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Ärzte ohne Grenzen?

Von Linda Tutmann

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler will den Numerus clausus für Medizin abschaffen. Die Debatte über den NC geht am eigentlichen Problem vorbei.

Ärzte ohne Grenzen?© Artur Gabrysiak - 123rf.comKann eine Abschaffung des NCs wirklich den Ärztemangel beheben?

Wie wird heute über die Zulassung zum Medizinstudium entschieden?

Der NC wird nicht etwa willkürlich festgelegt, sondern spiegelt das Verhältnis zwischen dem Angebot an Studienplätzen und der Anzahl der Bewerber (im Schnitt 35 000) im vergangenen Semester. Den Gedanken, dass auch Abiturienten mit einer einer Drei vor dem Komma im Abitur gute Ärzte werden können, versucht man dadurch zu berücksichtigen, dass 60 Prozent der Studienplätze von den Unis in Eigenregie vergeben werden können. Nur 20 Prozent der Plätze gehen automatisch über die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) an die Bewerber mit dem besten Notendurchschnitt im Abi, 20 Prozent werden über die Wartezeit verteilt.

Allerdings wählt ein Großteil der Universitäten immer noch über den Notendurchschnitt und nicht über Tests oder Gespräche aus. »Für die qualitative Auswahl fehlt vielen Universitäten schlicht das Personal«, sagt Susanne Schilden von der Hochschulrektorenkonferenz. Zudem zeigten Studien, dass ein guter Abi-Schnitt ein gutes Kriterium dafür sei, ob jemand sein Studium erfolgreich abschließen könne. Daher würden sich viele Universitäten auf diese Auswahlmethode verlassen. Die Möglichkeit dagegen, über Auswahlgespräche herauszufinden, ob jemand später ein einfühlsamer Arzt werde, seien sehr gering, sagt Cort-Denis Hachmeister vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). »Für die Universitäten sind Gespräche zu aufwendig und zu wenig sinnvoll.«

Was würde passieren, wenn man den NC einfach abschaffen würde?

Laborplätze würden vermutlich per Los verteilt, und bei den praktischen Übungen am Patienten würden sich Massen von Studenten um das Krankenbett drängen. Denn alle, die bisher vergeblich von einem Studienplatz in Medizin geträumt haben, würden an die Fakultäten stürmen: An der Berliner Charité wären es statt 300 Studenten pro Jahr plötzlich 8000. Ein Szenario, vor dem es nicht nur den Professoren gruselt. In letzter Konsequenz hieße das auch: schlecht ausgebildete Ärzte, Fehler bei den OPs, bei den Vorsorgeuntersuchungen und den Diagnosen. »Die Vorschläge Röslers führen in die Irre«, sagt der Prodekan für Lehre der Charité, Manfred Gross. »Statt über eine Abschaffung des NCs zu diskutieren, müssten zunächst die Voraussetzungen für die Aufnahme der Studenten geschaffen werden.«

Wer bestimmt eigentlich, wie viele Ärzte an den Universitäten ausgebildet werden?

Wie viele Plätze jede Universität bereitstellen kann und darf, ist in der Kapazitätsverordnung (KapVO) festgelegt. Im Wintersemester 2009/10 waren es insgesamt 8519 Studienplätze im Studien fach Medizin an deutschen Universitäten. Im Sommersemester kommen noch einmal gut 1500 Plätze hinzu. Die Kapazität einer Universität wird mit dem sogenannten Curricularnormwert ermittelt. Dieser Wert berücksichtigt zum Beispiel die Größe und Anzahl der Kurse, die ein Student belegen muss, oder auch wie viel Personal für die Betreuung der Studenten notwendig ist. Beim Studiengang Medizin, in dem teilweise Seminare vorgeschrieben sind, an denen nur bis zu sechs Studenten teilnehmen können, ist der Curricularwert im Vergleich zu anderen Studienfächern hoch. Zudem ist das Studium teuer: 30 000 Euro kostet ein Medizinstudium im Jahr, im Vergleich zum Durchschnitt von 7200 Euro gehört es zu den teuersten Studiengängen an deutschen Universitäten. »Die längerfristige Bedarfs planung ist Verhandlungssache zwischen den Bildungsministerien und den Universitäten«, erklärt Bernhard Scheer von der ZVS. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, ob man Professuren neu besetzt oder schafft. Kapazität ist deshalb auch immer eine finanzpolitische Frage der einzelnen Länder, die in den Ausbau der Studienplätze investieren müssten.

Wo liegen die eigentlichen Probleme?

Umstritten ist, ob es überhaupt zu wenig Medizinstudenten gibt oder ob nur zu wenige Absolventen am Ende tatsächlich als Arzt arbeiten: Laut der Kassenärztlichen Vereinigung ergreifen 40 Prozent der Absolventen keinen klassischen Arztberuf. Aber auch die Schweiz oder die skandinavischen Länder ziehen deutsche Mediziner an. »Um den Ärztemangel zu beheben, ist es wichtig, dass die Medizinstudenten später auch tatsächlich in Deutschland als Arzt arbeiten«, sagt Carl-Heinz Müller von der Kassenärztlichen Vereinigung. Vorschläge, wie das gehen könnte, werden noch gesucht.

Aus DIE ZEIT :: 15.04.2010

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