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Absurd oder irgendwie nützlich?

Von Christoph Schneider

Wie viel taugen die Herbstausgaben der weltweiten Hochschulrankings?

Absurd oder irgendwie nützlich?© Noah Golan - iStockphoto.comDrei weltweit vergleichende Hochschulrankings: THE, QS und das der Shanghai Jiaotong University
"Die schon bislang umstrittene Ranking-Industrie ist in eine neue Phase der Absurdität eingetreten." So schrieb Jan-Martin Wiarda neulich in Die Zeit. Was ist geschehen? Eigentlich nur eine Scheidung mit Ansage: Die Wochenzeitschrift Times Higher Education (THE), die eines der weltweiten Hochschulrankings publiziert, und ihr bisheriger Datenlieferant, Quacquarelli Symonds (QS), haben sich getrennt, wie vor Jahresfrist angekündigt. Das neue THE Ranking nutzt Daten von Thomson Reuters und will das beste je dagewesene Ranking sein - aber natürlich existiert das bisherige unter dem Namen QS World University Rankings fröhlich weiter. So gibt es nun drei weltweit vergleichende Hochschulrankings: THE, QS und das der Shanghai Jiaotong University.

Kann man aus den vermehrten Perspektiven auf die globale Hochschulszene etwas lernen? Ja und nein. Ja, denn es gibt neue Ergebnisse und Anlässe zum Nachdenken: Bei THE ist nun Göttingen auf Platz 43 in der Welt die beste deutsche Universität vor der LMU München und der Universität Heidelberg. Insgesamt stehen dort 14 deutsche Universitäten unter den ersten 200 von mehr als 1000 in der Welt, zwischen 72 in den USA, 29 im Vereinigten Königreich und immerhin 10 in den Niederlanden. Bei QS steht 2010 erstmals eine europäische Universität auf Platz 1 in der Welt: Cambridge. Die deutschen Universitäten unter den ersten 200 (Heidelberg, zweimal München, FU Berlin, mit Abstand dahinter beispielsweise auch die HU Berlin, Tübingen, die RWTH Aachen, Freiburg, Bonn) haben sich im Vergleich zum Jahr 2009 fast alle verbessert, worin die Kommentatoren erste Wirkungen der Exzellenzinitiative vermuten. Göttingen landet hier auf Platz 174.

Ja, es gibt viel zu lernen, denn die Rivalität der Ex-Partner QS und THE motiviert beide zu größeren Anstrengungen: QS legt nun seine Datenquellen und Auswertungsmodi offen. Finanz- und Personaldaten der Hochschulen stammen von diesen selbst, die Bibliometrie aus der Datenbank Scopus von Elsevier. Auch zu den Umfragedaten erfährt man viel. Alle, die in den QS-Umfragen jemals Antworten gegeben haben, werden immer wieder befragt. Unter den Akademikern sind mit fast einem Drittel Westeuropäer die größte Gruppe; unter den Arbeitgebern sind mehr als 20 % in Indien angesiedelt, mindestens ein Drittel im asiatischen Raum. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass die methodischen Bedenken, die THE zur Trennung von QS motiviert haben, durchaus berechtigt sind, nicht nur, (aber auch) weil QS für die Ranglisten nach Disziplinengruppen weiterhin ausschließlich Umfragedaten zugrundelegt.

Methodisch wirkt das THE Ranking 2010 wesentlich reflektierter und besser auf solide Daten gestützt - auch wenn man sich die entscheidenden Einzelheiten im Internet ziemlich mühsam zusammensuchen muss. Das läse man gern sorgfältiger zusammengestellt. Aber jeder kennt Thomson Reuters als Marktführer der Zeitschriftendatenbanken und bibliometrischen Informationen. Für die mehr als 13 000 Antworten aus der weltweiten Repräsentativbefragung von Hochschullehrern, die dem THE-Ranking zugrunde liegen, steht das international anerkannte Umfrageunternehmen Ipsos. Die THE-Ranglisten nach Disziplinengruppen verwenden den kompletten Datensatz, der auch der großen Ligatabelle zugrundeliegt, einschließlich Daten zur Lehre und zur Bibliometrie, und sind schon jetzt wirklich interessant - später, in der Zeitreihe, werden sie es noch mehr.

Und ja, es gibt viel zu lernen, denn in jedem der beiden Rankings erfährt man sehr viel über den globalen Wissensmarkt und seine atemberaubend raschen Veränderungen. Die Kunden, an die sich die Rankings wenden, sind in Mittelund Osteuropa und vor allem in Asien, in den durch Armut gesetzten Grenzen auch in Afrika und Lateinamerika. Also viel "ja". Warum dann insgesamt ein klares Nein? Die Antwort gibt in aller Kürze Phil Baty von THE: "It is, of course, rather crude to reduce universities to a single number", schreibt er. In der Tat. Aber wenn man das weiß und es trotzdem tut, verdient man keinerlei Zustimmung, so sehr man sich mit methodischen Mäntelchen behängt. Rankings bleiben eben Rankings.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Dezember 2010

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