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Alles klar, Rektor?

VON JAN-MARTIN WIARDA

Das Hochschul-Barometer soll die Stimmung an den Hochschulen messen. Gefragt aber wurden nur deren Chefs - und die waren erstaunlich zufrieden.

Alles klar Rektor? Hochschulbarometer© Fletcher - photocase.comDas Hochschul-Barometer überrascht: Die Rektoren beurteilen die Situation ihrer Hochschulen positiv
Haben Deutschlands Rektoren den Draht zur Basis verloren? Die Ergebnisse des Hochschul-Barometers, das der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft veröffentlicht hat, könnten zumindest einen solchen Schluss nahelegen: Demnach sehen sie ihre Hochschulen ausgerechnet in der Lehre exzellent aufgestellt - und das angesichts von überfüllten Hörsälen, Dozentenmangel und immer wieder aufflammenden Protesten gegen die Bologna-Studienreform.

Eine Art neuartiges Stimmungsthermometer soll es sein: Nach dem Vorbild des Ifo-Index, der die Wirtschaftskonjunktur misst, wollen die Stifterverbandsforscher das Hochschul-Barometer als Temperaturmesser der Hochschulen etablieren. Doch wer in der Umfrage nach Meinungen von Professoren und Studenten sucht, wird enttäuscht. Nicht »die Hochschulen« haben geantwortet, sondern eben ausschließlich deren Spitzen: Präsidenten und Rektoren. Dafür 199 an der Zahl. Angesichts von 389 Hochschulen bundesweit erreicht der Stifterverband damit eine Abdeckung, die erstmals ein umfassendes Bild von dem vermittelt, was die Hochschulchefs hierzulande über den Zustand ihrer Hochschulen, der Forschung und über die Bildungspolitik im Allgemeinen denken. Und die Ergebnisse sind so überraschend wie brisant.

Die Kurzzusammenfassung aus Sicht der Rektoren: Lage gut, Zukunft etwas schlechter. Oder - mathematisch ausgedrückt auf einer Skala zwischen minus 100 und plus 100 - Lage: 31. Erwartung: 19. Wer jetzt ergründen will, wie die Autoren der Studie gerade auf diese Werte gekommen sind, kann sich in die Tiefen mathematischer Formelrechnung begeben. Oder einfach zur Kenntnis nehmen, dass sie eine Vielzahl von Einzelantworten zu Themen wie Finanzsituation, Personalausstattung, gesetzliche Rahmenbedingungen oder Infrastruktur zu besagtem Lage- und Erwartungsindikator verschmolzen haben.

So misst das Barometer

Es ist ein ehrgeiziges Projekt: Jedes Jahr will der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft von jetzt an die Stimmung unter möglichst allen deutschen Rektoren messen. Aus den Einzelantworten erstellen die Forscher dann, ähnlich dem Ifo-Wirtschaftsindex, für die Hochschulen einen Lage- und einen Erwartungsindex. Dessen Skala reicht von minus 100 bis plus 100. Derzeit erreicht die Zufriedenheit der Rektoren mit der Situation an ihren Hochschulen demnach eine 31, ihre Zukunftserwartungen liegen bei 19. Daraus ergibt sich ein Gesamt-Index von 25. Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes, räumt ein, dass solch abstrakte Werte am Anfang nicht sonderlich viel aussagen - bis auf dass sie deutlich im positiven Bereich liegen. »Richtig spannend wird der Vergleich über die Jahre: Geht es aufwärts oder abwärts mit den Hochschulen?« Die erste Befragungsrunde fand im vergangenen Sommer statt; die nächste soll noch dieses Jahr folgen. Weitere Ergebnisse sind auf der Website www.hochschul-barometer.de abrufbar. Der Stifterverband wird vor allem von Unternehmen und Privatpersonen gefördert.
Der Blick auf die Detailergebnisse bestätigt den erstaunlich positiven Gesamteindruck: So sagt knapp die Hälfte der Rektoren, die Einnahmesituation an ihren Hochschulen sei zufriedenstellend, für schlecht oder sehr schlecht halten sie 15 Prozent. Offenbar tun die zahlreichen Förderprogramme des Bundes von der Exzellenzinitiative bis hin zum Hochschulpakt 2020, mit dem Geld für zusätzliche Studienplätze fließt, ihre Wirkung, denn 54 Prozent der Rektoren berichten, dass sich ihre Finanzlage im Vergleich zu vor fünf Jahren verbessert habe. Noch überraschender ist, dass nur 14 Prozent der Rektoren staatlicher Hochschulen die Personalsituation für schlecht oder sehr schlecht halten, aber 29 Prozent für gut oder eher gut. Sogar ein Kompliment an die Landespolitik teilen die Rektoren aus: 61 Prozent sind der Meinung, dass die Zusammenarbeit mit ihr ausgesprochen positiv verlaufe.

Die Zahlenreihe ließe sich fortsetzen, aber die Frage, die sich stellt, ist immer dieselbe: Kann das wirklich sein? Sind die Ergebnisse des Stifterverbandes als Meinungsbild der deutschen Rektoren vertrauenswürdig? Oder doch eher rosarot gemalt? Die Bildungsforscherszene nimmt den Stifterverband in Schutz. Andrä Wolter von der Berliner Humboldt-Universität etwa bescheinigt dem Hochschul-Barometer, wissenschaftlich sauber zu sein, trotz einer Reihe methodischer Schwächen. So sei unglücklich, dass die Antworten aller Rektoren gleich stark in die Bewertung eingingen, unabhängig von der Größe ihrer Hochschulen. Dabei hätten große Hochschulen eben ganz andere Probleme als die kleinen. Insgesamt aber greife die Studie Themen auf, die in anderen Untersuchungen so nicht enthalten seien. Ebenso spricht für die Verlässlichkeit des Barometers, dass die Rektoren selbst sich durchaus in ihr wiederfinden. »Die Hochschulen stehen viel besser da als vor einigen Jahren, wir haben Rückenwind vonseiten der Politik«, sagt etwa Klaus Dicke, Rektor der Uni Jena. Dass die Hochschulchefs die Lage ihrer Hochschulen so zufrieden bewerten, sei allerdings auch ein Stück weit trivial: »Sie reflektieren ihr eigenes Tun.« Über ein Ergebnis indes wundert sich Dicke: dass seine Kollegen sich nicht stärker über ihre Finanzlage beschweren. »Wenn wir die Studienreform ernst nehmen, brauchen wir kleinere Gruppen, eine bessere Betreuung. All das kostet ein Heidengeld, und das haben wir nicht. «
Alles klar Rektor? Hochschulbarometer © ZEIT-Grafik/Quelle: Stifterverband Hochschulbarometer So bewerten Rektoren die Wettbewerbsfähigkeit und die Finanzsituation ihrer eigenen Hochschulen


So bleibt es das vielleicht größte Rätsel des Hochschul-Barometers: Wie können die Rektoren ausgerechnet die Lehre so positiv bewerten? Gut die Hälfte sagt, die Ausstattung hierfür sei »gut« oder »eher gut«. Auf der bereits erwähnten Skala von minus bis plus 100 geben sie ihrer Hochschule in Sachen Wettbewerbsfähigkeit eine krachende 52 bei der Lehre - bei der Forschung hingegen nur eine 21. Dabei sind gerade zwei Jahre vergangen, seit die Studenten bundesweit in einem wochenlangen Bildungsstreik gegen vermurkste Studiengänge und Prüfungschaos aufbegehrten.

»Wer bisher dachte, Rektoren sängen nur Klagelieder, wird eines Besseren belehrt«, sagt Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes. »Allerdings ist der Grat von der Zufriedenheit zur Selbstzufriedenheit schnell überschritten.« Eine Ehrenrettung immerhin hält das Barometer bereit: Differenziert nach der Größe der Hochschulen, zeigt sich, dass die Rektoren der Massen-Unis deutlich pessimistischer antworten. Von ihnen halten nur 28 Prozent ihre Hochschule in Sachen Lehre für gut ausgestattet. Womit womöglich vor allem bewiesen wäre, dass sich die Einschreibung an einer kleinen Uni lohnt - gerade in Zeiten des sogenannten Studentenbergs, also der Rekord-Erstsemesterzahlen der vergangenen und kommenden Jahre. Unangenehm dürften die Ergebnisse schließlich für einige Wissenschaftsminister sein: Besonders in Schleswig-Holstein, Thüringen und im Saarland herrscht eine auffällige Unzufriedenheit. In Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bremen sowie wiederum in Schleswig-Holstein und in Thüringen findet sich zudem eine ausgeprägte Skepsis, was die Zukunft angeht.

Mit am schlechtesten schneidet damit ausgerechnet die Hochschulpolitik von Jost de Jager (CDU) ab, der im Mai Ministerpräsident von Schleswig-Holstein werden will. Der zeigt sich »wenig überrascht« von der miesen Stimmung - die schwierige Haushaltslage sei schuld. Immerhin habe die Landesregierung die Hochschulen als Einzige von Sparmaßnahmen ausgenommen, ja die Mittel de facto sogar erhöht. Allerdings ist Geld nicht alles: Die Hochschulrektoren in Schleswig-Holstein klagen auch darüber, dass der Staat ihnen verhältnismäßig wenig eigenen Entscheidungsspielraum lasse. Das wiederum kann de Jager überhaupt nicht nachvollziehen. Gerhard Fouquet, Präsident der größten schleswig-holsteinischen Universität in Kiel, dagegen spricht von einem traditionell »wissenschaftsbehindernden Klima« im agrarisch geprägten Nordstaat. Da könne die aktuelle Regierung nicht einmal viel dafür. Allerdings sei die Grundfinanzierung der Hochschulen in der Tat verhältnismäßig schlecht: Sie liege 30 Prozent unter dem Schnitt der anderen Bundesländer. »Wir werden das in der Zeit vor der Wahl weiter thematisieren.«

Freude herrschen dürfte dagegen in Hamburg, Berlin und Bayern. Die Stadtstaaten schneiden besonders gut ab, weil es den Rektoren nach eigenen Angaben leichtfällt, Spitzenforscher und qualifiziertes Verwaltungspersonal in die Metropolen zu locken. In Bayern wiederum ist es neben der guten Finanzlage offenbar vor allem die Zusammenarbeit mit Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP), die gefällt. Bernd Huber, Präsident der Universität München, sagt: »Die Politik ist für uns ein verlässlicher Partner, wir fühlen uns aufgehoben und haben Planungssicherheit.« Außerdem, so Huber, sei das mit der hohen Zufriedenheit im Freistaat eben so: »Die Bayern haben ein sonniges Gemüt.«

Aus DIE ZEIT :: 08.03.2012

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