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Althusmanns Dissertation: Nur Pfusch, kein Betrug

VON MARTIN SPIEWAK

Die Universität Potsdam hat entschieden: Kultusminister Bernd Althusmann darf seinen Doktortitel behalten. Öffentlich tragen sollte er ihn trotzdem nicht mehr.

Althusmanns Dissertation: Nur Pfusch, kein Betrug© Pressestelle KultusministerkonferenzDr. Bernd Althusmann ist seit dem 1. Januar 2011 Präsident der Kultusministerkonferenz
In dieser Woche spricht Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann vor dem Landesparlament in Hannover. Es geht um den Haushalt des nächsten Jahres. Und wie immer wird der Präsident des Landtags den Politiker mit seinem Titel anreden: »Das Wort hat Minister Doktor Althusmann.« So ist es üblich in Deutschland. Wer hierzulande wissenschaftliche Würden erlangt hat, darf die akademische Ehrenbezeichnung ein Leben lang vor seinem Namen hertragen. Auch Bernd Althusmann hat dieses Recht. Am Donnerstag vergangener Woche wurde dies noch einmal offiziell bestätigt. Da erklärte die Universität Potsdam, dass sie das Verfahren gegen den CDU-Politiker einstellt. Der derzeitige Vorsitzende der Kultusministerkonferenz darf seinen Doktortitel behalten.

Anfang Juli hatte die ZEIT in einem Artikel gefragt, ob Althusmanns Promotionsschrift ein Plagiat darstellt oder nur ein eklatantes Beispiel schlampiger Wissenschaft ist. Auf der Basis eines umfangreichen Gutachtens zweier Wissenschaftler legte der Beitrag dar, dass der Politiker in seiner Doktorarbeit im großen Stil fremdes geistiges Eigentum verwendet hatte, ohne dies in der üblichen Weise kenntlich zu machen. Nun hat der Potsdamer Kommissionsbericht die Frage beantwortet: Die Dissertation ist kein Betrug, sondern nur Pfusch.

Anders als der Minister es selbst sehen will, gehen seine formalen Verfehlungen jedoch weit über ein paar vergessene Anführungsstriche hinaus. Wenn er weiterhin von »möglichen Zitierfehlern« spricht, verharmlost er seine Versäumnisse. Denn die Prüfungskommission hat in seiner Arbeit eine große Zahl von »Verstößen gegen die gute wissenschaftliche Praxis« entdeckt. Schon die ersten drei Angaben im Literaturverzeichnis sind fehlerhaft. Zudem erscheinen in der Liste der verwendeten Werke Dutzende Titel, die in der Arbeit selbst überhaupt nicht vorkommen. Noch gravierender freilich sind die vielen Textfragmente, in denen sich Althusmann anderer Autoren bedient, ohne dies offen und deutlich anzuzeigen. Statt die Übernahmen als Zitate auszuweisen, begnügt sich Althusmann immer wieder mit dem vagen Hinweis »Vergleiche« und lässt den Leser damit über die Trennlinie zwischen eigener intellektueller Leistung und der Übernahme fremder Gedanken im Unklaren. Dass dies keine Petitessen sind, macht der Vorsitzende der Potsdamer Kommission, der Jurist Tobias Lettl, deutlich. Vielmehr handele es sich »um Mängel von erheblichem Gewicht«.

Dennoch ist die Entscheidung des Untersuchungsgremiums im Großen und Ganzen nachvollziehbar, ja in Teilen sogar mutig. Denn angesichts der haarsträubenden Qualitätsmängel der Arbeit wäre es durchaus vertretbar gewesen, Althusmann den Titel abzuerkennen. In der Öffentlichkeit wäre eine solche Strenge gewiss gut angekommen. Verschiedene Experten wie der Münchner Juraprofessor Volker Rieble hatten die Dissertation eindeutig als Plagiat identifiziert. Althusmann habe versucht, so Rieble, sein Abkupfern geschickt mit »Alias-Fußnoten« und umformulierten Texten zu verbergen.

Dass die Potsdamer Prüfer dennoch von der Höchststrafe absahen, zeugt von ihrer Unabhängigkeit. Natürlich erstaunt es, dass jemandem wie Althusmann so viele formale Fehler unterlaufen sind. Schließlich hatte er schon im Leistungskurs Geschichte am Gymnasium in Lüneburg das korrekte Zitieren gelernt. Er scheint das Gelernte vergessen zu haben. Einen Vorsatz beim Täuschen aber konnte die Kommission dem Politiker nicht nachweisen. Dieser Nachweis wäre für die Aberken nung des Titels jedoch notwendig. Insofern lautet ihr Urteil völlig korrekt: Im Zweifel für den Angeklagten.

Die Gutachter übernehmen - das ist ungewöhnlich - in Namen der Universität sogar einen Teil der Verantwortung für die liederliche Arbeit Althusmanns. Sie deuten an, dass die Betreuer der Promotion ihre wissenschaftliche Sorgfaltspflicht verletzt haben. Konkret hätten sie die Dissertation genauer prüfen müssen, zumal die Verstöße, so der Kommissionbericht, »zumindest teilweise ohne Weiteres erkennbar waren«. So hätte dem Doktorvater Althusmanns, dem Wirtschaftsprofessor Dieter Wagner, leicht auffallen können, dass der CDU-Politiker sogar Wagners eigene Werke nicht korrekt zitiert hat. Heute ist Wagner, der inzwischen als Vizepräsident an der Spitze der Universität Potsdam steht, die Sache äußerst unangenehm.

Er weiß: Niemals hätte die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät in Potsdam die 270-seitige Textcollage als Promotionsschrift anerkennen dürfen. Stattdessen hätte der Professor seinem Schützling die fixe Idee ausreden müssen, neben seinen umfangreichen politischen Verpflichtungen auch noch zu promovieren. Zumal Wagner die vielen inhaltlichen Schwächen der Arbeit kannte. Mehrmals nämlich hatten die Betreuer Althusmann sein Werk zum Überarbeiten zurückgegeben. Doch am Ende waren die Gutachter der Endlosgeschichte müde und winkten die Promotionsschrift mit der schlechtestmöglichen Note (rite) durch - in der Hoffnung, dass niemand die Arbeit jemals wieder anschaut. Der freundliche Hinweis, Althusmann solle von der Veröffentlichung seines Werkes in einem Verlag absehen, sollte dies sicherstellen. Es kam bekanntlich anders.

Die Universität Potsdam will nun aus diesen Fehlern lernen. In Zukunft wird sie gründlicher prüfen, ob jemand, der sich promovieren lassen möchte, auch die intellektuellen und zeitlichen Ressourcen dafür mitbringt. Besonders externe Doktoranden sollen belegen, dass ihr akademischer Ehrgeiz nicht nur auf den Titel und die mit ihm verbundene gesellschaftliche Anerkennung zielt, sondern auf den wissenschaftlichen Mehrwert ihrer Arbeit. Zudem sollen die Satellitendoktoranden stärker mit Pflichtseminaren an die Hochschule gebunden werden. Eine Causa Althusmann soll es an der Universität Potsdam nie wieder geben. Mit einigem Optimismus kann man sagen: Sie wird es auch kaum wieder geben. Denn nach den vielen aufgedeckten Fällen des Abkupferns oder Pfuschens dürfte kein Berufspolitiker in Zukunft mehr daran denken, die unausgefüllte Zeit zwischen Parlamentssitzungen, Bürgerbetreuung im Wahlkreis und Parteiarbeit ausgerechnet als Freizeitforscher zu verbringen.

Dank Karl-Theodor zu Guttenberg, Bernd Althusmann, Jorgo Chatzimarkakis, Silvana Koch-Mehrin und anderen ist klar: Wissenschaft ist keine Nebentätigkeit. Dennoch wäre es falsch und unfair, etwa Guttenberg und Althusmann in der Bewertung ihrer Doktorarbeiten auf eine Stufe zu stellen. Weder hat der niedersächsische Kultusminister so offensichtlich plagiiert wie der ehemalige Verteidigungsminister noch sich so dreist verteidigt. Althusmann hat vielmehr vorbildliche Krisen-PR betrieben. Er hat mögliche Fehler sofort zugegeben und seine Dissertation der Öffentlichkeit zur weiteren Prüfung im Internet zu Verfügung gestellt. Anders als Guttenberg (»abstruse Vorwürfe«) beschimpfte Althusmann seine Kritiker nicht, sondern dankte der ZEIT sogar für ihre Berichterstattung. Man kann dies als besondere Gewieftheit interpretieren oder als Ausdruck eines guten Gewissens. Nach dem Urteil der Potsdamer Prüfer muss Letzteres gelten.

Trotzdem wäre Althusmann gut beraten, würde er seinen Titel in der Öffentlichkeit nicht mehr tragen. Denn im Sinne des Hochschulrechts wurde er zwar freigesprochen. Inhaltlich spricht die Untersuchungskommission dem CDU-Politiker jedoch nachträglich die Fähigkeit ab, die eine Promotion unter Beweis stellen soll, nämlich eigenständig wissenschaftlich arbeiten zu können. Das heißt im Klartext: Althusmann hat seinen Titel nicht erschwindelt, aber erschludert. Gerade für einen Kultusminister, der Schülerinnen und Schülern ein Vorbild sein sollte, ist dies ein Armutszeugnis. Wenn Althusmann nun sagt, er könne »nach wie vor mit gutem Gewissen vor jeder Klasse in Niedersachsen über Qualität von Bildung reden«, erinnert dies ein bisschen an die erste Reaktion Angela Merkels zur Affäre ihres Verteidigungsministers. Sie habe Guttenberg nicht als »wissenschaftlichen Assistenten« eingestellt, sagte sie damals. Doch Doktorand und Politiker lassen sich nicht trennen, ob sie nun Guttenberg oder Althusmann heißen.

Als Krisenmanager hat sich der niedersächsische Kultusminister bewährt. Durch die Affäre hat er zudem enorm an bundesweiter Bekanntheit gewonnen. Das ist nicht wenig für einen Politiker, dem selbst parteiferne Beobachter in Hannover höhere Ämter zutrauen. Innerhalb der niedersächsischen CDU, wo die politischen Talente rar gesät sind, ist er ohnehin nur schwer zu ersetzen. Man wird von Bernd Althusmann also noch hören, aber - bitte! - nicht mehr als »Doktor Althusmann«.

Aus DIE ZEIT :: 08.12.2011

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