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Als Bauernopfer ungeeignet

Von JAN-MARTIN WIARDA

Die Hochschulpolitik schießt sich auf die zentrale Serviceagentur ein.

Als Bauernopfer ungeeignet© Kuzma - iStockphoto.comDie Hochschulzulassungssoftware von HIS ist noch immer nicht einsatzbereit
Normalerweise ist Martin Leitner kein Mann, der sich viel gefallen lässt. Mit beharrlichem Fleiß hat der Mathematiker das Hochschul-Informations-System (HIS) zu einer international einzigartigen Service-Agentur ausgebaut. Die Forschung des HIS, von Themen wie Bildungsgerechtigkeit bis zu Absolventenkarrieren, gilt als unbestechlich; die Beratungsabteilung hilft Rektoren, sich im Wettbewerb zu behaupten; die IT-Experten versorgen 80 Prozent der Hochschulen mit Verwaltungs-EDV.

Entsprechend stolz hat Leitner anfangs alle Vorwürfe von sich gewiesen, das HIS sei verantwortlich für das fortdauernde Scheitern der neuen bundesweiten Online-Plattform für Studienbewerber. Unlängst mussten Bund, Länder und Hochschulen einräumen, dass sich deren flächendeckende Einführung erneut verschiebt. Das HIS, so hieß es, bekomme die Softwareprobleme einfach nicht unter Kontrolle. Doch statt erneut zu protestieren, äußerte sich dessen Chef plötzlich selbstkritisch: Es zeige sich, dass die im Zusammenhang mit der Einführung formulierten Ziele »eine Überforderung aller Akteure« darstellten. »HIS«, räumte er ein, »hätte dies früher erkennen und darauf hinweisen müssen.«

Leitners defensiver Ton hat einen Grund: Der Druck auf die Politik, angesichts der Pannenserie öffentlichkeitswirksam Konsequenzen zu ziehen, hat ein kritisches Niveau erreicht. Entweicht er, scheint klar, wen es treffen wird: das staatseigene HIS. Nicht weil Leitners Leute die Einzigen sind, die sich in Zusammenhang mit dem 15-Millionen-Euro-Projekt zum Teil unerklärliche Fehleinschätzungen geleistet haben. Sondern weil alle anderen Verantwortlichen am längeren Hebel sitzen. Die Vertreter von Bund und Ländern etwa, die sowohl im Aufsichtsrat des HIS als auch im Stiftungsrat der für die Zulassung zuständigen Behörde sitzen. Die das System gegen die Bedenken vieler Hochschulen durchpeitschen wollten - noch dazu ohne Plan B für den Fall, dass die Einführung nicht pünktlich gelingen sollte. Die sich jetzt hinstellen, als hätten sie die ganze Zeit von nichts gewusst. Nein, anstatt Selbstkritik zu üben, kolportiert man lieber Pläne, das HIS zu zerschlagen. Thüringens Wissenschaftsminister Christoph Matschie (SPD) stellt derweil die komplette öffentliche Förderung des HIS infrage, und hinter vorgehaltener Hand sehen einige Politiker immer unverfrorener Zweifel an der Qualität der wissenschaftlichen Forschung am HIS.

Keine Frage: Das HIS hat versagt in Sachen Hochschulzulassung und ein miserables Krisenmanagement gezeigt. Das kann, das muss womöglich Konsequenzen haben - personell, strukturell, bis hin zur Privatisierung der IT-Abteilung. Doch wer bei der Gelegenheit den Rest des öffentlichen Unternehmens gleich mit abräumen will, gefährdet einen wesentlichen Teil der besten Hochschulforschung in Deutschland. Der verkennt zugleich die enorme Bedeutung, welche die HIS-Berater gerade in Umbruchphasen für viele Hochschulen haben. Ein Problem indes löst er sicherlich nicht: das Wirrwarr um die Hochschulzulassung.

Aus DIE ZEIT :: 29.12.2011

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