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Alma Pater

VON SEBASTIAN PUSCHNER UND CATALINA SCHRÖDER

Die Bewerberin ist besser geeignet als er. Trotzdem bekommt der Bewerber die Professur. Jetzt klagt sie.

Alma Pater© webphotographeer - iStockphoto.comTrotz schlechterer Qualifikation erhielt ein Mann die Professur. Seine Mitbewerberin hat Klage eingereicht, denn Vorsitzender und Bewerber waren gut bekannt
Eine Wissenschaftlerin bewirbt sich um eine Professur, die Stelle bekommt ein Mann, der schlechter qualifiziert ist. Doch im Gegensatz zu vielen Frauen, die Ähnliches erlebt haben, wehrt sie sich: Sie zieht vor Gericht. Die Frau, die die gläserne Decke sichtbar machen will, ist erfolgreiche Wissenschaftlerin, zweifache Mutter und nicht einmal 40 Jahre alt. Susanne Rapp* hat Jura studiert, bekam für ihre Doktorarbeit die Bestnote und sammelte Berufserfahrung in einer Anwaltskanzlei.

Rapp war ehrgeizig. Und bewarb sich um die Professur an der Hochschule Neubrandenburg. Die Stelle passte perfekt zu ihrem Profil. Der Mann, der den Job bekam, war ihr in wesentlichen Belangen unterlegen: Er hatte weniger veröffentlichte Fachtexte, weniger Lehrerfahrung und eine schlechter bewertete Promotion.

Allerdings kannte er den Vorsitzenden der Berufungskommission gut. An der Universität Kiel waren sie jahrelang als wissenschaftliche Mitarbeiter am selben Lehrstuhl tätig und hatten gemeinsam publiziert. Das mit der Bewerbung eingereichte Publikationsverzeichnis wies gleich ein halbes Dutzend gemeinsamer Veröffentlichungen auf. Für die Berufungskommission hätte eigentlich offensichtlich sein müssen, dass sich ihr Vorsitzender und der Bewerber gut kannten.

Als Rapp vom engen Verhältnis zwischen ihrem Mitbewerber und dem Vorsitzenden erfuhr, schien ihr klar: Der Kommissionsvorsitzende war befangen gewesen. Ihrer Ansicht nach wollte er einen Bekannten bevorzugen. »Ich habe bei der Uni Einsicht in die Unterlagen meines Mitbewerbers beantragt und konnte gar nicht glauben, wie offensichtlich meine bessere Qualifikation ignoriert wurde«, sagt sie heute, noch immer empört über die Entscheidung der Berufungskommission. Susanne Rapp ist den einzigen Weg gegangen, über den sie sich in ihrem Fall wehren kann. Den rechtlichen.

Auf eine Anfrage der ZEIT erklärte die Hochschule, dass die »fachliche Qualifizierung und damit die Reihenfolge der Berufungsliste« weder vom zuständigen Bildungsministerium in Schwerin noch vom Gericht »in Frage gestellt wurde«. Zum engen Verhältnis des siegreichen Bewerbers und des Kommissionsvorsitzenden äußerte sich die Hochschule nicht. Der erfolgreiche Bewerber selbst wollte sich trotz mehrfacher Anfragen der ZEIT gar nicht zu den Vorwürfen äußern.

Rapps Fall scheint mindestens ein Indiz zu sein für die Frage, warum Frauen zwar bei den Uni-Absolventen mit 51 Prozent die Mehrheit stellen, die Spitzenpositionen in Wissenschaft und Forschung aber immer noch fest in Männerhänden sind. Es gilt: Je höher die Karrierestufe, desto niedriger der Frauenanteil. Bei den Professuren sind Frauen nur noch mit 13,6 Prozent vertreten.

Unter Wissenschaftlern gilt: Wer klagt, setzt seine Karriere aufs Spiel

Politische Willensbekundungen, Professorinnenprogramme und Selbstverpflichtungen der Unis zeigen bislang kaum Wirkung. Dabei mangelt es den Wissenschaftlerinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen weder an Qualifikation noch an Ehrgeiz. Aber an Kontakten. Im männerdominierten Wissenschaftsbetrieb fehlen ihnen die nötigen Seilschaften und informellen Netzwerke, um attraktive Professorenposten zu ergattern.

Männer verbrüdern sich häufig schon zu Beginn ihrer Karriere und hieven sich früh gegenseitig auf lukrative Posten. Die unsichtbaren Bande werden an den Frauen vorbei gesponnen. Um eigene Seilschaften zu bilden, sind sie oft zu wenige. Die gläserne Decke versperrt ihnen den Zugang in die höchsten Sphären der Wissenschaft. »Wie Professuren besetzt werden, ist extrem undurchsichtig«, sagt Jutta Dalhoff, die Leiterin des »Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung« in Köln. »Die Verfahren werden nicht öffentlich dokumentiert. Warum eine Kommission sich für einen Bewerber entscheidet, kann man von außen nicht nachvollziehen.« Wie im Fall von Susanne Rapp könne man oft nur darauf hoffen, dass die Gleichstellungsbeauftragten sich für eine benachteiligte Bewerberin einsetzen.

Rapps Entschluss, gegen die Besetzung zu klagen, ist mutig. Denn unter Wissenschaftlern gilt: Wer klagt, setzt seine Karriere aufs Spiel. Eine eingeklagte Professur gilt als Makel im Lebenslauf, und nur wenige trauen sich überhaupt, diesen Schritt zu gehen. »Seit der Klage haben mir viele Kolleginnen hinter vorgehaltener Hand gesagt: Endlich eine, die es wagt«, sagt Rapp. Ihre bisherigen gerichtlichen Schritte hatten Erfolg: Vor dem Verwaltungsgericht Schwerin erwirkte sie eine einstweilige Verfügung, die das Oberverwaltungsgericht Greifswald bestätigte. Der Anwalt des siegreichen Bewerbers bestätigte sogar eine Freundschaft zwischen seinem Mandanten und dem Vorsitzenden der Kommission. Auf sein Urteil im Berufungsverfahren soll diese allerdings keinen Einfluss gehabt haben.

Weil die Auswahlkommission womöglich fehlerhaft besetzt war, darf das Schweriner Bildungsministerium Rapps Mitbewerber vorerst nicht verbeamten. Denn zwischen ihm und dem Vorsitzenden der Berufungskommission bestehe eine »enge fachliche und persönliche Verbundenheit«, welche Anlass zu Zweifeln an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens gebe, urteilten die Richter.

Dazu kommt: Der Kommissionsvorsitzende attestierte seinem ehemaligen Kollegen, dass sich mit seinem Forschungsschwerpunkt sicherlich gut Drittmittel für den Lehrstuhl einwerben ließen. An sich ein einleuchtendes Argument - wenn die Drittmittelakquise ein in der Stellenausschreibung genanntes Kriterium gewesen wäre. War sie aber nicht.

Am meisten Brisanz jedoch besitzt die Aussage der Gleichstellungsbeauftragten der Hochschule, die erst durch das Gerichtsverfahren ans Licht kam: Kommissionsmitglieder hätten damals Zweifel geäußert, ob Rapp als zweifache Mutter mit einem rund 150 Kilometer entfernten Wohnsitz die Professur ausfüllen könne, erzählte die Gleichstellungsbeauftragte. Dabei ist Rapp seit Jahren voll berufstätig. Hat die Kommission wegen ihrer Mutterschaft tatsächlich an Rapp gezweifelt, hätte sie gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verstoßen. Rapp bot der Hochschule an, sich außergerichtlich zu einigen. Doch die ging nicht darauf ein. Rapp klagt nun gegen die Hochschule auch noch auf Schadensersatz.

Auf eine Anfrage der ZEIT verwies der Vorsitzende der Berufungskommission auf die Stellungnahme der Hochschule Neubrandenburg. Diese erklärte, dass »in der Berufungskommission (...) die familiären Umstände von Kandidatinnen und Kandidaten« nicht »Gegenstand der Diskussion gewesen« seien. Aufgrund ihrer Aussage leitete die Hochschule ein Disziplinarverfahren gegen die Gleichstellungsbeauftragte ein, die ihre Anschuldigung daraufhin zurücknahm.

Sie hofft, dass nun auch andere Frauen vor Gericht ziehen

Im Hauptverfahren von Susanne Rapp geht es um die Frage, ob das gesamte Berufungsverfahren neu aufgerollt werden muss und ob sie als Mutter von zwei Kindern diskriminiert wurde. Ihre Chancen stehen angesichts der Urteile in den ersten beiden Instanzen gut. Rapp hofft, dass sie Wissenschaftlerinnen, die Ähnliches erlebt haben, ermutigt, ebenfalls vor Gericht zu ziehen.

Die Hochschule Neubrandenburg versucht derweil zumindest in einem Punkt einem möglichen Urteil zuvorzukommen. Sie hat die vakante Professur neu ausgeschrieben und das Anforderungsprofil verändert. Es liest sich wie eine Vorlage für den jetzigen Inhaber der Stelle. Die Hochschule Neubrandenburg erklärt in ihrer Stellungnahme gegenüber der ZEIT jedoch, dass man für das kommende Wintersemester »noch keine weitergehenden Besetzungsentscheidungen vorgenommen« habe.

*Name geändert

Aus DIE ZEIT :: 16.08.2012

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