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Ach, dieser Stress

Von Jan-Martin Wiarda

Gerade einmal 23 Stunden wenden Studenten pro Woche für die Uni auf, zeigen neue Studien.

Ach, dieser Stress© Aridula - Photocase.comIst der Bachelor-Student nun über- oder unterbelastet?
Als Erik Beuck in sein erstes Semester startet, erreicht der Bildungsstreik gerade seinen Höhepunkt. Herbst 2009: Überall im Land besetzen Studenten Hörsäle, ziehen durch die Innenstädte und fordern das Ende aller Spardiktate. Eines der bestgehassten Wörter ist »Bologna«, die Hochschulreform wird zum Synonym für Effizienzdruck und sinnentleertes Turbolernen. »So ist es wohl«, denkt Erik Beuck, schließlich hat er es überall so gehört - und marschiert mit. Knapp zwei Jahre später sitzt der 27-Jährige vor der Auswertung seines Lernkontos und schüttelt den Kopf. Exakt 18,97 Stunden ergibt das Protokoll seiner Studierzeit: 18,97 Stunden pro Woche, die er im Schnitt für Vorlesungen, Übungen, Hausarbeiten, Referats- und Klausurvorbereitung aufgewendet hat. Bin ich ein Halbtagsstudent?, fragt Beuck sich. Er kann es nicht glauben. Rolf Schulmeister war anfangs ähnlich überrascht. Der Informatiker leitet das Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Uni Hamburg, und als er vor zwei Jahren die Streiks beobachtete, war er überzeugt: Recht haben sie, die Studenten, dieser Bachelor ist eine Zumutung.

Und weil Schulmeister Wissenschaftler ist, wollte er es beweisen. So stellte er mit seinen Mitarbeitern ein einmaliges Forschungsprojekt namens »Zeitlast« auf die Beine: 403 Studenten an Hochschulen überall in Deutschland protokollierten über Monate hinweg jede einzelne ihrer wachen Stunden. Schulmeister sammelte 150 Tagesabläufe und insgesamt 1 466 184 Stunden. Als er erste Analysen durchrechnen ließ, war er zunächst sprachlos. Dann verwundert. Und schließlich kam er in Hochstimmung. »Genau deshalb bin ich Forscher geworden«, sagt er. »Weil ich nicht behaupte, schon alles zu wissen. Weil Fakten besser sind als Vermutungen.« Und Fakt ist: Der durchschnittliche Aufwand fürs Studium belief sich bei den Studienteilnehmern auf 23 Stunden in der Woche. Als Schulmeister vergangenen Herbst mit einem ersten Zwischenergebnis aus nur fünf Studiengängen an die Öffentlichkeit trat, war das Medienecho bereits gewaltig. Häme ergoss sich über die plötzlich als »faul« titulierten Studenten, die alle mit ihrer ewigen Jammerei hinters Licht geführt hätten. Häme bekam aber auch Schulmeister zu spüren, und zwar vonseiten einiger Forscherkollegen, die Methode und Aussagekraft seiner Untersuchung anzweifelten. Zu krass war die Abweichung von allen bislang bekannten Studien.

Widersprüchlich

»Die Ergebnisse freuen mich außerordentlich«, kommentierte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Studien des HIS, des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft und des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft, die vor der zweiten Bologna-Konferenz am 6. Mai erschienen. DHV-Chef Kempen entgegnet: »Die Studien, die aus dem Hause Schavan kommen und nach Lesart der Bundesministerin den angeblich notorischen Kritikern der Bologna-Reform den Wind aus den Segeln nehmen, belegen in der Regel das Gegenteil.« Was die Untersuchungen tatsächlich zeigen: Vieles in der Kritik an den neuen Abschlüssen war weit übertrieben, aber besser geworden ist durch die Reform noch zu wenig. So hat sich die Studienqualität in der Bewertung gegenüber den alten Abschlüssen kaum gesteigert. Und die Verunsi cherung der Bachelorabsolventen durch die ständigen Warnrufe hat skurrile Folgen: Obwohl sie ihre Jobaussichten zum Teil sogar besser bewerten als die Inhaber alter Abschlüsse und die Bereitschaft von Firmen, sie einzustellen, groß ist, hängen die Hälfte der FH- und drei Viertel der Uni-Bachelors einen Master an.
Das renommierte Hochschul-Informations-System (HIS) etwa war in seiner Studie auf geschlagene 13 Stunden mehr pro Student gekommen. Auch deshalb legte Schulmeister nach. Das Ergebnis: Obwohl er den Kreis der untersuchten Studiengänge von sechs auf mittlerweile 18 erweitert und auch vermeintliche Paukfächer wie BWL oder Ingenieurwissenschaften hinzugenommen hat, blieb der gemessene durchschnittliche Studienaufwand in etwa gleich - bei großen individuellen Abweichungen. »Natürlich gibt es die Studenten, die 40 Stunden in der Woche studieren«, sagt Schulmeister. »Aber sie sind die Ausnahme - im Gegensatz zu denen, die 15 Stunden und weniger fürs Studium aufwenden.« Noch überraschender: Zumindest in den untersuchten Studiengängen waren die angeblich besonders geforderten Ingenieurstudenten (24 Stunden) und BWLer (25 Stunden) keineswegs arbeitsamer als die dem Klischee nach so entspannten Lehramtsstudenten (27 Stunden) und Erziehungswissenschaftler (23 Stunden). Und eines hat Schulmeister besonders erschüttert: »Die investierte Zeit hat keinen Einfluss auf Noten und Studienerfolg.« Die fleißigeren Studenten sind im Schnitt keineswegs die besseren.

Aber wie kann das alles sein? Und wie kommen die enormen Unterschiede zu anderen Studien zustande? Ganz einfach, sagen Schulmeisters Forscherkollegen: Seine Daten seien nicht repräsentativ, teilgenommen hätten ein paar Hundert Studenten aus einer Handvoll Studiengänge, die auch noch aufgrund der persönlichen Initiative ihrer Studiengangsleiter bei der Untersuchung mitgemacht hätten, da sei die Verallgemeinerbarkeit schon arg begrenzt. Die HIS-Forscherin Elke Middendorff spricht von einem »dirty panel«. Ihr Kollege Tino Bargel von der Konstanzer AG Hochschulforschung, deren Studierendensurvey seit 30 Jahren zu den meistbeachteten repräsentativen Studien an Hochschulen überhaupt gehört, drückt sich zurückhaltender aus: »Die Ergebnisse von Zeitlast sind äußerst beeindruckend, die Methode der Datenerhebung ist innovativ, allerdings muss man angesichts der nicht zufälligen Auswahl der Studiengänge vorsichtig sein, weiterführende Schlüsse für alle Studenten in Deutschland zu ziehen.« - »Wer so was sagt, hat die Methode unserer Studie nicht verstanden«, sagt Schulmeister knapp und verweist auf die »enorme Datendichte« angesichts von anderthalb Millionen protokollierten Stunden und die Länge der Untersuchung über fünf Monate hinweg.

Das HIS hatte das studentische Zeitbudget für die 2007 erschienene, als repräsentativ geltende 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks erhoben. Der zufolge lag die durchschnittliche Belastung von Bachelorstudenten bei 36 Wochenstunden. Eine »äußerst besorgniserregende Entwicklung«, kommentierten Studentenverbände, Professoren und Politiker. Das war schon damals gewagt - schließlich war die vom HIS ermittelte Zeitbelastung bei den alten Studienabschlüssen ganz ähnlich. Ein entscheidender Unterschied zu Schulmeisters Studie ist jedoch die Methode: Die an der Sozialerhebung beteiligten Studenten mussten ihren Zeitaufwand fürs Studium lediglich schätzen, während Schulmeister seine Probanden sauber mitprotokollieren ließ.

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Schätzen sollte Erik Beuck erst am Ende. Bevor die Forscher ihm die Ergebnisse seines Zeitkontos präsentierten, baten sie den Lehramtsstudenten, die Stundenzahl anzugeben, die seiner Meinung nach seinem wöchentlichen Studienpensum entsprach. Beuck wusste da bereits, dass er nicht zu den fleißigsten Studenten gehört. Die Praxis liegt ihm mehr, schon jetzt arbeitet er freiwillig jede Woche einen Tag in einer Schule. 30 Stunden, antwortete er also - und hielt sich für extrem realistisch. Angesichts der 18,97 Stunden, die seine persönliche Auswertung dann ergab, sucht er jetzt nach Erklärungen. »Das hat mit den Medien zu tun«, sagt er. »Jahrelang haben sie rauf und runter geschrieben, dass der Bachelor kaum zu schaffen ist. Das ist eine super Ausrede, wenn man mal keine Lust hat aufs Lernen. Das bin ja nicht ich, sagt man sich. Das liegt an dem blöden Bologna-Studium.« Diese Entschuldigung zumindest könnte sich bald erledigt haben. Auch abgesehen von der Schulmeister-Untersuchung bekommt die Reform derzeit eher gute Presse. Gerade hat eine Reihe von Studien im Auftrag des Bundesbildungsministeriums ergeben, dass die internationale Mobilität der Studenten entgegen allen Vermutungen der Bologna-Kritiker zugenommen hat und dass Bachelorabsolventen erstaunlich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben (siehe auch Kasten). Doch gilt die Entwarnung auch für die angebliche Überfrachtung des Studiums, die viele streikende Studenten so erbost hat?

»Meine subjektive Wahrnehmung als Hochschullehrer, was die Belastung der Studenten angeht, bleibt eine andere«, sagt Bernhard Kempen, Vorsitzender der bolognakritischen Professorengewerk schaft Hochschulverband (DHV). Beim Deutschen Studentenwerk äußert man sich betont differenziert. »Wir haben nie behauptet, dass die Lage der Studenten wegen des Bachelors per se schlecht ist«, sagt der stellvertretende Generalsekretär Stefan Grob. »Allerdings muss man festhalten: Gerade für das Drittel der Studenten, die neben dem Studium zwingend für ihren Unterhalt arbeiten müssen, wird es schon eng.« Selbst Rolf Schulmeister sagt: »Eins zeigen auch unsere Daten, nämlich dass der Studienaufwand sehr ungleich verteilt ist.« Ein paarmal im Semester, besonders im Vorfeld der Klausurenphase, sei bei vielen wirklich extremer Stress angesagt, dann komme alles zusammen, lernen, Hausarbeiten schreiben, sich für Prüfungen anmelden. Außerdem die Klausuren: Tatsächlich sind sechs Stück in anderthalb Wochen keine Seltenheit.

Hier offenbart sich, wie hehre Absichten zum Gegenteil des Erhofften führen können. Die semesterbegleitenden Klausuren sollten die gefürchteten Hammerprüfungen am Ende des Studiums ersetzen, die manchen noch nach einem Dutzend Semestern aus dem Magisterstudium gehauen haben. Der Preis: Jetzt zählt jede Klausur und löst Stress aus, zumal auch deutlich mehr Lernkontrollen geschrieben werden als früher. »Mit einer zeitlichen Überfrachtung des gesamten Bachelorstudiums hat das allerdings nichts zu tun«, sagt Schulmeister. Student Beuck bestätigt: »Die Spitzen in der Belastung prägen die Wahrnehmung, die anderen Wochen vergisst man irgendwie.« Doch was folgt aus der enormen Diskrepanz zwischen »subjektivem Empfinden und objektivem Sachverhalt«, von der DHV-Chef Kempen spricht? Schulmeister sagt: »Anstatt die Studenten mit bis zu 14 Themenwechseln pro Woche zu konfrontieren, müssen wir das Studium in thematisch zusammenhängenden Blöcken organisieren, dann ist ein tiefer gehendes Lernen möglich, und die Prüfungen ballen sich nicht am Semesterende.« Gemeinsam mit der TU Ilmenau haben die Hamburger Forscher ihr neues Modell bereits ausprobiert. Sie haben das Semester dort in vier Blöcke aufgeteilt mit jeweils anschließender Prüfung und dabei den durchschnittlichen Studienaufwand sogar gesteigert, ohne dass er sich schlimmer anfühlt: von 24 auf 31 Stunden. Ein Ergebnis, das offenbar jetzt auch andere zum Nachdenken bringt. Die Fachhochschule Kiel etwa will ihre Studienstruktur neu organisieren und als ersten Schritt die Semester halbieren. Den Studienleiter Rolf Schulmeister haben sie dazu als Berater eingeladen.

Buchtipp: Rolf Schulmeister/Christiane Metzger (Hrsg.): Die Workload im Bachelor. Waxmann 2011; 360 Seiten, 34,90 Euro.


Aus DIE ZEIT :: 12.05.2011

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