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Als müsste das Rad neu erfunden werden - zur Zielbestimmung universitärer Lehre

Von Hans-Joachim Gehrke

Die Hochschulpolitik entdeckt mehr und mehr die universitäre Lehre. Dabei ist es bemerkenswert, dass man sich oft auf didaktische Methoden oder Hilfsmittel konzentriert, dabei aber nicht bedenkt, wie die Lehre im Gesamtsystem der Universität situiert werden soll. Überlegungen zur Zukunft der Lehre vor dem Hintergrund der großen Tradition der Universität.

Als müsste das Rad neu erfunden werden - zur Zielbestimmung universitärer Lehre© Martin Green - Fotolia.com
Angesichts der zahlreichen und immer noch zunehmenden Debatten über Qualität und Organisation universitärer Lehre verwundert es mich schon lange, wie wenig dabei das Proprium der Universität selbst berücksichtigt wird. Dabei müsste jede didaktische Überlegung doch dort ansetzen, wo es um spezifische Zielsetzungen geht. Ob man nun Humboldt totsagt oder nicht, man müsste doch die charakteristischen Merkmale und Leistungen des akademischen Unterrichts, also der universitären Lehre näher bestimmen - übrigens unabhängig davon, wer und was alles das Label "Universität" beansprucht.

Meine Überlegungen nehmen jedenfalls hier ihren Ausgangspunkt. Sie sind nur teilweise Ergebnis eines pädagogischen Studiums, sondern gründen sich primär auf Lehrerfahrungen und deren ständige Reflexion und Verarbeitung über mehr als 35 Jahre hinweg, an fünf inländischen und zwei ausländischen Universitäten. Ihr Kernpunkt lässt sich relativ leicht erfassen: Ich habe stets die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens zu den Grundsätzen der didaktisch- methodischen Konzeptualisierungen gemacht, und zwar angefangen mit Studierenden im ersten Fachsemester (die ich im übrigen immer besonders gerne unterrichtet habe). Dies war immer möglich, auch unter den Bedingungen der Massenuniversität und in einem durchschnittlichen geisteswissenschaftlichen Massenfach, Geschichte. Dabei war mir auch immer klar, dass ich nicht nur Spezialisten für die Forscherlaufbahn ausbildete, sondern dass es hier - übrigens geradezu zwangsläufig - um eine besondere Form der Bildung selbständiger und eigenständiger Persönlichkeiten ging.

Auch das dabei leitende Prinzip lässt sich relativ leicht bestimmen und benennen. Man mag zu Wilhelm von Humboldt stehen, wie man will: Einem seiner Grundgedanken zum spezifischen Charakter des universitären Unterrichts kann man sich nicht verschließen: Unterricht in diesem Sinne heißt, sich Gegenständen in der Weise zu nähern, als seien sie noch nicht entdeckt, gefunden, erkannt. Das ist der Angelpunkt, denn es ist der Kern des Forschens: forschendes Lernen. Auch wenn wir nicht alles wirklich neu erarbeiten können, können wir doch den Unterricht so anlegen, als müsste das Rad neu erfunden werden. Daraus folgt dann alles Weitere, fast zwangsläufig. Grundlagen wissenschaftlichen Denkens und Handelns Nur die wichtigsten damit erreichbaren Leistungen, die Grundlagen wissenschaftlichen Denkens und Handelns, die zugleich aber auch wesentliche Persönlichkeitsmerkmale sind, seien hier genannt:

  • Es geht nicht um Nachbeten - sondern um Selbständigkeit und die Ausbildung einer eigenen und unabhängigen Urteilsfähigkeit (was im übrigen eine gewisse Freiheit in der Gestaltung seiner eigenen Zeit mit einschließt).
  • Es geht nicht um Glauben, um Orthodoxien und Ideologien - sondern um Fragen und skeptische Grundhaltungen, die sich an der Empirie und dem Versuch methodisch messen lassen müssen.
  • Es geht nicht ums Spekulieren - sondern um Reflektieren und ein Denken nach rationalen Kriterien, nach den strengen Regeln der Logik und der Mathematik.
  • Es geht nicht um Verkünden und Schwadronieren - sondern um argumentativ überzeugendes Kommunizieren, in dem die erwähnten Regeln intersubjektiv anerkannt werden.
  • Es geht nicht um Durchhecheln und schnelle Ergebnissicherung - sondern um sorgfältiges Hin-und-Her-Wenden, um Abwägen und um die Zeit für Nachdenklichkeit.
  • Es geht nicht um Geheim- oder Herrschaftswissen - sondern um die Veröffentlichung der Erkenntnis, um Verständigung und Verständlichkeit (wenigstens im Kreise derer, die an den Denkprozessen Anteil nehmen wollen).

Kommunikation, Sorgfalt, Argumentationsfähigkeit, Rationalität, Skepsis - alles gipfelt wiederum in der begründeten Urteilskraft im besten und umfassenden Sinne. Diese bewährt sich - es geht ja im Prinzip um das noch nicht Gefundene - gerade am Neuen. Und damit kann man nicht nur in der Wissenschaft bestehen.


Forschendes Lernen als Bildung der Persönlichkeit

Natürlich gehören zu einer Persönlichkeit auch noch ganz andere Eigenschaften. Hier ist die Universität nur bedingt gefragt. Und Fähigkeiten der erwähnten Art zu vermitteln ist keineswegs allein Sache der Universitäten. Sie wären damit auch überfordert. Vieles davon wird auch an anderen Orten vermittelt; es ist Teil der höheren Schulbildung oder der Unterweisung in den artes liberales, die als liberal arts beispielsweise an amerikanischen Colleges weiterleben. Darauf kann und muss die Universität aufbauen, aber sie muss es zum Abschluss führen, es gleichsam krönen. Sie ist insofern durchaus eine elitäre Organisation: Der magister ist ein Meister (der master übrigens nicht weniger, hoffentlich); und mancher heißt "Doktor gar".

Gerade an diesem Punkt wird aber häufig eine durchaus verständliche und gewichtige Frage laut: Diese universitäre Lehre ist Ausbildung für Wissenschaft und Forschung, und dafür mag sie taugen. Aber ist sie auch als Grundsatz allgemeiner Bildung für Personen geeignet, die Berufen außerhalb dieses Bereiches nachgehen wollen? Kann man das nicht alles einfacher, schneller und vor allem billiger haben? Ich will hier nicht auf das damit zusammenhängende Problem der Quantität (wie viele wollen und können wir einer solchen Ausbildung überhaupt teilhaftig werden lassen?) eingehen, möchte aber wenigstens darauf hinweisen, dass es hier prinzipiell wenig Einschränkungen gibt und dass eine demokratische Gesellschaft mindestens die Chancen, in ihre Elite vorzustoßen, offen halten muss. Es gibt aus meiner Sicht jedenfalls vor allem drei Gründe dafür, dass man es sich hier nicht zu einfach machen darf: Der Gewinn an Erkenntnis und Einsicht, an Urteilsfähigkeit und Selbständigkeit, den forschendes Lernen vermittelt, ist in der Tat ein Gewinn für die Persönlichkeit. Denn wer gelernt und trainiert hat, wie man den Dingen auf den Grund geht und sie von innen heraus verstehen kann, der wird sich auch sonst kein X für ein U vormachen lassen, auch in ganz anderen Lebensbereichen. Und machen wir uns nichts vor: Mit dem viel beschworenen "mündigen Bürger" - auch so könnten wir die hier skizzierte Persönlichkeit nennen - steht und fällt unsere politische und soziale Ordnung, deren Existenz und Qualität, wie mindestens jeder Historiker weiß, nicht für alle Zeit und Ewigkeit zementiert ist. Wir brauchen Persönlichkeiten solcher Art, die angesichts der wachsenden Macht der "geheimen Verführer" (Vance Packard) und der Mächte der Vereinfachung und des Fundamentalismus den Durchblick behalten, in kritischer Distanz zu manchen Tendenzen der Zeit, ohne sich von ihr abzuwenden.

Dies kommt auch der heute viel beschworenen employability zugute. Jemand, der durch eine solche Schule gegangen ist, die ihn auf das noch nicht Bekannte ausrichtet, ist generell dem Neuen gegenüber gut ausgerüstet. Er wird sich besser einrichten können in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt, in er es Berufe und Tätigkeiten und Möglichkeiten gibt, die wir heute noch gar nicht kennen. Schließlich hat sich jemand mit einer derartigen Lernerfahrung immer wieder dem Grundsatz des offenen Diskurses und der vorurteilsfreien Debatte ausgesetzt. Er weiß um das audiatur et altera pars und hat damit eine wichtige Voraussetzung dafür gewonnen, andere Lebensweisen und Kulturen gelten zu lassen, ohne ihnen kritiklos zu begegnen. Mit ihnen wird er in Zukunft immer mehr konfrontiert sein.

All dies ist gewiss nicht neu, wird aber nicht dadurch falsch, dass es nicht originell ist. Es ist auch sehr idealistisch, was aber deshalb nicht falsch ist, weil es um Ziele und Normen geht. In Wirklichkeit sieht es an den Universitäten durchaus - noch - anders aus. Gerade deshalb reden wir von Reformen und brauchen wir Reformen. Aber in welche Richtung sollen sie führen? Was ist ihr Ziel? Gerade darüber wird zu wenig diskutiert. Hier liegt ein Beitrag vor. Dieser muss sich aber auch mit der Frage auseinandersetzen, wie denn solchen und ähnlichen Zielen näher zu kommen ist. Das könnte zu einer recht verstandenen Bologna-Reform führen - und würde über diesen Geburtsort der europäischen Universität mehr Glanz als Tristesse verbreiten.

Den Bachelor auf den Kopf stellen

Die oben skizzierten Punkte müssten die Grundlage einer solchen Reform bilden, gerade weil sie das Proprium der Universität im Sinn haben. Daraus ergibt sich im übrigen, dass diese Elemente über alle Disziplinen hinweg anzutreffen sind oder sein sollten, weil alle Wissenschaften, wenn sie diesen Namen verdienen, auf diese Weise funktionieren. Damit wäre dann auch klar, dass Universität von universitas kommt. Gerade der Bachelor-Studiengang bietet hier eine Chance. Man müsste ihn freilich auf den Kopf stellen: Am Anfang sollte doch nicht Pauken und Prüfen stehen, während die Wissenschaft erst danach, in MA- und PhD-Studiengängen kommt. Wissenschaftlichkeit und Forscherdrang sollten und können gerade am Anfang stehen. Auch hier brauchen wir das Rad nicht neu zu erfinden. Wir können beispielsweise an eher ganzheitliche Konzepte an Universitäten wie Witten-Herdecke, Sankt Gallen oder Erfurt anknüpfen - eher dagegen nicht an das gängige Angebot, den mainstream, der Workload, Credit Points und Multiple-Choice-Klausuren offensichtlich für unausweichliche Schicksalsgaben hält.
Dies signalisiert eher Zwang als Freiheit, eher passives Aufnehmen als kreatives Weiterentwickeln. Und das ist das Gegenteil von Universität. Neues europäisches Projekt Um zu zeigen, dass es auch anders geht, dass sich unter heutigen Umständen Universität und universitäre Lehre auch realiter an den hier angedeuteten Prinzipien orientieren können, will ich nicht nur auf meine Erfahrungen verweisen, sondern zum Schluss auch einige konkrete Hinweise geben mit dem Blick auf das Projekt "EUniCult. Cultural Competencies Network", das von der Berliner Guardini Stiftung initiiert wurde und dessen Projektrat ich leite. In ihm arbeiten seit etwa drei Jahren mittlerweile 14 Universitäten aus sieben europäischen Ländern (Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Portugal, Schweiz, Spanien) zusammen, in einem ständigen Abgleich von theoretisch-normativen und empirisch-praktischen Überlegungen und Analysen. Implementierungen im Sinne der Bologna-Erklärung sind geplant. Sie werden derzeit in verschiedenen Erprobungen vorbereitet (www.eunicult.eu).

Die oben vornehmlich angesprochenen wissenschaftlichen Verfahrensweisen werden dabei als Schlüsselkompetenzen verstanden. Das bezieht sich zunächst auf die Wissenschaft selbst, wo sie vor allem als methodisches Rüstzeug für die erwähnte Kritik und die Stringenz der Argumentation dienen. Das Spektrum erweitert sich dann bis hin zu sozialen Kompetenzen, die auf dieser Basis und nach diesen Verfahren gefördert werden. Dabei geht es insbesondere um das auf Kenntnis und Vorurteilslosigkeit beruhende Verstehen eigener und fremder Lebensentwürfe, in ihrer jeweiligen Eigenheit wie in ihrer intellektuell- kulturellen Verflechtung. Alles beginnt und endet mit Reflexionen auf das Übersetzen - zwischen verschiedenen Sprachen und Disziplinen, aber auch zwischen Wissenschaft und Lebenswelt. Wir operieren nach dem gegenwärtigen Stand mit sieben komplexen Themenbereichen, die dieses Spektrum abdecken und näher spezifizieren. Sie sollen in unterschiedlicher Weise und auf unterschiedlichen Stufen des akademischen Bildungsganges implementiert werden, unter Beachtung der jeweiligen rechtlichen Rahmenbedingungen und der Profile der beteiligten Universitäten.

Diese Themenbereiche sind:
  • Interdisziplinäre Methodenkompetenz
  • Begriffe, Metaphern und Übersetzungsproblematik
  • Rationalität und Logik in ihrem historischen Zusammenhang
  • Grundtexte und -debatten der europäischen und außereuropäischen Traditionen
  • Wechselbeziehungen zwischen allgemeinen und naturwissenschaftlichen Weltbildern
  • Wissenschaft und Technik in ihrem praktischen Bezug zur Lebenswelt
  • Künste und Religionen als Medien kultureller Selbstverständigung.

Damit wäre im übrigen auch ein Beitrag zum bewussten Umgang mit Europa, kühner gesagt, zur Förderung eines europäischen Bewusstseins geleistet, das ja im Rahmen des Bologna-Prozesses legitimerweise angesprochen werden kann. Das ist freilich eine andere Geschichte, die hier nicht weitergeführt werden kann. Hier sei nur so viel gesagt: Wenn wir nach einem Europa verbindenden Spezifikum suchen, dann liegt das gerade in dem, worüber wir hier diskutieren: Es ist die Universität selbst, ihre Idee und ihre Geschichte. Sie ist so europäisch wie nur irgendetwas, eine europäische Erfindung, die Europa mit hervorgebracht und geformt hat. Und vergessen wir nicht: In Bologna fing alles an!

Vortrag, gehalten auf einer Veranstaltung der VW-Stiftung, der Stiftung Mercator und der Universität Bremen "Bologna - Zukunft der Lehre. Regionalkonferenz Bremen. Geistes- und Gesellschaftswissenschaften" am 2. Juli 2009 in Bremen.


Über den Autor
Professor Hans-Joachim Gehrke ist Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin.

Aus Forschung und Lehre :: November 2009

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