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Afghanistan braucht eine akademische Elite


von Dorothea Rüland

Zehn Jahre Engagement deutscher Hochschulen beim Wiederaufbau des afghanischen Hochschulsystems.

Afghanistan braucht eine akademische Elite© 123render - iStockphoto.comDeutsche Hochschulen unterstützen in Kooperation mit dem DAAD Afghanistan im Wiederaufbau des Hochschulsystems
Afghanistan wird in der deutschen Öffentlichkeit vor allem als Kriegsschauplatz wahrgenommen. Doch gibt es dort trotz schwieriger Sicherheitslage heute bereits über einhunderttausend Studenten. Wie gestaltet sich die Situation vor Ort? Was haben deutsche Institutionen zur Entwicklung beigetragen, was muss noch getan werden? Ein Bericht.

Im Jahr 2002 schloss der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ein Memorandum of Understanding mit dem Hochschulministerium in Kabul ab. Deutsche Universitäten übernahmen gemeinsam mit den afghanischen Partnerhochschulen die Verantwortung für den Aufbau einzelner Fächer oder Fachbereiche mit Schwerpunkten in Informationstechnologie, Wirtschafts-, Geo- und Naturwissenschaften, Germanistik, Medizin und Good Governance. Teilweise konnte dabei an alte Kontakte aus den 70er Jahren angeknüpft werden. Das Auswärtige Amt stellte über den Stabilitätspakt Afghanistan finanzielle Mittel zur Verfügung. Bereits 2002 begann als Soforthilfe-Maßnahme eine Serie von Sommer- und Winterakademien, die über 300 afghanische Dozenten an deutschen Hochschulen fortbildete. Schnell wurden erste Laborausstattungen nach Afghanistan geliefert, Fachbibliotheken eingerichtet und ergänzt, das akademische Leben konnte wieder aufgenommen werden. Seit diesen Anfängen unterstützen die vom DAAD vermittelten Lektoren, Kurz-und Langzeitdozenten kontinuierlich die Arbeit vor Ort.

Status quo

Was wurde in den letzten zehn Jahren erreicht? Wo damals entkernte Gebäude standen, befinden sich heute funktionierende Institute mit Bibliotheken, Laboren und weitgehend modernen Curricula, zumindest für den Bachelor. Rund 3.000 afghanische Akademiker wurden bislang durch den DAAD in Deutschland oder vor Ort weitergebildet. Moderne Computerzentren wurden eingerichtet, IT-Schulungen und kompetente Serviceleistungen werden angeboten und sorgen an Hochschulen und Fachbereichen für eine breite Vernetzung. Aus Sondermitteln des Auswärtigen Amtes wurde das Deutsch-Afghanische Universitätsgästehaus errichtet, das auch heute noch trotz schwieriger Sicherheitslage eine regelmäßige Begegnung deutscher und afghanischer Akademiker vor Ort ermöglicht. Die Studierenden machen einen engagierten und motivierten Eindruck; erste Dozenten kommen mit einer Promotion aus dem Ausland zurück. Die Zahl der Master-Absolventen wächst stetig und wird seit mehreren Jahren durch eigens eingerichtete Master-Programme in den Bereichen der Informatik, der Wirtschaftswissenschaften und der Good Governance verstärkt. Ansätze zu gemeinsamer Forschung entstehen. In der Taliban-Zeit war die Zahl der Studierenden bis 2001 landesweit auf etwa 4.000 zurückgegangen. Heute gibt es im Land bereits 106.769 Studierende an 31 Hochschulen. Durch die Bildung enger Netzwerke zu deutschen Hochschulen und die Ausbildung von Multiplikatoren, die ihr erworbenes Wissen weitergeben, ist eine wichtige Basis für die Nachhaltigkeit der erzielten Leistungen geschaffen.

Druck auf die Universitäten

Es ist also viel erreicht worden. Dennoch steht das Land insbesondere im Hochschulbereich vor großen Herausforderungen. Dabei sind es gerade die Erfolge in den Schulen mit Millionen von Schülern, die heute den Hochschulen zu schaffen machen: In diesem Jahr haben sich circa 140.000 junge Afghanen um einen Studienplatz beworben, nur 41.390 konnten zugelassen werden und dabei müssen einige Hochschulen bereits doppelt so viele aufnehmen, als eigentlich Plätze zur Verfügung stehen. Es gibt also einen enormen Druck auf die Universitäten, dem sie in keiner Weise gewachsen sind. Und die Studienbewerberzahlen werden weiter steigen, sich zunächst von Jahr zu Jahr verdoppeln. Hier tut sich eine gefährliche Schere auf, die viel politische Brisanz in sich birgt. Zumal es bei den Hochschulaufnahmeprüfungen auch nicht immer mit rechten Dingen zugehen soll. Entsprechend hat sich ein blühender Markt an Privathochschulen entwickelt, der bisher keiner Qualitätskontrolle unterliegt. 60 dieser Hochschulen nahmen im Jahr 2012 etwa 55.000 Studierende auf. Die Studiengebühren schwanken, versprechen aber offensichtlich ein gutes Geschäft, was zeigt, dass zumindest in Kabul viel Geld auf dem Markt ist. Auch die blühende Bauindustrie verdeutlicht dies: Wo vor zehn Jahren nur Reste von Grundmauern standen, entstehen Wohnhäuser, Privathochschulen und Unternehmen.

Fehlende Autonomie

Hinzu kommt eine ganze Reihe weiterer Herausforderungen im Hochschulbereich: Die Autonomie der afghanischen Hochschulen ist noch lange nicht in Sicht. Sie wäre jedoch von erheblichem Nutzen, um den Hochschulen Freiräume zu eröffnen und z.B. Einkommen zu erwirtschaften und damit ihren kargen Haushalt aufzustocken, der 2009 bei einem Gesamtetat von 35 Mio US-Dollar für damals 22 Universitäten etwa 1,5 Mio US-Dollar pro Hochschule betrug. Zurzeit müssen noch alle Einnahmen an das Finanzministerium abgeführt werden. Dabei böte gerade eine stärkere Kooperation zwischen der Wirtschaft, den Hochschulen und Studierenden viel Potential. Nicht nur der Einstieg in den Arbeitsmarkt könnte somit erleichtert werden, auch den Professoren böte sich die Möglichkeit, ihre mageren Gehälter aufzubessern. Durch die derzeitige Regelung sind viele gezwungen, ihr Einkommen außerhalb der Universität durch zusätzliche Jobs, bevorzugt bei Ausländern, zu generieren. Erste Ansätze zu mehr Autonomie der Hochschulen wurden nach kurzer Zeit wieder eingestellt: So scheiterte der Aufbau einer eigenen Rektorenkonferenz ebenso wie der Entwurf eines ersten modernen Hochschulgesetzes.

Zukünftige Herausforderungen

Viele dieser Probleme sind erkannt und haben ihren Niederschlag in einem Strategieplan 2010 bis 2014 des afghanischen Hochschulministeriums gefunden. Doch haben diese Herausforderungen Dimensionen, die sich mit dem immer noch recht überschaubaren Budget des Hochschulministeriums kaum bewältigen lassen. Zumal auch noch ein erheblicher Mangel an Lehrkräften hinzukommt. Gerade in einem Land, das wie Afghanistan eine sehr junge Bevölkerung hat (das Durchschnittsalter lag 2011 bei 18,2 Jahren) und für die eigenständige Gestaltung einer besseren Zukunft erst einmal tragfähige Ressourcen schaffen muss, ist die Bedeutung der Bildung kaum zu überschätzen. Auch die Geberländer müssen sich diesen drängenden Fragen durchaus auch in ihrem eigenen Interesse stellen, denn das gefährliche Potential, das aus der Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen in Afghanistan entstehen könnte, wäre ohne Frage von weitreichender Relevanz.

Afghanistan braucht eine akademische Elite, um Anschluss an die globalen Themen zu gewinnen und um sein politisches und wirtschaftliches Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können. Und hier ist noch viel zu tun: Master und Promotion müssen gemeinsam entwickelt, eine Akkreditierung der neuen Studiengänge für die weitere Integration Afghanistans in die internationale Wissensgemeinschaft veranlasst, und die Forschung im Interesse der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes auf den Weg gebracht werden, soll nicht alles von außen vorgegeben werden. Neue Lehrformen sind zu implementieren, um auch große Gruppen, beispielsweise durch stärkere virtuelle Angebote, zu erreichen. Dies würde auch Kooperationen bei angespannter Sicherheitslage zulassen. All dies erfordert einen neuen Masterplan für das nächste Jahrzehnt: eine große Herausforderung, deren Lösung entscheidend zur Zukunft Afghanistans beitragen kann.


Über die Autorin
Dr. Dorothea Rüland ist Generalsekretärin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Aus Forschung & Lehre :: September 2012

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