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Ängstliche Optimisten

VON JAN-MARTIN WIARDA

Die neue Studierendenumfrage zeichnet ein zwiespältiges Bild vom Akademikernachwuchs an Deutschlands Hochschulen.

Ängstliche Optimisten© es.war.einmal.. - Photocase.comStudenten haben gute Berufschancen, aber Sorge, im Studium zu scheitern
Streiks brachten vor anderthalb Jahren Deutschlands Hochschulen zum Stillstand und die Wissen schaftsminister zum Umsteuern. Der Studienboykott hatte sich vor allem gegen die Überfrachtung der neuen Bachelorstudiengänge gewandt. Und die Ergebnisse des 11. Studierendensurveys, die am Dienstag in Berlin präsentiert wurden, liefern eine nachträgliche Bestätigung: Die von den Studenten erkämpfte Reform der Bologna-Reform war richtig! Der Survey beruht auf repräsentativen Befragungen, die zeitlich parallel zu den Protesten 2009/10 entstanden, und belegt erstmals eindeutig: Die Demonstranten waren nicht etwa eine Minderheit mit zum Teil »gestrigen« Forderungen, wie Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) noch im Sommer 2009 vermutete. Tatsächlich repräsentierten sie in ihrem Ärger die Mehrheit der schweigenden Studenten. So geben zwar 72 Prozent der Befragten im Studierendensurvey an, sie seien mit der Gliederung ihres Studiums nicht unzufrieden.

Die Bachelorstudenten an den Universitäten sind dabei jedoch am kritischsten: Lediglich 16 Prozent von ihnen finden, ihre Semestervorgaben ließen sich zeitlich gut erfüllen, unter Diplomstudenten sagen das immerhin 28 Prozent. »Ob die enorme Prüfungsdichte, die verbreitete Unmöglichkeit, ein Auslandssemester einzulegen, oder die zu hohe Zahl an Pflichtkursen - all die Themen, die bei den Studentenstreiks eine Rolle gespielt haben und bei denen dann zum Teil grundlegend nachgebessert wurde, tauchen auch in der Umfrage wieder auf«, sagt der Konstanzer Hochschulforscher Tino Bargel. Dass die Unzufriedenheit der Studenten heute noch genauso groß ist wie zur Zeit der Proteste, diese Schlussfolgerung lasse sich aus den veröffentlichten Zahlen aber keinesfalls ableiten, betont Bargel. Im Gegenteil: »Es gibt Hinweise an einzelnen Stellen, dass die Bemühungen von Ländern und Hochschulen um Verbesserungen erste Früchte tragen, etwa bei der Machbarkeit von Auslandsaufenthalten.«

Der Studierendensurvey, erhoben von der Arbeitsgruppe Hochschulforschung der Universität Konstanz, ist Teil einer seit knapp 30 Jahren laufenden Langzeitstudie (»Studentensituation und studentische Orientierung«). Sie gehört zu den meist beachteten repräsentativen Studien an Hochschulen überhaupt. Mit ihrer Hilfe lassen sich auch langfristige Veränderungen in den Einstellungen nachweisen. Und die sind beachtlich: Weiter verstärkt hat sich eine - schon in vorigen Erhebungen auffällige - Leistungsorientierung der Jungakademiker. Besonders die Bachelorstudenten bejahen den hohen Effizienzdruck im Studium, fühlen sich aber eben gleichzeitig durch die schlechte Organisation ausgebremst. »Das ist keine Generation, die sich hängen lässt, im Gegenteil«, sagt Bargel. Zur Leistungsbereitschaft gesellt sich der Wunsch nach materiellem Wohlstand und Sicherheit. Damit bestätigen die Ergebnisse des Studierendensurveys Erkenntnisse der jüngsten Shell-Jugendstudie, derzufolge traditionelle Werte wie Fleiß, Pflichterfüllung und familiäres Glück bei den 12- bis 25-Jährigen wieder hoch im Kurs stehen.

Bargel warnt indes davor, sich über die, wie er sagt, »Effizienzorientierung« der aktuellen Studentengeneration allzu sehr zu freuen. »Wenn die dahinter stehende Haltung eine positive wäre, könnte man in der Tat von einem neuen Pragmatismus schwärmen. Doch das beherrschende Motiv ist eine ausgeprägte Angst vor der Zukunft.« Der Bildungsforscher sieht die Jungakademiker regelrecht hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen: Die kurzfristige Sorge, im Studium zu scheitern, am Ende ohne Abschluss und Chancen dazustehen, verbindet sich mit der Zuversicht auf ausgezeichnete Jobchancen bei erfolgreichem Abschluss. Persönlicher Optimismus also. Was aber die Zukunft der gesamten Gesellschaft betrifft, ist die Furcht weit verbreitet, Deutschland könne langfristig zu den Globalisierungsverlierern zählen - inklusive Wohlstandsverlust und Jobverlagerung ins Ausland. Ein Widerspruch? »Die heutigen Studenten sind in Zeiten von Langzeitarbeitslosigkeit und wiederkehrenden Wirtschaftskrisen aufgewachsen «, sagt Tino Bargel. »Das prägte sie, darum trauen sie ihrer Zukunft nicht so recht.«

Aus DIE ZEIT :: 17.03.2011

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