit jährlich etwa 22 000 Auswanderern im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2009 das mit Abstand wichtigste Zielland dar, gefolgt von den USA mit ca. 14 000 deutschen Auswanderern. Weitere wichtige Zielländer im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre sind Österreich und Polen mit jeweils ca. 11 000, Großbritannien mit 10 000, Spanien mit 8 000 und Frankreich mit 7 000 deutschen Auswanderern.

Bildung und Qualifikation der deutschen Auswanderer

Auch die Gruppe der 25- bis 64-jährigen Deutschen, die zwischen 1996 und 2006 in einen der europäischen Mitgliedsstaaten ausgewandert und dort erwerbstätig sind, stellen hinsichtlich ihrer Bildung und Qualifikation eine "positiv selektierte" Gruppe dar. Analysen auf Basis des European Union Labour Force Survey (EULFS), der in zwischenzeitlich 32 europäischen Staaten durchgeführten europäischen Arbeitskräfteerhebung, zeigen, dass etwa die Hälfte (49 Prozent) der deutschen Auswanderer einen Hochschulabschluss hat. Die deutsche Wohnbevölkerung weist dagegen mit 29 Prozent einen deutlich geringeren Anteil an Personen mit Hochschulabschluss auf (s. Tabelle). Die Berufsqualifikation der deutschen Auswanderer liegt ebenfalls weit über dem durchschnittlichen Niveau der Bevölkerung in Deutschland: Über die Hälfte der Auswanderer sind in einer der beiden, hinsichtlich der Komplexität der Aufgaben und Pflichten einer Tätigkeit, höchsten Berufsgruppen - den 'Führungskräften (ISCO 1)' bzw. den 'Wissenschaftlern (ISCO 2)' - beschäftigt.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Begriff 'Wissenschaftler' die offizielle Übersetzung der englischen Bezeichnung 'professionals' darstellt. D.h. es fallen nicht nur wissenschaftlich Tätige an Universitäten und Forschungseinrichtungen unter diese Berufsgruppe, sondern auch ein Großteil der akademischen Berufe. Im Vergleich dazu liegt der Anteil der nichtmobilen Bevölkerung an diesen Berufsgruppen bei etwa einem Fünftel. Umgekehrt sind bei den Auswanderern sowohl die 'Handwerksberufe (ISCO 7)' als auch die 'Hilfsarbeitskräfte (ISCO 9)' mit insgesamt drei Prozent deutlich unterproportional vertreten im Vergleich zu der nicht mobilen Bevölkerung mit 23 Prozent. Auch die Verteilung deutscher Auswanderer auf die verschiedenen Wirtschaftszweige zeigt ein in der Tendenz vergleichbares Bild. Während in den Medien zwischenzeitlich nicht nur über die Bedeutung der Auswanderung für hochqualifizierte Personen berichtet wird, sondern zunehmend auch auf die Relevanz der Auswanderung für Wirtschaftssektoren hingewiesen wird, in denen überwiegend geringer qualifizierte Personen beschäftigt sind (z.B. Bau- und Gastgewerbe), lassen sich diese Vorstellungen auf Grundlage des EULFS nur bedingt bestätigen. Danach arbeitet mit nur einem Prozent ein äußerst geringer Anteil der deutschen Auswanderer im 'Baugewerbe (NACE F)', während es in der deutschen Vergleichsgruppe immerhin acht Prozent sind.

Für das 'Beherbergungs- und Gaststättengewerbe (NACE H)' zeigt sich ein solcher Zusammenhang schon eher: Hier ist der Anteil mit sechs Prozent unter den Auswanderern immerhin dreimal so hoch wie unter der nichtmobilen Bevölkerung in Deutschland. Insgesamt setzt sich das hohe Bildungsniveau aber weitgehend bei den Wirtschaftszweigen fort. Im Bereich 'Forschung und Entwicklung (NACE K)', in dem besonders viele Personen wissensintensive Dienstleistungen erbringen, sind mit 17 Prozent der Auswanderer mehr als doppelt so viele beschäftigt wie unter der nichtmobilen Vergleichsgruppe. Weiterhin ist bemerkenswert, dass im Bereich des 'Verarbeitenden Gewerbes (NACE D)' sowohl unter der deutschen Wohnbevölkerung mit 23 Prozent als auch unter den Auswanderern mit 20 Prozent die jeweils größte Gruppe in diesem Wirtschaftszweig tätig ist. Die Industrie stellt daher, zumindest gemessen am Umfang, den nach wie vor wichtigsten Motor der Auswanderung deutscher Beschäftigter dar.

Brain Drain versus Brain Circulation

Internationale Migration wurde früher als ein meist einmaliger und endgültiger Entschluss, der zu einer dauerhaften Auswanderung führte, gesehen. In der Migrationsforschung ist umstritten, inwieweit diese Charakterisierung früherer Wanderungen jemals die Realität präzise beschrieben hat. Unumstritten ist jedoch, dass heute ein zunehmender Anteil internationaler Migration nur temporär und mit einer abnehmenden Aufenthaltsdauer im Ausland verbunden ist. Schätzungen über den tatsächlichen Umfang der in den Jahren 1996 bis 2006 ausgewanderten Deutschen zeigen, dass im betrachteten Zeitraum etwa 122.000 erwerbstätige Deutsche im Alter von 25 bis 64 Jahren in einen anderen Mitgliedsstaat der EU (in die Betrachtung wurden elf der alten EU-Staaten einbezogen) abgewandert sind, während im gleichen Zeitraum 95.000 Deutsche von dort zurückkehrten. Dies entspricht einer Rückwanderungsquote von 78 Prozent, d.h. von 100 Auswanderern sind 78 wieder zurückgekehrt. Bei Deutschen mit Hochschulabschluss liegt die Rückwanderungsquote mit 85 Prozent sogar über diesem Durchschnitt, während sie bei gering qualifizierten Personen mit 43 Prozent deutlich darunter liegt.

Ähnliches zeigt sich auch für das weitgehend ausgeglichene Verhältnis zwischen der Aus- und Rückwanderung der 'Wissenschaftler' und 'Techniker'. Auch wenn es hier in absoluten Zahlen zu einem Netto-Verlust von 12.000 bzw. 6.000 Personen kommt, zeigen sich doch sehr hohe Rückwanderungsquoten von 74 bzw. 77 Prozent, die eher auf eine 'brain circulation' unter diesen Gruppen von Hochund Höchstqualifizierten hinweist. Umgekehrt zeigen sich in anderen Bereichen deutliche Hinweise für einen 'brain drain'. Dies betrifft in erster Linie die Berufsgruppe der 'Führungskräfte' sowie den 'Gesundheitsbereich', bei denen in beiden Fällen nur etwa ein Drittel der ursprünglichen Auswanderer nach Deutschland zurückkehrt.

Eine ausführliche Fassung der hier dargestellten Ergebnisse bietet folgende Publikation: Ette, Andreas; Sauer, Lenore, 2010: Auswanderung aus Deutschland - Daten und Analysen zur internationalen Migration deutscher Staatsbürger, VS-Verlag: Wiesbaden.

Aus Forschung und Lehre :: Februar 2011

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