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Alle Macht für alle

Von Martin Spiewak

Warum die Frankfurter Goethe-Universität mit ihrer Freiheit nichts anfangen kann.

Alle Macht für alle© Goethe-Universität Frankfurt
Die Universität braucht Freiheit. Um autonom ihre Professoren auszusuchen. Um selbst zu entscheiden, wie sie Budget und Besitz verwendet. Um ohne Einfluss von außen Schwerpunkte in Lehre und Forschung zu setzen. Und um eigenständig Fehler zu begehen.

Genau das hat die Universität Frankfurt gerade getan, womöglich einen Fehler fundamentaler Ordnung sogar. Die Johann-Wolfgang-Goethe- Universität hat sich in diesem Jahr in eine Stiftung verwandelt. Als solche verfügt sie über ein Höchstmaß an Selbstständigkeit. Das Gängelband zur staatlichen Verwaltung ist durchtrennt. Wie sie ihre Souveränität in Zukunft ausüben will, hat sie nun in einer Grundordnung festgelegt.

Der Jubel ist groß. Sämtliche Angehörige der Hochschule - Professoren, Nachwuchsforscher, nichtwissenschaftliches Personal wie etwa Hausmeister - haben dem neuen Grundgesetz zugestimmt.

Selbst die Studentenvertreter, denen beim Wort Stiftung oft nur die Übernahme der Wissenschaft durch die Wirtschaft einfällt, haben sich der Verfassung nicht entgegengestellt, sondern mit Enthaltung votiert.

Doch der Preis der Einigkeit ist hoch. Denn die Zustimmung aller wurde dadurch erkauft, dass die neue Grundordnung die Macht auf alle verteilt. Damit droht zum Strukturmerkmal zu werden, was die deutschen Universitäten bereits in der Vergangenheit nachhaltig gelähmt hat: die organisierte Verantwortungslosigkeit. Konkret verleiht die Verfassung dem Senat der Universität, in dem alle sogenannten Statusgruppen sitzen, eine außergewöhnliche Macht. Er soll nicht nur über die Mittelverteilung und die langfris tigen Investitionen entscheiden, sondern ebenso über alle "strategischen Kernbereiche", wie es offiziell heißt, sprich Forschung, Lehre und Studium.

Die deutschen Universitäten müssen Profil gewinnen, sie müssen Disziplinen stärken, was angesichts der knappen Mittel nur auf Kosten anderer gehen wird. Und sie müssen rasch reagieren können, weil sich der wissenschaftliche Fortschritt immer rasanter entwickelt.

Doch schnell und schmerzhaft haben Kollektivgremien noch niemals regiert. Während andere Universitäten den Senat schwächen und die Hochschulspitzen stärken, um endlich handlungsfähig zu werden, geht Frankfurt exakt den umgekehrten Weg.

Wie heißt es auf der Homepage der Universität nach Goethe? "Was nicht vorwärts gehen kann, schreitet zurück." Irgendwie hatte man das anders verstanden.

Aus DIE ZEIT :: 30.04.2008

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