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Angewiesen auf fremde Hilfe - Bewerbungsverfahren für Stipendien

VON KRISTIN HAUG

Wer promovieren will, benötigt häufig ein Stipendium. Für Doktoranden wie für Gutachter sind die Bewerbungsverfahren ein enormer Aufwand.

Angewiesen auf fremde Hilfe - Bewerbungsverfahren für Stipendien© arsat - iStockphoto.comBewerbungsverfahren für Stipendien erfordern oft einen langen Atem
Am Ende geht es vielleicht um einen Satz, ein Wort. Christian Faludi weiß: Jede Feinheit in seinem 20-seitigen Exposé kann darüber entscheiden, ob er das Stipendium bekommen wird oder nicht. Vielleicht findet der Gutachter sein Thema abwegig, vielleicht gefällt ihm der Forschungsansatz nicht, wer weiß. Monatelang hat Faludi recherchiert und an dem Text gefeilt. Zeugnisse zusammengestellt, Referenzen eingeholt, einen Lebenslauf erstellt, sein gesellschaftliches Engagement nachgewiesen. Und dann gewartet und gehofft, dass die Studienstiftung des deutschen Volkes ihm seine Promotion finanzieren wird.

Faludi hat an der Universität Jena Geschichte studiert und mit einem Einser-Examen abgeschlossen. »Ich wollte danach unbedingt promovieren, deshalb habe ich mich richtig reingehängt in die Bewerbung«, sagt der heute 35-Jährige. Er braucht das Stipendium. Denn an der Uni gibt es für ihn keine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, auch kein Forschungsprojekt, in dem man ihn unterbringen könnte. Nur einen Minijob als Hilfskraft. Wovon soll Faludi leben, während er an seiner Doktorarbeit schreibt?

Das Interesse an einem Doktortitel ist trotz diverser Plagiatsskandale ungebrochen groß. Rund 26.000 Hochschulabsolventen promovieren jährlich in Deutschland. Doch an den Unis gibt es immer weniger Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, Stellen, auf denen man üblicherweise an der Dissertation arbeiten kann. Wer also in der Wissenschaft promovieren will und dies nicht berufsbegleitend tun möchte, muss sich seine Stelle oftmals selbst finanzieren, indem er ein Stipendium mitbringt. Und so bewerben sich immer mehr Nachwuchswissenschaftler bei den zwölf Begabtenförderwerken, privaten Stiftungen oder Forschungsorganisationen um ein Stipendium oder um einen Platz in einem Forschungsprojekt, das mit Drittmitteln finanziert wird. Man könnte auch sagen: Die Universitäten lassen sich die Ausbildung ihres Forschernachwuchses zunehmend von Förderorganisationen und Stiftungen bezahlen.

Es werden immer mehr Stipendien nachgefragt - und auch vergeben

Je mehr Stellen an den Unis gekürzt werden, desto höher ist die Nachfrage nach Stipendien. Die Bewerberzahlen bei den Stiftungen steigen seit Jahren. Bei der Studienstiftung des deutschen Volkes etwa haben sich in diesem Jahr 1.350 Promovenden um ein Stipendium beworben, 340 bekamen bislang eines bewilligt. Immerhin ist in den letzten Jahren auch die Zahl der Stipendiaten gestiegen. Die Begabtenförderwerke etwa, die aus Bundesmitteln finanziert werden, unterstützten im Jahr 2005 2.989 Promovenden, im Jahr 2010 waren es 4.038.

Dennoch gibt es einen starken Wettbewerb um die Stipendien. »Es gibt ein Überangebot an Talenten«, sagt Faludi, »die Auslese ist knallhart.« Die Stiftungen müssen jährlich Tausende von Bewerbungen von Nachwuchswissenschaftlern begutachten, um die Besten der Besten zu finden. Um den gestiegenen Bewerberzahlen gerecht zu werden, wählen die Stiftungen immer strenger aus. Die Nachwuchswissenschaftler müssen nicht mehr nur Exposés, Gutachten von Professoren, Zusammenfassungen von Abschlussarbeiten und Zeugnisse einreichen. Sie müssen Eignungsgespräche überstehen, Vorträge halten, ganze Auswahlwochenenden absolvieren. Das bedeutet viel Arbeit, nicht nur die Nachwuchswissenschaftler, sondern auch für die Professoren, welche die Gutachten erstellen, und für die Stiftungen selbst, denn sie investieren viel Zeit und Geld, um die besten Wissenschaftler auszuwählen.

Lutz Gade, Professor für Chemie an der Uni Heidelberg, ist Gutachter unter anderem für die Daimler und Benz Stiftung. Auf seinem Schreibtisch landen jedes Jahr Dutzende Bewerbungen von Absolventen, die in die Wissenschaft wollen. Gade entscheidet als Gutachter darüber, welche Bewerber am besten geeignet sind. Er muss sich dazu jeweils in eine winzige Nische seines Faches hineindenken, die er selbst kaum kennt. Sonst wäre es ja kein Bereich, in dem es Neues zu erforschen gäbe. Der Professor schreibt auch seinen eigenen Studenten, die bei ihm promovieren wollen, Gutachten und empfiehlt sie Stiftungen als Kandidaten. Seine Gutachten lesen wiederum seine Kollegen, die für andere Stiftungen das Gleiche tun wie er: die Allerbesten aussortieren aus einer Sammlung der Besten.

Der Aufwand, den er dafür betreibe, sei manchmal fast so hoch wie der für die Lehre, sagt er. Auch Christian Faludi hat viel Aufwand betrieben für seine Bewerbung bei der Studienstiftung. Er hat wochenlang im Archiv an seinem Thema recherchiert. Es geht um Friedrich Stier, einen Thüringer Beamten, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts in fünf verschiedenen politischen Systemen Wissenschaftspolitik verwaltet hat. Das klingt nicht so, als sei es leicht, dafür Interesse zu wecken.

Nach zwei Monaten kam die Antwort, eine Absage. Ohne Begründung. »Ich wollte wissen, woran es gelegen hat, was ich hätte anders machen sollen, ich habe aber nur eine standardisierte Absage bekommen. Das war frustrierend«, sagt Faludi. Er wollte sich damit nicht zufriedengeben und rief bei der Studienstiftung an, ließ sich durchstellen zu demjenigen, der seine Bewerbung bearbeitet hatte. Doch der Mitarbeiter konnte sich nicht an ihn erinnern. »Das hat mich schon sehr überrascht. Da hatte ich wohl eine andere Vorstellung von dem Auswahlverfahren.«

Nächster Versuch. Christian Faludi hat sich an der Uni Jena beraten lassen, bei welcher Stiftung er vielleicht bessere Chancen hat. Die zweite Bewerbung richtete er an die Gerda Henkel Stiftung. Die vergibt jährlich zwischen 40 und 50 Stipendien. 2008 gab es darauf 343 Anträge, 2011, dem Jahr, in dem sich Faludi beworben hat, waren es 527. Etwa jeder zehnte Bewerber bekommt eine Zusage. Wieder investierte der Historiker Zeit, Kraft und Hoffnung, formulierte das Exposé neu und fügte noch einen Plan mit Sach- und Reisekosten bei.

Es dauert oft Monate, bis die Bewerber erfahren, ob sie gefördert werden oder nicht. Wenn nicht, geht das Verfahren von Neuem los. Denn viele Stiftungen sehen es nicht gern, wenn sich Promovenden parallel bei mehreren Förderern bewerben. Sie wollen sich damit Mehrarbeit ersparen. Doch wenn sich jeder Doktorand daran halten würde, müssten viele jahrelang auf eine Förderung warten.

Für die Gutachter allerdings bedeutet das viel mehr Arbeit, die sie sie meist ehrenamtlich erledigen müssen. »Ein Maß an Idealismus gehört dazu«, sagt der Heidelberger Chemie-Professor Gade, der selbst in seiner akademischen Laufbahn durch eine Reihe von Stipendien gefördert wurde. Er hält den Aufwand für gerechtfertigt: »Die Verfahren müssen kompetitiv sein, um zu gewährleisten, dass nur die Besten finanziert werden.« Das sieht auch Frank Suder von der Fritz Thyssen Stiftung so. Ohne Konkurrenz funktioniere das System nicht. »Wir betreiben einen großen Aufwand, um die Wissenschaftler auszuwählen«, sagt er, »sie können sich nur dann entwickeln, wenn sie sich kompetitiv bewähren müssen.«

Manche Doktoranden hoffen jahrelang auf Förderung - vergeblich

Gegen Wettbewerb hat auch Christian Faludi nichts. »Aber er hat Formen angenommen, die irrwitzig sind«, sagt er. Der Promovend kennt Kollegen, die sich seit Jahren um ein Stipendium bemühen, die von Hartz IV leben, während sie an ihrer Doktorarbeit schreiben, und die alles nehmen würden, was sie kriegen können. Er findet: Die Bewerbungsverfahren müssten einfacher und transparenter werden. Und die Stiftungen müssten ihre Bewilligungsquoten offenlegen. Dann könne jeder für sich entscheiden, ob er es überhaupt dort probieren will oder ob er die Lage eher aussichtslos findet.

Faludi selbst hat inzwischen ein Stipendium. Nach der Absage der Studienstiftung entschied er sich, zweigleisig zu fahren, und hat sich außer bei der Gerda Henkel Stiftung noch um ein Graduiertenstipendium des Landes Thüringen beworben. Die fördern pro Jahr nur zwei Doktoranden der Philosophischen Fakultät der Uni Jena, einer davon ist Faludi. Er erhält nun drei Jahre lang monatlich 1.100 Euro und ist darüber froh und dankbar. Ein Jahr lang hat es gedauert, von der ersten Bewerbung bis zur Förderung. Ein Jahr, in dem sich der 35-jährige Historiker mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hat, immer in der Ungewissheit, ob er seinen Traum von der Doktorarbeit verwirklichen kann. Die Gerda Henkel Stiftung schickte ihm eine Absage. Ein halbes Jahr später.

Aus DIE ZEIT :: 07.11.2013

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