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Akademische Sammlungen im modernen Wissenschaftsbetrieb

VON CORNELIA WEBER

Wissenschaftliche Sammlungen fristen nicht selten ein Schattendasein in den Universitäten. Die Gründe dafür sind naturgemäß vielfältig. Dabei sind die universitären Sammlungen nicht nur historisch interessant; auch die heutige - und künftige - wissenschaftliche Praxis kann von den Sammlungen profitieren.

Akademische Sammlungen im modernen Wissenschaftsbetrieb© Jesse Karjalainen - iStockphoto.comAkademische Sammlungen sollten stärker in den Hochschulalltag integriert werden. Besonders die wissenschaftliche Praxis kann hiervon profitieren
Als der Anatom Philipp Friedrich Theodor Meckel im Jahre 1803 in Halle starb, hinterließ er der Universität nicht nur ein umfangreiches anatomisches Kabinett, sondern obendrein ein eher ungewöhnliches Forschungsobjekt. In seinem Testament, das ihn für immer mit seiner Sammlung vereinen sollte, verfügte der "Professor Medicinae et Anatomiae Ordinarius", dass man ihn "seciren" und sein Skelett anschließend in einem eigens eingerichteten Schrank aufbewahren solle. Dass er so den eigenen Körper der Wissenschaft zur Aufbewahrung übergab, erscheint als letzte Konsequenz seiner Praxis des wissenschaftlichen Sammelns und Ordnens: "Sollte sich irgend etwas in meinen Eingeweiden merkwürdiges finden", so heißt es in jenem Testament, "wird es nach meiner gewöhnlichen Methode aufbewahrt" (Anatomie und Anatomische Sammlungen im 18. Jahrhundert, 2007).

Auch wenn Meckels Verfügung sicher zu den außergewöhnlicheren Beispielen wissenschaftlicher Sammeltätigkeit gehört, finden sich wie in Halle an vielen Universitäten Materialbestände, die mit großer Identifikation und Leidenschaft aufgebaut worden sind. Ihr Spektrum ist - von den Altertumswissenschaften über die Mathematik bis hin zur Zoologie - außerordentlich breit, während rein zahlenmäßig die Mehrheit aus den Bereichen der Naturwissenschaft und der Technik stammt. Dennoch sind die traditionellen Disziplinen ebenso vertreten wie die jüngeren, die großen ebenso wie die kleinen. Ein Blick in die Geschichte zeigt dabei, dass jede Sammlung ihre Besonderheiten hat und von ihren spezifischen lokalen und institutionellen Gegebenheiten geprägt ist. Mitunter liegt die Keimzelle einer Sammlung in einer nur kleinen Anzahl von Gegenständen, die zunächst ohne Ordnung und Konzept zusammengetragen wurde und sich erst im Laufe der Zeit zu einer richtigen Einrichtung entwickelte. Häufig unterlagen Objektbestände dabei Veränderungen der Besitzverhältnisse oder dem Wandel organisatorischer und logistischer Strukturen: Noch bis in das frühe 19. Jahrhundert hinein befanden sich Sammlungen im Privatbesitz von Professoren, so dass sie bei einem Hochschulwechsel an deren neuen Wirkungsort mitwanderten. Auch Zusammenlegungen oder Aufgliederungen, Umstrukturierungen oder Abgaben an andere Institutionen konnten und können Stationen von Sammlungsgeschichten markieren. Daraus ergibt sich ein breites Spektrum vieler einzigartiger Einrichtungen.

"Geheime" Schätze

Leider sind diese Einrichtungen und Einzelbestände in einer Vielzahl von Fällen in Vergessenheit geraten, sobald sie in Forschung und Lehre keine unmittelbare Rolle mehr spielten. Manch eine Universität ist heute nicht in der Lage, eine vollständige Übersicht ihrer eigenen Bestände zu geben; häufig sind sie nur wenigen Mitarbeitern in den jeweiligen Fachbereichen bekannt. Das gilt vor allem für die unzähligen kleinen, über die einzelnen Abteilungen der Fakultäten und Institute verstreuten Kollektionen, die die große Mehrheit der universitären Sammlungen ausmachen. Oft interessiert sich eine Universitätsleitung erst dann für ihre Sammlungen, wenn ein größeres Jubiläum ansteht und aus diesem Anlass eine Chronik oder Ausstellung geplant ist. Ein Online-Informationssystem am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität gibt Auskunft über die bisher erfassten 794 existierenden Universitätssammlungen in Deutschland (www.universitaetssammlungen.de). Die Anzahl der in den Universitäten aufbewahrten Sammlungsobjekte liegt jedoch völlig im Dunkeln. Viele Sammlungen sind nicht einmal erschlossen und bilden damit zwangsläufig Posten, deren Existenz in Zeiten von Sparmaßnahmen besonders gefährdet ist. Und wenn eine Sammlung erschlossen ist, so bedeutet dies nicht automatisch, dass das Material aufbereitet und öffentlich zugänglich ist: meist sind die Daten lediglich auf Karteikarten, in Inventarbüchern oder lokalen Datenbanken verzeichnet. Eine Nutzung durch die scientific community ist so nur eingeschränkt möglich. Vom Idealbild einer Universität, die als 'Universität der Dinge' der Vielfalt ihrer materiellen Kultur gerecht wird, sind die meisten akademischen Institutionen weit entfernt.

Nicht nur historisch interessant

Dabei kann auch die heutige wissenschaftliche Praxis noch immens von den Sammlungsbeständen profitieren, wenn ihr der Zugang zu ihnen ermöglicht wird. Das gilt beispielsweise für botanische Sammlungen, die für die Bestimmung von Pflanzen das notwendige Typusmaterial bereitstellen, oder auch für geowissenschaftliche Sammlungen, die Referenzmaterial von Qualifizierungs- und Forschungsarbeiten bieten. Selbst Sammlungen, die scheinbar nur noch historischen Wert besitzen, können durch neue Forschungsmethoden, Fragestellungen oder didaktische Konzepte wieder an Relevanz gewinnen. Die eingangs erwähnte Sammlung aus Halle wurde u.a. dazu genutzt, mit Hilfe von DNA-Analysen frühere Krankheiten zu untersuchen - so dass Meckels besondere Sammelleidenschaft heute wieder neue Bedeutung erhält. Analog können Bohrkernarchive Informationsquellen für die Umweltforschung darstellen, wenn sie die Rekonstruktion von klimatischen und ökologischen Umweltbedingungen über lange Zeiträume hinweg ermöglichen. Und auch Sammlungen, die innerhalb ihrer Disziplin keine aktive Funktion mehr innehaben, werden im Zuge eines wachsenden historisch-epistemologischen Interesses an Materialitäten zunehmend zu Gegenständen der Wissenschaftsforschung. Sammlungen ergänzen daher Printpublikationen und Archive als Primärquellen wissenschaftshistorischer Forschung. Es ist also dringend geboten, Universitätssammlungen zu bewahren, allein deshalb, um ihre vielfältigen Potenziale für künftige Forschergenerationen zu sichern.

Abhängigkeiten, Platzprobleme und andere Schwierigkeiten

Diese Aufgabe wird jedoch an vielen Stellen ignoriert oder vernachlässigt. Die Schuld an der Misere liegt allerdings nicht bei den Sammlungsverantwortlichen. Ihnen ist fast immer daran gelegen, die Bestände über das Institut, die Fakultät oder die Universität hinaus bekannt zu machen. Doch leider fehlen zu häufig die dafür notwendigen technischen, personellen oder finanziellen Voraussetzungen. Ein strukturelles Problem ist zudem, dass universitäre Sammlungen fast immer abhängig vom Wohlwollen einzelner Lehrstuhlinhaber bzw. der übergeordneten Einrichtungen sind, da es keine verbindlichen Regelungen bezüglich ihres Status gibt. Abhilfe schaffen können universitätsweite Sammlungsordnungen, die langfristig die Zuständigkeiten und den Umgang mit den Sammlungen regeln. Angesichts der Tatsache, dass Sammlungen immer noch sang- und klanglos verschwinden, lässt sich hier ein besonders dringlicher Handlungsbedarf ableiten. Dazu kommt, dass viele wissenschaftliche Universitätssammlungen nicht adäquat untergebracht sind und unsachgemäß aufbewahrt werden: Es steht zu wenig Platz zur Verfügung, die Bestände sind in fremden, vom Institut räumlich entfernten Gebäuden, auf Fluren oder in Unterrichts- und Arbeitsräumen deponiert, konservatorische Belange werden nur selten berücksichtigt, und die Objekte sind in der Regel nicht gegen Einbruch oder andere Unwägbarkeiten gesichert. Wird ein neuer Lehrstuhlinhaber berufen, der den Platz für andere Zwecke benötigt, oder baut das Institut einen neuen Forschungsschwerpunkt auf, muss die Sammlung oft als erstes weichen. Meist fehlt ein Etat, um Objekte pflegen und restaurieren zu können. Zudem herrscht ein Mangel an Fachpersonal. Wenn sich nicht hin und wieder interessierte Wissenschaftler oder pensionierte Professoren persönlich um einzelne Sammlungen kümmern würden, wären viele Bestände bereits verwaist. Aber selbst diejenigen Wissenschaftler, die sich für eine Sammlung engagieren, bringen oftmals nicht das notwendige Wissen für eine angemessene konservatorische Betreuung mit.

Zentrale Koordination als Ideal

Wenn die für die Sammlungen verantwortlichen Personen einer Universität in einer Kommission oder Arbeitsgruppe zusammenarbeiten, ist die Situation deutlich besser. Hier können Strategien und Konzepte für die gesamte Universität entwickelt und verfolgt werden. Noch günstiger ist allerdings, darüber hinaus eine zentrale Koordination einzurichten, die idealerweise der Universitätsleitung oder einer thematisch nahestehenden Einrichtung zugeordnet ist. Abgesehen davon, dass Sammlungen in vielen Fächern eine unentbehrliche Materialquelle darstellen, sind sie auch hervorragend dazu geeignet, experimentelle und interdisziplinäre Arbeit zu initiieren und zu unterstützen sowie internationale, nationale und regionale Beziehungen zu knüpfen, zu pflegen und die Wissenschaftskommunikation zu befördern. Eine Sammlung kann dabei zu einem Ort der Kommunikation werden, der über die üblichen - institutionellen - Grenzen hinausgeht, oder zu einem Labor und Forum, in dem andere Formen der Kommunikation mit der Öffentlichkeit erprobt werden. Jede Universität muss sich daher die Frage stellen, wie die Sammlungen generell stärker in den Hochschulalltag integriert werden können. Eine Möglichkeit, die schon jetzt an einigen Orten wie z.B. an der Humboldt-Universität zu Berlin genutzt wird, ist die Organisation von Ausstellungen mit Begleitprogrammen, um die wissenschaftlichen Aktivitäten der Hochschulen darzustellen. Eine andere Möglichkeit liegt in der besseren Integration von Universitätssammlungen in die Lehre. Hier gibt es ein großes Potenzial, das bisher noch nicht genutzt wird. Vor allem im Rahmen der berufsfeldbezogenen Zusatzqualifikationen sowie im Rahmen von Praktika können akademische Sammlungen für die Studierenden gewinnbringend eingesetzt werden. Ein erster wichtiger Schritt, um die Situation an den deutschen Universitäten zu verbessern, ist - entsprechend den Empfehlungen des Wissenschaftsrats - der Aufbau einer Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen. Die Aufgabe dieser Einrichtung wird es sein, universitäre Sammlungen als dezentrale Forschungsinfrastruktur weiterzuentwickeln und eine dauerhafte Vernetzung zu etablieren. Mittels entsprechender Kommunikations- und Koordinationsstrukturen können die bisher mehr oder weniger individuell agierenden universitären wissenschaftlichen Sammlungen auf verschiedenen Ebenen organisiert und miteinander vernetzt werden. Dies ermöglicht eine fächer- und standortübergreifende Weiterentwicklung bei gleichzeitigem Erhalt der Vielfalt wissenschaftlicher Sammlungen als Infrastruktur für das Wissenschaftssystem und zudem ein abgestimmtes Handeln der zuständigen Akteure. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung befristet geförderte Koordinierungsstelle wird demnächst ihre Arbeit am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik aufnehmen. Ein solches Vorhaben lässt darauf hoffen, dass die aus der Sammelleidenschaft von Philipp F. Meckel und unzähligen anderen Wissenschaftlern hervorgegangenen Bestände in Zukunft einen höheren Stellenwert in Forschung, Lehre und Wissenschaftskommunikation einnehmen werden. Je mehr es einer Universität gelingt, ihre Sammlungen dem Fachpublikum, den Studierenden und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, desto mehr kann sie als 'Universität der Dinge' der Vielfalt ihrer materiellen Kultur gerecht werden.


Über den Autor
Dr. Cornelia Weber ist Geschäftsführerin des Hermann von Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik, Humboldt-Universität zu Berlin, sowie stellvertretende Leiterin der Abteilung "Wissenschaftliche Sammlungen und Wissenschaftskommunikation"

Aus Forschung & Lehre :: April 2012

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