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Als Chemiker beim Umweltbundesamt

Von Marc Pritzsche

Direkt nach meiner Promotion habe ich beim Umweltbundesamt eine Stelle im Fachgebiet Chemikalien angenommen. Meinen Kollegen an der Universität hatten teilweise nur wenig Verständnis dafür: Warum die Forschung verlassen und in einen vermeintlich trockenen Behördenjob wechseln? Heute, zwei Jahre später, weiß ich: Ich habe mich richtig entschieden.

Als Chemiker beim Umweltbundesamt© Linnart Unger - Umweltbundesamt Das Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau
Das Umweltbundesamt (UBA) ist mit fast 1500 Mitarbeitern die größte der drei Bundesoberbehörden im Umweltbereich. (Die beiden andere nsind das Bundesamt für Naturschutz, BfN, in Bonn und das Bundesamt für Strahlenschutz, BfS, in Salzgitter. Der Hauptstandort des UBA befindet sich in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt. Das Amt berät und unterstützt die Bundesregierung, vor allem das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) in wissenschaftlichen Fragen des Umweltschutzes. Das UBA hat zudem die Aufgabe, Umweltgesetze und -Richlinien wie den Emissionshandel, den Pflanzenschutz oder das Chemikalienrecht als Behörde umzusetzen. Ein weiterer Auftrag des UBA ist es, die Öffentlichkeit über Umweltschutz zu informieren und Handlungsempfehlungen auszusprechen.

"Für Mensch und Umwelt" ist das Leitbild des UBA, dies beschreibt die Ziele unserer Arbeit: Wir sollen Mensch und Umwelt vor schädlichen Umwelteinflüssen schützen. Dabei gilt das Vorsorgeprinzip: Belastungen und Schäden für die Umwelt oder die menschliche Gesundheit sind schon im Vorfeld ganz oder wenigstens weitgehend zu verhindern. Das ist selten einfach, denn oft bleibt nicht die Zeit, letzte Ungewissheiten zu klären. Um unserem Schutzauftrag gerecht zu werden, müssen Maßnahmen möglicherweise auch trotz unvollständiger Wissensbasis ergriffen werden.

Das Umweltbundesamt: Fakten und Zahlen

  • Gründung
    1974 auf Initiative von Innenminister Hans-Dietrich Genscher; das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit besteht erst seit 1986.
  • Standorte
    Dessau-Roßlau, Berlin-Grunewald, Berlin-Dahlem, Berlin-Marienfelde, Langen, Bad Elster; Messstationen sind auf der Zugspitze, in Neuglobsow, in Waldhof, auf dem Schauinsland, in Schmücke, in Westerland auf Sylt und in Zingst.
  • Mitarbeiter
    1475, davon 78 Prozent Tarifbeschäftigte, 22 Prozent Beamte; 61 Prozent Frauen, 39 Prozent Männer; ca. 27 Prozent wissenschaftliche Mitarbeiter; 70 Auszubildende (Stand jeweils Oktober 2010)

www.umweltbundesamt.de»

Die Aufgaben nach Reach

Für Naturwissenschaftler ergeben sich aus dem Aufgabenspektrum des Umweltbundesamts und seinen unterschiedlichen Themen viele Beschäftigungsfelder. Das UBA beurteilt den Zustand der Umweltmedien, der Ökosysteme und des Trinkwassers, erarbeitet Vorschläge für umweltfreundliche Verfahren und Produkte, für die nachhaltige Nutzung von Ressourcen, bewertet die Wirkungen von Stoffen und Umwelteinflüssen (Lärm) auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt, beteiligt sich am Vollzug von Gesetzen etwa zu Pflanzenschutzmitteln, Bioziden, dem Elektro- und Elektronikgerätegesetz, zu Wasch- und Reinigungsmittel oder Wassergefährdenden Stoffen.

Darüber hinaus gibt es viele weitere Aufgabenbereiche wie den Emissionshandel, die Betreuung der Umweltprobenbank des Bundes, die Arbeit in den Messstationen des Luftmessnetzes des UBA oder bei der Deutschen Emissionshandelsstelle, zu nachhaltiger Chemie, Verkehr, Lärm. Die Aufgabe der Facheinheit Chemikalien ist es beispielsweise, Umweltrisiken, die von Chemikalien ausgehen, zu bewerten. Dies geschieht überwiegend im Rahmen der Europäischen Chemikalienverordnung Reach.

Im Fachgebiet arbeiten zurzeit fast 30 Kollegen, die meisten mit naturwissenschaftlichem Hintergrund: Biologen, Ökotoxikologen, Umweltingenieure, Ökotrophologen, Agraringenieure und Chemiker, aber auch Juristen und Verwaltungsfachleute. Inhaltlich hat sich die Aufgabe der Behörden durch die Reach-Verordnung verändert [siehe diese Nachr. S. 138]. Die Verantwortung über die sichere Handhabung von Chemikalien liegt jetzt bei den Herstellern, Importeuren, den weiterverarbeitenden Betrieben und den professionellen Anwendern. Sichere Handhabung umfasst dabei auch Einstufung und Kennzeichnung, Kommunikation der Risiken und insbesondere deren Bewertung. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist es zu allererst Aufgabe der Industrie, Informationen bereitzustellen. Dies gilt für alle Stoffe, welche die Unternehmen produzieren, importieren oder verwenden. Es gilt "No Data - No Market".

Die Aufgabe der Behörden im Reach-Prozess ist es, sicherzustellen, dass die Unternehmen der chemischen Industrie ihren Pflichten nachkommen. Die Behörden legen auch die Maßstäbe für die Risikobewertung fest, indem sie Leitfäden und Testrichtlinien für die Unternehmen bereitstellen. Das Umweltbundesamt bewertet Chemikalien aus Umweltsicht. Dafür prüfen wir Substanzen auf ihre negativen Umwelteinflüsse. Wichtige Quellen sind die Daten, Schlussfolgerungen und vorgeschlagenen Maßnahmen der Industrie aus den eingereichten Registrierungsdossiers ihrer Substanzen. Die Behörden überprüfen die Maßnahmen, welche die Industrie für eine sichere Verwendung von Chemikalien vorschlägt, und empfehlen gegebenenfalls weitere. Dort wo ein Risiko besteht, das nicht angemessen zu kontrollieren ist, leiten die Behörden Regulierungsmaßnahmen ein.

Reach selbst erlaubt Regulierungen durch Erlass einer Zulassungspflicht oder Beschränkungen von Herstellung, Verwendung und Vermarktung. Außerdem können und sollen die Informationen, die durch die Reach-Verordnung vorliegen, auch in anderen Rechtsbereichen wie dem Umwelt-, dem Verbraucher-, dem Produkt- oder dem Anlagenrecht genutzt werden.

Identifizieren, bewerten, kommunizieren

Für die ökologische Bewertung der Risiken durch Chemikalien ist es notwendig, ihre chemischen, physikochemischen und ökotoxikologischen Eigenschaften ausführlich zu betrachten. Hinzu kommen Fakten, die Hinweise auf die Exposition von Mensch und Umwelt geben, beispielsweise das Produktionsvolumen, Verwendungsmuster oder bereits bestehende Regelungen. Eine Chemikalie umfassend zu bewerten, ist nur in einem Team mit Experten aus verschiedenen Fachrichtungen möglich. Als Chemiker mit Spezialisierung in theoretischer Chemie trage ich chemisches Wissen über Stoffe und Stoffgruppen sowie Kenntnisse über computerbasierte Simulationsmodelle bei.

Als ersten Schwerpunkt in unserem Fachgebiet müssen wir besonders besorgniserregende Stoffe (substances of very high concern, SVHCs) identifizieren. Aus Umweltsicht sind das PBT-Stoffe, also Stoffe, die in der Umwelt persistent, bioakkumulierend und toxisch sind, außerdem vPvB-Stoffe, also Stoffe, die besonders persistent in der Umwelt und stark bioakkumulierend sind. Ebenso definiert Reach Stoffe als besorgniserregend, die wahrscheinlich auch schwerwiegende Wirkungen auf die menschliche Gesundheit und Umwelt zeigen. Dazu gehören insbesondere endokrin wirkende Substanzen.

Der zweite Schwerpunkt ist die Arbeit zu den Kriterien der Risikobewertung. Dafür müssen wir insbesondere die Bewertungsmaßstäbe aktuell halten und die Bewertungspraxis nach dem neuesten Stand der Wissenschaft ausrichten. Dies erfordert Kooperationen und Austausch mit Universitäten und Einrichtungen der angewandten Forschung. Als eine wissenschaftliche Behörde verfolgen wir aber nicht nur aktuelle Entwicklungen, sondern wir liefern auch Impulse durch eigene Forschungsbeiträge und Forschungsprojekte. Wir veröffentlichen unsere Ergebnisse in Fachzeitschriften, eigenen Publikationen und anderen Medien und diskutieren sie mit anderen Wissenschaftlern, mit Vertretern aus Unternehmen und ihren Verbänden.

Eine Stelle am UBA anzunehmen, bedeutete also keineswegs den Rückzug aus der Forschung. Ein entscheidender Unterschied zur rein akademischen Forschung ist aber, dass Ausschüsse und Expertengremien auf europäischer und internationaler Ebene die Erkenntnisse unserer Arbeit direkt nutzen. Ein dritter Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Kommunikation mit allen Beteiligten, seien es nun Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die Industrie, der Handel oder die Öffentlichkeit. Bei Regulierungsvorschlägen nach Reach werden alle Parteien angehört und beteiligt, bis hin zu interessierten Einzelpersonen. Aus Sicht des UBA ist es ein Fortschritt von Reach, dass die Informationspflichten des Handels über besorgniserregende Inhaltsstoffe von Produkten, aber auch die Rechte des Verbrauchers auf Information deutlich ausgeweitet worden sind.

Die Arbeit bei einer Behörde

Wie sieht das Anforderungsprofil für eine Anstellung aus? Neben den naturwissenschaftlichen Spezialkenntnissen helfen mir Soft Skills wie Kommunikations-, Team- und Organisationsfähigkeit sowie ein striktes Zeitmanagement bei der täglichen Arbeit, denn Reach-Prozesse sind mit engen gesetzlichen Terminvorgaben verbunden. Auch wenn die Arbeit in einer modernen wissenschaftlichen Behörde nur wenig mit dem Klischee des angestaubten Berufsbeamtentums zu tun hat, gehört das klassische Verwaltungshandwerk, also etwa Vermerke verfassen und Akten führen, zum Arbeitsalltag. Juristische Grundkenntnisse im europäischen Umweltrecht sind hilfreich.

Als Quereinsteiger im Umweltfeld gab es für mich noch einigen Nachholbedarf in der ökologischen Bewertung von Chemikalien. Meiner Erfahrung nach sind Chemiker, auch als Quereinsteiger, wegen ihrer vielfältigen wissenschaftlichen Kenntnisse und des breiten stofflichen Hintergrunds gern gesehene Bewerber. Allerdings ist nur ein geringer Teil der wissenschaftlichen Mitarbeiter noch im Labor beschäftigt. Ausnahmen sind zum Beispiel die Wissenschaftler bei der Fließ- und Stillgewässersimulationsanlage und in den rückstandsanalytischen Laboratorien des UBA. Ein Wettbewerbsvorteil der Umweltbehörde sind familienfreundliche Maßnahmen und Instrumente zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie wie flexible Arbeitszeiten und Telearbeit. So ist das UBA bereits seit dem Jahr 2006 durch das Audit "Beruf & Familie" zertifiziert und nimmt sich jedes Jahr weitere familienfreundliche Maßnahmen vor.

Gewöhnungsbedürftig war für mich (als wenig geduldigem Menschen), dass es so lange dauert, gesetzliche Regelungen europaweit umzusetzen. Schnell ist ein ganzes Jahr vergangen, bis ein Vorschlag einen Schritt auf dem Weg zur Regulierung nimmt. Trotzdem sind auf dem Weg dorthin viele kurze Fristen zu beachten. Mit der Arbeit am Umweltbundesamt im Bereich Chemikalien habe ich eine Anstellung im Spannungsfeld von Wissenschaft, Industrie, Behörden und Politik gefunden. Die Arbeit stellt mich dabei immer vor interessante und abwechslungsreiche Aufgaben.

Über den Autor
Marc Pritzsche studierte von 1998 bis 2003 Chemie an der Humboldt-Universität Berlin. Im Jahr 2008 promovierte er dort in physikalischer und theoretischer Chemie in der Arbeitsgruppe von Joachim Sauer. Seit Mai 2009 arbeitet er im Fachgebiet IV 2.3 "Chemikalien" des Umweltbundesamts in Dessau-Roßlau. Er ist einer von über 100 Chemikern beim Umweltbundesamt. Seine Arbeit beschäftigt sich mit der Umsetzung der Europäischen Chemikalienverordnung Reach.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Februar 2011

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