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Anderswo ist das Gras auch nicht grüner

VON PETER J. BRENNER

Zwei selbstkritische Auseinandersetzungen mit dem kanadischen Hochschulsystem.

Anderswo ist das Gras auch nicht grüner© Will Fuller - iStockphoto.comDer Vergleich mit Kanada zeigt: das angelsächsische Hochschulsystem bringt dem deutschen nicht nur Verbesserungen
Für den deutschen Beobachter ist das kanadische Hochschulsystem von noch größerem Interesse als das US-amerikanische. Mit dem deutschen teilt das kanadische System die egalitäre Grundauffassung - die Vorstellung, dass alle Universitäten grundsätzlich gleichrangig seien, dass die Studienanfänger die gleiche Leistungsfähigkeit hätten und dass der Zugang zu den Hochschulen möglichst frei und offen gestaltet werden solle. Zudem ist das kanadische System mit seinen knapp 100 Universitäten - darunter etwa 15 frankophonen - weitgehend öffentlich finanziert und, wie das deutsche, dezentral organisiert. In ihrer Binnenorganisation folgen die kanadischen Universitäten weitgehend dem bekannten angelsächsischen Modell, zu dessen Kernelementen eben die Unterscheidung von Bachelor- und Masterstudiengängen gehört, wie sie in Deutschland jetzt auch durchgesetzt wurde.

Mit dem aktuellen Zustand des kanadischen Hochschulsystems setzen sich zwei 2011 erschienene Bücher auseinander.*

Studierfähigkeit

Einig sind sich beide Bücher zunächst in einem entscheidenden Punkt: die kanadischen Highschool-Absolventen seien zu großen Teilen nicht studierfähig und nicht studierwillig. Es gibt statistische Langzeitbelege, die die Autoren vor dem Vorwurf schützen, sie münzten individuelle professorale Idiosynkrasien in einen bildungspolitischen Generalverdacht um. Zur Studierfähigkeit gehören mancherlei Fähigkeiten und Fertigkeiten, über die große Teile der Highschool-Absolventen nach diesen Befunden nicht mehr verfügen. Die wichtigste von allen ist für Coates und Morrison die Beherrschung der Landessprache in Wort und Schrift. Sie stellen an die Studieninteressenten eine einfache Frage: "Do you like to read?", und sie geben allen, die diese Frage verneinen, den Rat, auf ein Studium zu verzichten - "University isn't for Everyone" heißt das erste Kapitel ihres für die studentische Hand bestimmten Buches.

The grass is always greener beyond the fence

- von diesem Leitmotiv hat sich die deutsche Bildungspolitik bei ihrer Umsetzung der Bologna-Reform offensichtlich leiten lassen. Der Bolognaprozess ist in Deutschland von der Erwartung begleitet, dass mit ihm ein erfolgreiches "angelsächsisches" Modell importiert werden könne. Genauer hingeschaut hat man allerdings nicht, wie denn diese "angelsächsische" Struktur funktioniert und ob sie überhaupt funktioniert. Ein Blick über den Zaun.

Studierwilligkeit

Neben der Studierfähigkeit steht die Studierwilligkeit der aktuellen kanadischen Studierendengeneration in Frage. Für die USA und Kanada stehen u.a. seit 1999 die Daten des National Survey of Student Engagement (NSSE) zur Verfügung. Große Teile der nordamerikanischen Studenten investieren danach nur wenige Wochenstunden in ihr Studium; für die USA erlaubt die statistische Datenlage die Aussage, dass 1960 ein Student 24 Stunden in der Woche für das Studium gearbeitet hat - was auch nicht besonders viel ist -, knapp 50 Jahre später ist das Arbeitspensum auf 14 Stunden gesunken; und in Kanada ist es auch nicht besser. Nach der Auswertung einer Vielzahl harter Daten und weicher Alltagsbeobachtungen kommen die beiden Bücher zu dem gleichen Schluss, den die beiden kanadischen Soziologieprofessoren Côté und Allahar formulieren: Sie sehen die Universitäten bevölkert von Studenten mit hohem Anspruchsdenken, die eine Kultur des Desinteresses und des mangelnden Engagements pflegen, zugleich aber hochwertige Abschlüsse mit sehr guten Noten erwarten.

Die kanadischen Universitäten haben sich daran gewöhnt, diesen Ansprüchen gerecht zu werden, wie Coté/Allahar anhand eines schlagenden Befundes feststellen: Auch die Studierenden, die kaum Zeit ins Studium investieren, bringen ähnlich gute Zeugnisse nach Hause wie die Intensivstudenten. Daraus ergibt sich der zentrale Vorwurf: die Kritiker konstatieren eine grade inflation, eine Inflation guter Noten, erkauft durch das Absenken aller akademischen Ansprüche.

Ob das alles in Deutschland auch so ist, weiß man nicht genau mangels entsprechend präziser Datengrundlagen. Einige Hinweise gibt jedoch eine 2005 vom Hochschulinformationssystem HIS vorgelegte Studie. Danach zeigen sich 62 Prozent der Studierenden zufrieden mit ihren eigenen, in der Schule erworbenen Rechtschreib- und Grammatikkenntnissen; ein Ergebnis, das den offensichtlich nicht sehr hoffnungsfroh gestimmten Statistikern als "hervorhebenswert" erscheint - für den Hochschullehrer hervorhebenswert ist aber wohl eher der Umkehrschluss, dass 38 Prozent der Studierenden an deutschen Hochschulen die deutsche Sprache nicht hinreichend beherrschen. Zuvor hatten schon Olaf Köller und Jürgen Baumert 2002 Befunde aus Schulleistungsstudien zusammengefasst, nach denen "ein erheblicher Teil der kurz vor dem Abitur stehenden Schülerinnen und Schüler die Standards verfehlt, die zu erreichen für ein erfolgreiches Studium notwendig ist."

Die kanadischen Kritiker halten daran fest, dass der Universität eine Schlüsselfunktion als Dienerin der Gesellschaft zukommt. Sie wehren sich deshalb gegen das politische Ansinnen, das Universitätssystem an den Bedürfnissen von nicht studierfähigen Studierenden auszurichten - oder, wie die Historiker Coates und Morrison es knapp formulieren: Die Universitäten sollen sich wieder an gesellschaftlichen Bedürfnissen statt an den Wünschen 18-jähriger Studienanfänger orientieren.

Die Aufgabe der Universität

Beide Bücher haben eine klare Vorstellung von der Aufgabe der Universität. Coté/Allahar nennen es "liberal education": die Ausbildung der Fähigkeit, sich im freien Denken sachkundig und kritisch mit fachwissenschaftlichen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Diesen Anspruch sehen sie an den kanadischen Universitäten doppelt gefährdet - gefährdet ist er durch studierunfähige und studierunwillige Studenten; und gefährdet ist er durch eine Systemkrise an den Universitäten selbst, die ihre Ansprüche an die Studenten immer weiter herabschrauben und zugleich die Fächerstruktur von der akademischen Ausbildung zur Berufsausbildung verschieben.

Die beiden Bücher schlagen eine ganze Reihe von im Detail unterschiedlichen, in der Generallinie aber übereinstimmenden Maßnahmen vor. Sie plädieren energisch für eine Abkehr vom kanadischen "academics-for-all"-Modell, wie Côté/Allahar das nennen, und sie fordern eine Aufgaben- und Leistungsdifferenzierung zwischen den Hochschulen. Côté/Allahar wünschen sich die Zuweisung der weniger studierfähigen Highschool-Absolventen an die berufsorientierten Colleges, und sie sind sich mit Coates/Morrison darin einig, dass berufs- und anwendungsorientierte Studiengänge an Universitäten nichts zu suchen haben. Die Autoren plädieren für Eliteuniversitäten, die Trennung von Forschungs- und Lehruniversitäten und für die Abschaffung der Drei-Jahres- Bachelor-Studiengänge. Sie wünschen sich eine Hebung des akademischen Niveaus durch strengere Zugangstests sowie durch eine aussagekräftigere Notenpraxis. Coates/Morrison fordern zudem ein Eingangsjahr, in dem grundlegende akademische und professionelle Fähigkeiten sowie Allgemeinbildung vermittelt werden. Weiterhin fordern sie eine Stärkung der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächer; eine intensivere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und eine Internationalisierung der Studentenschaft und der Curricula.

Dass diese Kritik ebenso wie die Therapievorschläge auch in Kanada nicht überall auf offene Ohren stoßen, versteht sich. In Deutschland sollte man aber vor der nächsten Reformwelle diese Diskussion über das "angelsächsische Modell" sehr genau verfolgen, auch wenn sie schmerzhafte Befunde bereithält. Aus den Fehlern anderer zu lernen ist jedenfalls intelligenter, als diese Fehler selbst noch einmal zu machen.

* Ken S. Coates/Bill Morrison: Campus Confidential. 100 startling things you don't know about Canadian universites. Toronto: Lorimer 2011. - James E. Côté/Anton L. Allahar: Lowering Higher Education: The Rise of Corporate Universities and the Fall of Liberal Education. Toronto/Buffalo/London: Univ. of Toronto Press 2011.

Über den Autor
Professor Peter J. Brenner lehrte von 1991 bis 2009 Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität zu Köln und arbeitet seit 2010 an der Carl von Linde- Akademie der Technischen Universität München.

Aus Forschung & Lehre :: 03.02.2012

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