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Als Ingenieurin Beruf und Familie unter einen Hut bekommen

Von Barbara Lange

"Ich hatte ursprünglich überhaupt keine Affinität zu Naturwissenschaften und Technik". Ines Claudia Bender entdeckte erst im Studium ihre Begeisterung für die technischen Fächer. Die Entscheidung für den Studiengang Maschinenbau hat sie nie bereut - seit fast 30 Jahren arbeitet sie begeistert als Ingenieurin in der Industrie. Über die Faszination und das Erfolgsrezept, neben einer ausfüllenden Tätigkeit eine Familie zu haben.

Als Ingenieurin Beruf und Familie unter einen Hut bekommen© privatDie Aussicht auf einen anspruchsvollen und krisensicheren Job, haben Ines Claudia Bender zum Beruf der Ingenieurin geführt
Neugier und die Lust auf Herausforderung haben ihr bei der Entscheidung für den Beruf geholfen, denn ihr Elternhaus und ihre nähere Umgebung waren überhaupt nicht technisch orientiert. "Mir war der Ingenieursberuf nicht in die Wiege gelegt worden." Ines Claudia Bender hatte in der Oberstufe die technischen und mathematischen Fächer abgewählt und sich auf die sprachlich-sozialwissenschaftlichen Fächer konzentriert.

Vor der Studienwahl hat die heute 51-Jährige ihre zukünftigen Berufsaussichten streng analysiert. Dabei sind die geisteswissenschaftlichen Fächer schlichtweg durchgefallen. "Es blieb nur die Technik übrig. Denn ich wollte später in einem anspruchsvollen, krisensicheren Job arbeiten, der eine Familie sicher ernährt." Am Ende blieb das Fach mit den aus ihrer Sicht dafür besten Voraussetzungen: Maschinenbau.

"In den ersten zwei Semestern haben die Professoren bestimmt Wetten abgeschlossen, wie lange ich durchhalten werde. Aber am Ende habe ich mein Studium mit einer sehr passablen Note abgeschlossen," meint sie. Und betont: "Ich habe diese Entscheidung in den fast 30 Jahren meines Berufslebens nicht einen Tag bereut."

Als Ingenieurin international kommunizieren

Nach Anfängen in der Fertigungsplanung und dem Qualitätswesen leitet Ines Claudia Bender heute den Kundenservice eines Geschäftsfeldes bei einem großen, weltweit tätigen Automobilzulieferer. "Unsere Kunden sind die Automobilhersteller, die uns vom Endkunden beanstandete Teile aus dem Feld vorlegen. Wir analysieren diese Teile, stoßen - wenn erforderlich - Verbesserungsprozesse an, kommunizieren die Feld-Performance unserer Produkte im Unternehmen und führen die technische wie auch monetäre Diskussion mit dem Kunden." Zu ihrer Abteilung gehören zehn interne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie einige weitere in weltweiten Standorten des Unternehmens.

Einer ihrer großen Schwerpunkte liegt dabei in der Kommunikation - mit den Automobilherstellern, mit auf allen Kontinenten verteilt arbeitenden Kollegen und Führungskräften. Das entspricht so gar nicht der üblichen Vorstellung von der Tätigkeit eines Ingenieurs. "Die meisten Menschen stellen sich unter einem Ingenieur jemanden vor, der eher introvertiert im stillen Kämmerlein sitzt und etwas Tolles erfindet. Die Realität in der Industrie ist jedoch, dass mindestens 80 Prozent der Ingenieure ganz andere Tätigkeiten ausüben als die eines genialen Tüftlers", betont Bender. Zum Beispiel im Vertrieb, in der Produktion mit den angrenzenden Bereichen Arbeitsvorbereitung und Logistik oder eben im Kundenservice. So stellt sich das Berufsfeld von Ingenieuren als enorm breit gefächert dar. "Da finden sich große Chancen für ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Talenten", unterstreicht sie.

Frauen sollten sich endlich trauen

Das gilt auch für Frauen, denn immer noch ist der Ingenieursberuf auf allen Karrierestufen eine Männerdomäne. Um diese Vorteile zu vermitteln, engagiert sie sich als Role Model im VDI-Projekt MINTalente und als Mentorin bei BayernMentoring / WoMenTec der bayerischen Hochschulen.

In beiden Projekten können sich Studentinnen in Veranstaltungen, Persönlichkeitsseminaren und durch einen persönlichen Austausch zwischen Mentorin und Mentee über die Arbeitsfelder sowie den Berufs- und Familienalltag von Ingenieurinnen informieren.

Dabei ist es übrigens zurzeit leichter, Mentorinnen zu finden als Mentees. Denn den Studentinnen bleibt offensichtlich in ihrem durchgeplanten und -getakteten Alltag kaum der zeitliche Spielraum, um dieses Angebot wahrzunehmen, so die Erfahrungen von Bender.

Entscheidend für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist das Vertrauen des Arbeitgebers

Für viele ist die Frage entscheidend, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen. Bei Bender hat das gut funktioniert: Ihre Position verschaffte ihr die finanzielle Freiheit, ihr Familienleben mithilfe einer Vollzeit-Haushälterin, die zugleich die Kinder betreute, zu organisieren. "Mit dem nötigen Kleingeld ist auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf viel leichter zu bewältigen", meint die zweifache Mutter.

Nach der Geburt ihres ersten Kindes hatte sie zunächst im Rahmen der Elternzeit nur 19 Stunden gearbeitet. "Das hat zu einem deutlichen Rückschritt im Niveau meiner Arbeit geführt." Ihre Aufgaben waren längst nicht mehr so anspruchsvoll wie es bei einer Vollzeit-Tätigkeit der Fall gewesen war.

Beim zweiten Kind hatte sie die sichere Zusage ihres Vorgesetzten, in ihre Aufgabe als Führungskraft unverändert zurückkehren zu können, egal wie lange die Elternzeit dauern und für welches Arbeitszeitmodell sie sich entscheiden würde. "Das ist auch eingetroffen. Dieser Vertrauensvorschuss war sehr wichtig für mich und ungemein entlastend während der Schwangerschaft, und deshalb handle ich meinen Mitarbeiterinnen gegenüber jetzt in derselben Weise", unterstreicht Bender. Heute arbeitet sie Vollzeit, verfügt auch über einen Home-Office-Arbeitsplatz und organisiert ihr Familienleben mit den beiden elf und 18 Jahre alten Kindern mit der Unterstützung einer Teilzeit-Haushaltshilfe.

Prioritäten setzen

Bewährt haben sich einige entscheidende Eigenschaften: gesunder Pragmatismus, die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, Organisationstalent und eine klare, strukturierte Denkweise, die sich ja bereits bei der Fächerwahl zeigte und die Bender im technischen Studium noch weiter vertiefen konnte. "Ich glaube, dass ich als Chefin sehr klar und entscheidungsfreudig bin. Mir ist aber auch sehr wichtig, wie es den Menschen in meinem Umfeld geht. Hilfreich ist dabei ein sicheres Gefühl für Prioritäten und, ganz wichtig: Ich habe Vertrauen zu meinen Mitarbeitern. Selbstständige Mitarbeiter, die in ihrer Kompetenz gestärkt werden, können auch eigenständig arbeiten, so dass die Abteilung auch weiterläuft, wenn ich mal nicht vor Ort bin."

Abgelegt hat sie den Anspruch an sich selbst und andere, perfekt sein zu müssen. Unterm Strich glaubt sie, dass sie in wenige Schablonen passt, Bender entzieht sich den Rollenmodellen, die fordern, dass die wenigen Frauen in technischen Berufen mehr leisten müssen als Männer. "In diese Streng-dich an- und Nettigkeitsfallen bin ich nicht getappt, sondern habe gelernt, "Nein" zu sagen." Gefehlt haben ihr allerdings die weiblichen Vorbilder zur Orientierung. Das versucht sie durch ihr Engagement als Mentorin für die Nachfolgenden zu ändern.

Auf ihrer Führungsebene hat sie viele männliche Kollegen, mit denen sie im Großen und Ganzen sehr gut auskommt. Alle ranghöheren Führungspositionen sind mit Männern besetzt. Ein möglicher Grund: Man muss viele Kompromisse akzeptieren und Opfer bringen, um in die entsprechenden Führungsebenen zu gelangen. "Männer sind eher bereit, diese Kompromisse einzugehen, weil sie eher aus einem Zuwachs an Macht eine persönliche Befriedigung ziehen können. Bei dem Gros der Frauen sehe ich diesen Zusammenhang nicht in der Weise. In meinen Augen ist das einer der Gründe für die Abstinenz vieler Frauen, sich engagiert um Karriere und Führungspositionen zu bemühen. Der Preis ist ihnen zu hoch." Und: "Für mich war es immer wichtig, sowohl einen erfüllenden Beruf als auch eine Familie mit Kindern zu haben."

In der Industrie geht es auch ohne Promotion

Auf eine Promotion hat sie selbst übrigens bewusst verzichtet. "Für eine Ingenieurin, die in den universitären Bereich oder die Forschung geht, ist der Doktorgrad unbedingt zu bejahen. Doch wer in der Industrie, vor allem in mittelständischen Unternehmen arbeiten möchte, für den lohnt es sich, die Vor- und Nachteile abzuwägen."

Die Existenz von mehr Frauen in technischen Berufen würde die Situation sicher erleichtern. In der politischen Diskussion steht derzeit die Frauenquote auf der Agenda. Bender ist das pro eingestellt: "Ja, ich bin für die Frauenquote, wünsche sie mir allerdings für die Führungsebenen eines Unternehmens bis hinauf zum Vorstand. Frauen in Aufsichtsräten sind im beruflichen Alltag zu wenig sichtbar, um als Identifikationsfiguren dienen zu können. Und ja, ich hätte gar kein Problem damit, eine vermeintliche Quotenfrau zu sein. Selbstverständlich würde ich den mir angebotenen Job annehmen, ohne mit der Wimper zu zucken." Die Leistung müsste die Ingenieurin Bender dann dennoch erbringen und sich mit jeder neuen Aufgabe beweisen, trotz Quote.

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academics :: Januar 2014