Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Alter Schwede!

von HARRO ALBRECHT

Schützt gesunder Lebensstil die Gesellschaft vor Demenz?

Alter Schwede!© freshidea - Fotolia.comDie Zahl der Demenzerkrankungen in Schweden ist seit 20 Jahren nicht mehr gestiegen. Die Ursache wird in einem gesünderen Lebensstil vermutet
Sorgenvoll beobachten Demografen und Politiker das Nachlassen der geistigen Kräfte in alternden Nationen. Weil in Deutschland immer mehr Menschen immer länger leben, so lautet ihre Argumentation, nehmen die Altersleiden drastisch zu. Auf das Stichwort »demografischer Wandel« folgt zuverlässig die Warnung vor der anrollenden Flut von Alzheimer- und anderen Demenzerkrankungen.

Anfang April prognostizierte das von der Europäischen Kommission geförderte Alzheimer-Kooperationsprojekt Alcove eine Zunahme in Europa von heute sechs auf zehn Millionen Erkrankte im Jahr 2040. Medizinische Hilfe ist nicht in Sicht, Durchbrüche in der Demenzforschung bleiben aus. In der westlichen Welt ist die Demenz das Schreckgespenst des 21. Jahrhunderts. In diesem Kontext verblüfft eine aktuelle Studie aus Schweden. Dort haben Wissenschaftler des Zentrums für Alternsforschung am berühmten Karolinska-Institut zwei Datenreihen aus der Hauptstadt Stockholm analysiert.

Über die vergangenen 20 Jahre hatten Forscher das Auftreten von Demenz bei Menschen protokolliert, die älter als 75 Jahre sind. Das erstaunliche Fazit ihrer Analyse publizierten sie jetzt in der Fachzeitschrift Neurology: Weil an Demenz erkrankte Patienten wegen besserer medizinischer Versorgung heute erheblich länger leben als früher, wäre ein Anstieg der Gesamtzahl zu erwarten gewesen. In Stockholm aber ist die Gesamtzahl der Demenzkranken in den vergangenen 20 Jahren nicht angestiegen. Daraus folgern die Autoren, dass die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen gesunken sein muss.

Die schwedische Studie ist nicht der erste Hinweis darauf, dass das Dogma von der alternden und zunehmend vergesslichen Gesellschaft nicht immer stimmen muss. Eine amerikanische und eine niederländische Untersuchung legen ebenfalls Zweifel nahe. Aber was unterscheidet nun die schwedische Bevölkerung vom Rest der Welt? Mit welchem Trick haben die Skandinavier das unheimliche Vergessen besiegt? Die Autoren der Karolinska-Studie können diese Fragen nicht eindeutig beantworten. Sie mutmaßen, dass gleichzeitig mehrere Effekte zum Tragen kommen. Die Schweden rauchen heute deutlich weniger als vor 40 Jahren, sie bewegen sich mehr und unternehmen mehr mit anderen. Das alles konnte offenbar sogar die negativen Folgen von Übergewicht und Diabetes mehr als kompensieren. Die Schweden haben im Schnitt einen niedrigeren Cholesterinspiegel, und ihre Blutdruckwerte haben sich ebenfalls verbessert - alles Risikofaktoren für eine Demenzerkrankung.

Die Ergebnisse sind wahrscheinlich nicht übertragbar auf ganz Europa. In Stockholm leben die besser ausgebildeten, reicheren Schweden. Und geistige Regsamkeit schützt auch. Aber einen Hinweis liefert die Untersuchung doch: Demenz ist kein unabwendbares Schicksal einer alternden Gesellschaft. Jetzt müssen uns die Stockholmer nur noch verraten, wie sie aktiv geworden sind.

Aus DIE ZEIT :: 25.04.2013

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote