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Alles Design

VON PETER WAGNER

Wie Hochschulen versuchen, ihr Studienangebot mit Klischees aufzuhübschen.

Alles Design© stop-sells - Photocase.com
Wer auf der Internetseite hochschulkompass.de das Wort »Design« eingibt, erhält 331 Treffer. 331 Studienangebote in Deutschland führen das Wort Design im Namen oder in der Beschreibung. In Erfurt soll man sich bald für »Renewable Energy Design« immatrikulieren dürfen. In Freiburg kann man »Bildungsplanung und Instructional Design« studieren. Und im schwäbischen Trossingen »Musikdesign«. Dort, an der Staatlichen Hochschule für Musik, ist Steffen Thum, 22, gelandet. »Es ist auffällig, dass so viel unter dem Titel Design läuft«, sagt er. Aber warum ist da so? »Der Begriff klingt nach Umschwung«, überlegt Steffen. »Er signalisiert, dass die Welt neue Leute braucht, die Sachen designen, die es bisher nicht gab.«

Fest steht: Das Wort Design erlebt an den Hochschulen eine wahre Inflation. Offenbar hoffen viele Professoren, ihren Studiengängen unabhängig vom jeweiligen Inhalt einen modernen Anstrich zu verpassen - und so Punkte gutzumachen im Wettstreit um begeisterungsfähige Studenten. Beispiel FH Erfurt: Der Landschaftsarchitekt Horst Schumacher hat einen Studiengang angestoßen, in dem Studenten darüber nachdenken sollen, wie sich die Technik zur Erzeugung erneuerbarer Energien schöner in die Orts- und Landschaftsbilder einfügen lässt. Schumacher wirbt dafür, Windräder oder Biogasanlagen nicht zu »kaschieren«, sondern sie zu »inszenieren«. Er sagt: »Am Anfang wollten wir den Studiengang 'Kultur der Energie' nennen, was aber niemand verstanden hat. Renewable Energy Design klingt nun entschieden besser als 'Erneuerbare Energien Design' und mit RED lässt es sich gut abkürzen.« Design habe ihm gefallen, weil er mit Gestaltqualität zu tun habe, sagt Schumacher. »Das ist eine der wichtigsten Erfordernisse bei erneuerbaren Energien. Denn sobald die entsprechende Technologie lumpig gestaltet daherkommt, wird sie an abgelegene Orte verbannt.« Der schillernde Begriff hat in den vergangenen Jahrzehnten die verschiedensten Lebensbereiche erobert, in denen Dinge oder Ideen eine neue Form gewinnen sollen. Vielleicht ist es deshalb nur konsequent, dass ihn sich jetzt auch die Hochschulen aneignen.

Elisabeth Hoffmann ist Sprecherin der TU Braunschweig und Vorsitzende des Bundesverbandes für Hochschulkommunikation. Sie sagt, dass die Studienreform die Hochschulen zwinge, mehr um Studenten zu werben. »Wir müssen auch von den Namen her attraktiver werden«, sagt Hoffmann. Worte wie »Medien« oder »Kommunikation«, die sich bereits häufig in den Bezeichnungen von neuen Studienangeboten wiederfänden, würden mit Kreativität und sogar mit Spaß assoziiert. »Ich kann mir deshalb vorstellen, dass man auch mit dem Begriff Design ganz andere Schichten ansprechen kann«, sagt Hoffmann. Sie hat einen Beleg für den Gedanken: An der TU Braunschweig wurde der Studiengang Bioingenieurwesen entwickelt, und Hoffmann glaubt, dass allein das Präfix »Bio« eine Wirkung hatte. »Der Frauenanteil in diesem Studiengang ist viel höher als in vergleichbaren Studiengängen«, sagt sie. »Dabei ist das im Kern immer noch ein klassischer Maschinenbaustudiengang.« Offenbar kann es sich lohnen, aus der langen Liste der deutschlandweit mehr als 15 000 Studienangebote lesbar hervorzuragen. »Vielleicht heißen viele Studiengänge immer noch langweiliger, als sie in Wahrheit sind«, mutmaßt Elisabeth Hoffmann.

Markus Langer ist Projektleiter beim Consulting-Ableger des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) und würde Hoffmanns Erkenntnis wahrscheinlich unterschreiben. Er erinnert daran, wie die Uni Bremen für ihre Ingenieursstudiengänge wirbt. Auf der Webseite werdeweltretter.de wird herausgeschält, wie wichtig die Arbeit eines Ingenieurs sein kann, wenn er zum Beispiel Wasserpumpen für den Einsatz in Entwicklungsländern konstruiert. »Wenn Sie immer mit den gleichen Argumenten für Ihren Studiengang werben, finden Sie auch immer die gleichen Studenten«, sagt Langer. Es ist also ein Unterschied, ob man für die Ingenieurwissenschaften ganz herkömmlich nach Tüftlern oder, ganz modern, nach Visionären sucht. »Für das Design gilt das ähnlich«, sagt der CHEMann. »Ich glaube, dass Sie mit dem Wort Leute in Ihren Studiengang bekommen, die sich vorher nie dafür interessiert hätten.« Aber Langer warnt auch davor, langweilige Studiengänge mit spannenden Namen aufzuhübschen: »Im Studium muss schon drin sein, was draufsteht.«

Beispiel Universität Freiburg: Ulrike Hanke hat das Entstehen und Werden des Studiums Bildungsplanung und Instructional Design mitbekommen. Sie hat Studenten erlebt, die nach zwei Wochen abgereist sind, weil sie ein Studium mit Mode erwartet hatten. »Wir sehen den Namen eher als Nachteil«, sagt Hanke deshalb. »Manche Studierende sind froh, wenn sie nach den ersten Tagen endlich mitbekommen, um was es sich bei dem Fach ganz genau handelt.« Wer den Bachelorstudiengang in Freiburg beginnt, gestaltet später zum Beispiel Weiterbildungen oder Lernprogramme. Im Gegensatz zu manch anderem neuen Studiengang ist die Namensgebung aber nicht an einen Zeitgeist angelehnt - Ulrike Hanke zufolge ist der Begriff Instructional Design seit Jahrzehnten in der zugehörigen Literatur etabliert.

Musikdesignstudent Steffen Thum kennt das Gefühl, das eigene Fach erklären zu müssen. Er lernt Komposition und zugleich Sounddesign und erfährt zum Beispiel, wie man einen Raum akustisch so gestaltet, dass er die Atmosphäre eines Waldes vermittelt. Für sich selbst übersetzt Thum Designen gern mit Maßschneidern. »Das Design sorgt dafür, dass man wegkommt von einer 08/15-Lösung, hin zu einer speziell gestalteten Lösung.« Vielleicht fühlen sich viele Studiengangplaner diesem Gedanken verbunden. Wenn der Begriff die Idee der Besonderheit schon in sich trägt - warum soll man ihn nicht als Namen verwenden? Wie sich die schicken Titel auswirken, bleibt abzuwarten. Steffen studiert mit zehn Kommilitonen, sein Studiengang hat erst im Wintersemester die Arbeit aufgenommen. Der Termin für den Start von Renewable Energy Design in Erfurt steht noch nicht fest. Und wer in Freiburg nach seinem Bachelor in Instructional Design weitermachen will, kann sich für das folgende Masterstudium bewerben. Der Name des Programms: Erziehungswissenschaften. Einfach so. Noch ohne »Design«.

Aus DIE ZEIT :: 24.03.2011

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