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Angeworben und abgewiesen

VON MARION SCHMIDT

Jahrelang hat die Politik junge Menschen dazu ermuntert zu studieren. Mit Erfolg: Wir haben so viele Studenten wie noch nie. Und ausgerechnet jetzt wollen die Länder Studienplätze streichen. Wie kann das sein?

Angeworben und abgewiesen© skynesher - iStockphoto.comTrotz steigender Zahl der Studienanfänger sollen Hochschulen sparen - und Studienplätze streichen
Eine Angst geht um unter deutschen Abiturienten: die Angst, trotz guter Noten keinen Studienplatz zu bekommen. Bei jungen Leuten, die in acht Jahren durch das Gymnasium gehetzt wurden, ist diese Angst mittlerweile sogar größer als die, später keinen passenden Job zu finden. Jeder zweite Studienberechtigte sorgt sich, an Zulassungsbeschränkungen wie dem Numerus clausus (NC) zu scheitern. Unter denjenigen, die Medizin, Psychologie oder Pädagogik studieren wollen, sind es sogar bis zu 80 Prozent. Am Ende, auch das zeigt die gerade veröffentlichte Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, musste 2013 tatsächlich jeder fünfte befragte Studienberechtigte ein Jahr überbrücken, weil er keinen Platz im Wunschstudium gefunden hat. Die Sorge ist also durchaus verständlich. Zum letzten Wintersemester waren an den 20 größten Hochschulen in Deutschland zwei Drittel der Bachelorstudiengänge zulassungsbeschränkt. Übers ganze Land betrachtet, waren es 53 Prozent. Es gibt Unis wie die in Köln oder Hamburg, an denen praktisch kein Fach mehr ohne NC ist, selbst in den Natur- und Ingenieurwissenschaften.

Das ist kein böser Wille von den Unis. Es ist ein Akt der Notwehr. Die Unis können nicht jeden nehmen, den Politik und Wirtschaft gern als spätere Fachkraft hätten. Die Studiengänge müssen studierbar bleiben. Die Hochschulen laufen über vor Studenten. Derzeit studieren 2,5 Millionen - so viele wie noch nie. Im vergangenen Wintersemester hat es erstmals mehr Studienanfänger als neue Auszubildende gegeben. Und auch für die nächsten Jahre geben die Kultusminister keine Entwarnung: Zumindest bis 2020, vielleicht auch länger, wird jährlich fast eine halbe Million Schulabgänger oder Berufstätige ein Studium beginnen wollen.

Das ist so gewollt. Jahrelang wurden junge Menschen ermutigt, ein Studium aufzunehmen. Dafür hat die Politik den Zugang zu akademischer Bildung erleichtert, heute kann nahezu jeder studieren, auch ohne Abitur. Und ohne Studiengebühren; die wurden abgeschafft. Nie war Studieren so attraktiv wie heute. »Alle Weichen wurden in diese Richtung gestellt«, sagt Frank Ziegele vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). In einem Kraftakt haben Bund und Länder im Rahmen von zwei Hochschulpakten bislang über 700.000 zusätzliche Studienplätze geschaffen, um die hohe Nachfrage zu befriedigen. Viele Hochschulen bilden seit Jahren mehr Studenten aus, als sie Plätze bezahlt bekommen. Doch selbst das reicht nicht. Zurzeit verhandeln Bund und Länder über die Aufstockung des dritten Hochschulpakts.

Angeworben und abgewiesen © ZEIT-GRAFIK / Quelle: CHE/Statistisches Bundesamt 2014 Bachelorstudiengänge mit Numerus clausus (NC) in den einzelnen Bundesländern
Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) droht vorsorglich schon mal damit, demnächst ein Drittel weniger Anfängerplätze anzubieten, wenn der Pakt nicht zustande kommt. »Das wird zwangsläufig zu weiteren und härteren Zulassungsbeschränkungen führen«, so der HRK-Präsident Horst Hippler. Das allein würde die Situation vermutlich schon verschärfen, aber hinzu kommt noch eine andere, weitaus dramatischere Entwicklung: Mehrere Länder haben angekündigt, Dutzende Studiengänge streichen zu wollen und die Kapazitäten an den Hochschulen zurückzufahren. »Das ist in einer solchen Situation das vollkommen falsche Signal«, sagt Ziegele. Der Berliner Hochschulforscher Andrä Wolter sieht die Entwicklung »sehr skeptisch«: »Auch wenn die Zahl der Schüler zurückgeht, der Anteil der Studienberechtigten wird weiter ansteigen.« Und damit die Nachfrage nach Studienplätzen. Wie absurd da Kürzungen sind, zeigt das Beispiel Psychologie: Es zählt zu den beliebtesten Fächern. Die Zahl der Bewerber übersteigt die Zahl der Studienplätze seit Jahren um ein Vielfaches, an keiner Uni liegt der NC unter 1,7. An der Uni Bremen gab es im vergangenen Wintersemester 5.000 Bewerbungen auf knapp 270 Plätze. Ausgerechnet dieses Fach will man dort nun streichen. Die Studienbedingungen würden in Rankings schlecht bewertet, sagt die Wissenschaftsbehörde.

Kein Wunder: Schon jetzt sind aus Spargründen nur zwei von sechs Professuren besetzt, die letzten zwei laufen 2020 aus. So wie in Bremen ist es derzeit auch in Saarbrücken, Leipzig, Jena, Stuttgart - überall in Deutschland drohen Einsparungen an den Hochschulen. In Sachsen-Anhalt sollen nach einem Konzept des Wissenschaftsministeriums insgesamt 3.328 Studienplätze wegfallen, jeder zehnte Platz. An der Uni Halle steht auch die Psychologie auf der Streichliste, ebenso Medienwissenschaften und Informatik. Besonders betroffen ist die Uni Leipzig, dort sollen Pharmazie, Archäologie und Theaterwissenschaft gestrichen werden - obwohl die Studentenzahlen steigen. Und jeder weiß: Was erst einmal weg ist, ist weg. Es fallen nicht etwa schlecht ausgelastete Orchideenfächer weg, es trifft große, wichtige Fächer. Die Uni Saarbrücken sollte tatsächlich ohne Jura und Zahnmedizin auskommen, das konnte im letzten Moment abgewendet werden. Nun trifft es die Soziologie, Geografie und Mechatronik. Selbst im reichen Baden-Württemberg protestieren seit Wochen Professoren und Studenten, weil die grün-rote Landesregierung angekündigt hat, auch die Hochschulen müssten Beiträge zur Konsolidierung leisten, also Abstriche machen.

Die Länder stehen wegen der Schuldenbremse unter Druck. Von 2020 an dürfen sie zum Ausgleich ihrer Haushalte keine Kredite mehr aufnehmen. Es muss gespart werden. Und bei Verhandlungen mit den Finanzministern haben die Wissenschaftsminister einen schweren Stand. Viel Geld ist in den vergangenen Jahren in Bildung investiert worden. Politisch haben Schulen oder Kitas eine höhere Priorität als Unis. Hinter vorgehaltener Hand heißt es: Wir haben zu viele Studenten, wir wollen gar nicht mehr, eher weniger. Zumindest einige Bundesländer, die bereits jetzt mit der Finanzierung ihrer Hochschulen überfordert sind, sind offenbar nicht länger bereit, das Hochschulsystem weiter auszubauen und dadurch möglicherweise die berufliche Bildung zu schwächen.

Diese Haltung kann man haben, aber sie ist heikel. Weil die Signale lange ganz andere waren. Die Politik handelt verantwortungslos, wenn sie erst Studenten anlockt - und sie dann wieder wegschickt. Bei der Kultusministerkonferenz (KMK) spricht man von einer »äußerst komplexen Situation«. Besonders komplex ist die Situation in den neuen Bundesländern. Was haben ostdeutsche Hochschulen in den letzten Jahren nicht alles getan, um westdeutsche Abiturienten für sich zu gewinnen: sie im Trabi nach Leipzig kutschiert, ihnen Professoren zur Privatvorlesung vorbeigeschickt. 16,3 Millionen Euro hat allein der Bund für derlei Marketingkampagnen ausgegeben.

Damit sollten die sich wegen des Geburtenrückgangs leerenden Ost-Unis mit West-Studenten aufgefüllt werden. Das ist gelungen: Die Zahl der Wessis in Ost-Hörsälen ist deutlich gestiegen, in Sachsen sogar auf 47 Prozent. An der Uni Leipzig sind mittlerweile mehr Studenten aus den alten Bundesländern eingeschrieben als aus den neuen. Ausgerechnet jetzt, wo die Ost-Unis erfolgreich Studenten angeworben haben, will ihnen die Politik Studienplätze wegkürzen. Das könnte alle Bemühungen der vergangenen Jahre zunichtemachen. Auch wirtschaftspolitisch wäre es eine äußerst schlechte Entscheidung. Denn so schreckt man nicht nur Studenten ab und verliert deren Kaufkraft. Man verzichtet auch auf gut qualifizierte Fachkräfte, die ebenfalls eher schwer in den Osten zu locken sind. Übrigens: Während künftig an staatlichen Hochschulen die Kapazitäten heruntergefahren werden, bauen private Hochschulen ihre kräftig aus und schaffen Studienplätze in stark nachgefragten Fächern. Die Medical School Hamburg etwa wirbt derzeit in der Hansestadt in Bussen und Bahnen für ihr dreijähriges Bachelorstudium Psychologie mit dem Slogan: »Zulassungsfrei, ohne NC«. Für 25.000 Euro.

Aus DIE ZEIT :: 26.06.2014

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