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Am Ende des Desinteresses

VON JAN-MARTIN WIARDA

Hamburgs Universität steckt in der Krise, Stifter wollen den Senat wachrütteln. Alle hoffen auf den Uni-Präsidenten.

Am Ende des Desinteresses© UHH - Jasmine M. DichantDie Universität Hamburg steckt seit Jahren in einer Qualitäts- und Identitätskrise
Dorothee Stapelfeldt hatte es befürchtet. Als die Rektoren der Hamburger Hochschulen in der vergangenen Woche zu einer Pressekonferenz einluden, beschloss die Wissenschaftssenatorin, ihnen zuvorzukommen. Noch am Vorabend ließ sie ihren Sprecher eilig alle auf die Schnelle erreichbaren Journalisten zusammentrommeln - wohl in der Hoffnung, sie in letzter Minute zu »impfen«. Sie immun zu machen gegen die Klagen der Hochschulpräsidenten. Vielleicht wäre Senatorin Stapelfeldt das sogar gelungen - hieße nicht ihr Gegenspieler Dieter Lenzen, der vor seinem Engagement als Hamburger Uni-Präsident die Freie Universität Berlin zum Sieg in der Exzellenzinitiative geführt hat. Lenzen, dem Freunde und Widersacher bescheinigen, einer der ausgefuchstesten Uni-Chefs überhaupt zu sein. Dieser Lenzen sagte am nächsten Tag lapidar: »Wahrscheinlich hat die Senatorin uns noch ein paar zusätzliche Zuhörer beschert.«

Dutzende Journalisten erschienen zur Pressekonferenz. Eigentlich war es eine nicht bloß der Universität, sondern aller neun Hamburger Hochschulen, darunter die wesentlich kleinere Technische Universität in Harburg, die frühere Fachhochschule (heute HAW) und die Kunsthochschule. Doch Lenzen beherrschte die Szene. Er weiß, wie man Medien Futter gibt: Bleibe es bei den Kürzungen, werde die Uni nicht nur den Zugang zum Botanischen Garten und ihren Museen schließen, sie werde auch keine Deutschlandstipendien einwerben, die Nacht der Wissenschaft boykottieren, sämtliche Weiterbildungsangebote aussetzen sowie ihr Internationalisierungskonzept stoppen. Und: »Wir werden uns nicht aktiv an der Umsetzung der Kürzungen beteiligen.« Fachbereiche oder Einrichtungen dicht zu machen, das müsse der Senat schon selbst erledigen - »wir wollen eine Autonomie der Gestaltung, nicht der Zerstörung!«.

Spätestens nach diesem Satz Lenzens wusste die SPD-Politikerin Stapelfeldt, dass ihr Job noch unangenehmer werden würde, als sie es seit ihrem Amtsantritt Ende März hatte befürchten müssen. Ihr hatte es Olaf Scholz, der neue Erste Bürgermeister der Hansestadt, überlassen, den Hochschulen mitzuteilen, welch drastische Einsparungen er plant: Nach Angaben Lenzens Kürzungen von zehn Prozent, während der Hamburger Haushalt insgesamt nicht schrumpft. Diese Größenordnung bestreitet Stapelfeldt, nennt die Berechnungen »nicht nachvollziehbar«. Doch auch sie sagt: »Wir haben es sicherlich mit einer sehr schwierigen Situation zu tun, und die möchte ich gemeinsam mit den Hochschulen bewältigen.«

Zank ums Geld

Auch anderswo gehen Hochschulchefs auf die Barrikaden gegen das Sparen. So fordern Schleswig-Holsteins Uni-Rektoren zusätzliche 32 Millionen Euro im Jahr. In Nordrhein-Westfalen empört sich der Rektor der Universität Köln über die Absicht der rot-grünen Koalition, eine mit der Vorgängerregierung geschlossene Übereinkunft einseitig zu ändern. »Wir sind nicht bereit, einfach so hinzunehmen, dass schriftliche Vereinbarungen für ungültig erklärt werden«, sagt Axel Freimuth. Konkret geht es darum, dass der Kölner Uni (und offenbar auch weiteren) 2007 zugesagt worden war, sie dürfe die Landesmittel nach dem Ende des Hochschulpakts behalten - auch wenn sie die verlangten Studienplätze nicht schaffe. »Unter anderen Bedingungen hätten wir nie mitgemacht «, beteuert Freimuth. Schon vor dem Hochschulpakt sei Köln derart überlaufen gewesen, dass die Aufnahme neuer Studenten im vorgesehenen Umfang unverantwortlich gewesen wäre. Nun sieht sich die Hochschule mit einer möglichen Millionenrückforderung konfrontiert. Die entsprechende Zielvereinbarung liegt der ZEIT vor. Ein Sprecher der Landeswissenschaftsministerin Svenja Schulze rudert angesichts des Protests zurück: Noch sei nichts entschieden, man sei sehr am Wohl der Hochschulen interessiert - und suche das Gespräch.
Schwierige Situation, das ist eine Verniedlichung: Die Universität Hamburg steckt seit Jahren in einer Qualitäts- und Identitätskrise. Am Versuch, das Ruder herumzureißen, war zuletzt vor zwei Jahren die aus Stuttgart herbeigerufene Präsidentin Monika Auwetter-Kurtz gescheitert (ZEIT Nr. 26/09). Und schon vor Bekanntwerden der aktuellen Kürzungspläne war die 38 000-Studenten-Hochschule diesen März in der Exzellenzinitiative leer ausgegangen. Vorhersehbar eigentlich, doch nach der überraschenden Verpflichtung Dieter Lenzens Ende 2009 hatten viele Hamburger wider besseres Wissen noch auf eine Art Blitzheilung gehofft, auf ein Wunder im Wettbewerb um den Titel Eliteuniversität. Nun müssen sie sich umso schmerzhafter mit der unabweisbaren Tatsache auseinandersetzen: Die größte Metropole Nordeuropas hat eine Uni, die in keiner Weise den Ansprüchen einer führenden, auf die Zukunft ausgerichteten Wirtschaftsregion gerecht wird. Doch warum ist das so? Und wie ließe sich das ändern? Die Suche nach Antworten führt weit zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg war Hamburg eine der letzten deutschen Großstädte ohne Universität, dennoch protestierten die Kaufleute im Jahr 1919 heftig gegen die Neugründung. Hatten die Reichen ihre Söhne doch seit je zum Studieren nach Göttingen geschickt! Lange fremdelte die Stadt mit ihrer Universität. In der wiederum die Gremien wucherten und interne Machtkämpfe die Hochschule lähmten. Außerhalb kümmerte das niemanden so recht.

Nun wollen sieben Hamburger Stiftungen demonstrieren, dass die Bürger der Stadt sich für ihre Universität durchaus interessieren. Eine Million Euro haben sie gespendet, als Impuls. »Die Universität hat mit ihrem jetzigen Präsidenten die einmalige Chance, sich aus ihrer Erstarrung zu befreien«, sagt Michael Göring, Chef der ZEITStiftung. (Deren Vermögen stammt aus dem Erbe von Gerd Bucerius, dem Gründungsverleger der ZEIT, die Redaktion ist von der Stiftung unabhängig) Natürlich sei dafür Geld notwendig und das »längst überfällige, eindeutige und öffentliche Bekenntnis des Ersten Bürgermeisters zum Wachstum und Wohlergehen der Hamburger Universität.« Aber Geld, so Göring, sei nicht alles: Die Uni müsse sich neu organisieren, eventuell eigene schools errichten, sodass kleinere, wendige Einheiten entstünden, die sich schneller profilieren ließen. Dazu könne gehören, dass Berufungskommissionen mit überwiegend externen Wissenschaftlern besetzt werden.

Die Frage nach der Zukunft der Universität bewegt indes auch Senatorin Stapelfeldt. Sichtlich froh ist sie, einmal nicht nur nach dem aktuellen Sparstreit gefragt zu werden. Lieber spricht sie von den 800 Millionen Euro überfälligen Bauinvestitionen bei allen Hochschulen der Stadt. Der neue Senat werde diese in Angriff nehmen, »und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das hinbekommen«. Dann könne auch die Universität sich auf ihre Stärken besinnen, und die seien umfangreich: »Die bemerkenswerte Breite an kleinen Fächern, die wir vor allem in den Geisteswissenschaften haben, rechtfertigt die in Wirklichkeit sehr selten angemessene Bezeichnung einer Volluniversität.« Von einem Fakultätsumbau hält sie nichts - ein zu dickes Brett. Besser sei es, wieder Beteiligung für Studenten, Dozenten und Mitarbeiter unterhalb der Fakultätsebene zu ermöglichen. Also noch mehr Gremien? »Ich halte das für nötig, ja.« Im Übrigen, fügt Stapelfeldt hinzu, habe auch Lenzen betont, mehr Demokratie sei ihm ein Anliegen. »Darum bin ich da zuversichtlich.« Lenzen, der Hoffnungsträger der Stunde: Selbst der Asta-Vorsitzende lobt den Präsidenten für seine Pläne, seinen offenen Kommunikationsstil und seine Visionen - »wenn denn auch die Taten folgen«.

Eine kuriose Entwicklung für einen Uni-Chef, der in Berlin den konstanten Hass der Studierendenvertreter auf sich zog, der als autoritär galt und elitär. In Hamburg zeigt er Härte nach außen - die Kürzungspläne des Senats pariert die Uni mit dem Pochen auf ihre alten Forderung nach einem 50-Millionen-Zuschlag. Nach innen preist Lenzen die »neuen Möglichkeiten der direkten Beteiligung für die Gelehrtenrepublik, die Universität heißt«; will der Uni dabei helfen, in einem offenen Kommunikationsprozess die Richtung zu definieren, in die sie gehen wolle.

»Ich werde nicht lenken, sondern moderieren.« Bestenfalls Anhaltspunkte könne er geben - etwa dass die Zukunft darin liege, aus der Breite nebeneinanderliegender Fächer eine Art Netzwerk zu knüpfen. Und grundlegende Reflexionen über ethische und gesellschaftliche Fragen gehörten künftig in jedes Studium. »Ich bin dafür, dass wir gemeinsame Inhalte einbauen in alle Programme.« Klingt abstrakt? Das müsse es, sagt Lenzen, noch. Derzeit würden alle Uni-Mitglieder befragt, wie sie sich künftig ihre Verwaltung vorstellen. Danach werde es konkret. Die Frage, ob das noch der alte Lenzen sei, beantwortet der 63-Jährige mit einem Schmunzeln. »Ich habe oft eine Nase für gesellschaftliche Veränderungen gehabt.« Soll wohl heißen: An der FU sei es richtig gewesen, kompromisslos und von oben auf Exzellenz zu setzen, jetzt würde er damit scheitern. »Wir aber wollen nicht scheitern, sondern gut werden.« Lenzen will es noch einmal allen zeigen. Aber Hamburgs Uni zu retten, das dürfte seine allerschwerste Mission sein.

Aus DIE ZEIT :: 19.05.2011

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