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Ansturm auf die Universitäten

VON JAN-MARTIN WIARDA

Auf den großen Ansturm waren die Universitäten gut vorbereitet. Wenn bloß die kleinen Engpässe nicht wären.

Ansturm auf die Universitäten© zettberlin - Photocase.comIst der Ansturm auf die Universitäten wirklich so groß wie befürchtet?
Jetzt ist er da, der Rekordjahrgang, vor dem die Rektoren und Wissenschaftsminister so gezittert haben, und auf den ersten Blick scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen: In Köln musste die Aula wegen Überfüllung geschlossen werden, als zu viele junge Leute zur Immatrikulationsfeier drängten; die TU Dortmund schickt ihre Studenten zu Seminaren in Baucontainer, und die TU Braunschweig will Kinosäle anmieten. 18 Prozent mehr Anfänger allein in Nordrhein-Westfalen, deutschlandweit rechnen Experten mit einer halben Million Erstsemester. Starke Geburtenjahrgänge, das doppelte Abi in Niedersachsen und Bayern sowie die Abschaffung von Wehrpflicht und Zivildienst addieren sich zu einer Welle mit ungekannten Folgen. So lauteten zumindest die Warnungen. Auffällig ist, dass sich die meisten Rektoren nicht von dem Alarmismus anstecken lassen, dabei sind sie sonst die Ersten, die über eine zu hohe Auslastung klagen. »Ich hatte eher Sorge, dass die Welle nicht kommt«, sagt der Kölner Uni-Rektor Axel Freimuth. »Denn dann wären wir auf all dem Personal sitzen geblieben, das wir vorsorglich eingestellt haben.« Die Überfüllung der Aula, verspricht er, werde eine einmalige Sache bleiben: »Wir bekommen das hin.«

Ähnlich äußert sich Freimuths Heidelberger Kollege Bernhard Eitel. Zwar lägen die Einschreibezahlen über denen des Vorjahrs, »aber es herrscht keinerlei Chaos oder nicht zu bewältigender Andrang«. Von den »von vielen Seiten skizzierten Schreckensszenarien« sei man weit entfernt, vermeldet der Regensburger Rektor Thomas Strothotte. Ins Schwärmen gerät der Präsident der Hochschule Osnabrück, Andreas Bertram: Dank der »sehr guten« finanziellen Unterstützung des Bundeslandes habe man »frühzeitig und dauerhaft« zusätzliche Professoren einstellen und Baumaßnahmen zur Verbesserung der Studiensituation »zügig« umsetzen können. Erste Statistiken bestätigen die Rektoren in ihrer Gelassenheit: Wie im Vorjahr sind deutschlandweit etwa die Hälfte der Fächer mit einem NC belegt; bei den verlangten Noten gibt es zwar Ausschläge nach oben, aber keinen dramatischen Trend zu einer noch stärkeren Verknappung (siehe Kasten).

Der NC überrascht - positiv wie negativ

Je mehr Studienanfänger, desto höher der NC - sollte man meinen. Dass diese Binsenweisheit nicht immer zutrifft und dass es beim NC nur wenige allgemeingültige Regeln gibt, zeigt ein Beispiel der LMU in München. Im Fach BWL wurde der NC nach oben korrigiert. Er stieg von 2,0 auf 1,7. Mit einem überraschenden Nebeneffekt: Von den Abiturienten, die einen Studienplatz angeboten bekamen, griffen nur knapp 30 Prozent zu. Die Restplätze wurden im Nachrückverfahren vergeben. Das hatte zur Folge, dass auch Bewerber mit einem Abi-Schnitt von 2,5 einen Studienplatz bekamen. Trotzdem wirken sich die hohen Bewerberzahlen auf die NCs aus. In diesem Jahr haben deswegen an einigen Unis Fächer einen NC erhalten, die vorher zulassungsfrei waren: An der LMU sind das etwa Ethnologie und Gehörlosenpädagogik, an der Universität Bochum Mathe und Chemie. Gut die Hälfte der rund 6870 Bachelorstudiengänge ist momentan zulassungsbeschränkt. Die NCs, so berichten die Hochschulen aber, seien nicht dramatisch gestiegen - auch weil das Studienangebot vor allem in Bayern und Niedersachsen, den Bundesländern mit Doppeljahrgängen, ausgebaut wurde. Bei den BWLern in München etwa gibt es 30 Prozent mehr Plätze als bislang. Und so kann es dann sogar sein, dass der NC sinkt, wie beispielsweise bei den Juristen an der Universität Hannover geschehen. Irritierenderweise fallen bei den zentral vergebenen Studienfächern wie Medizin und Pharmazie die zusätzlichen Bewerber kaum ins Gewicht. Drastisch ist die Situation trotzdem: Auf einen Medizinstudienplatz kommen zum Wintersemester fünf Bewerber, im Vorjahr waren es 4,7, davor 4,4. Die Eins vor dem Komma ist da schon seit Jahren Pflicht.

Leonie Achtnich
Die vor Wochen gemeldeten Rekordzahlen bei den Bewerbern hatten gerade die Studentenverbände anderes befürchten lassen. »Offenbar hat sich die Diskussion um fehlende Studienplätze nochmals verstärkend auf das ohnehin inzwischen etablierte Verhalten ausgewirkt, sich bei möglichst vielen Universitäten gleichzeitig zu bewerben«, mutmaßt der Heidelberger Rektor Eitel. Mit dem Ergebnis, dass am Ende zwar die allermeisten einen Studienplatz bekommen, aber darauf womöglich bis weit ins Semester warten müssen. Ein Missstand übrigens, den ein bundesweites Vergabesystem längst hätte beseitigen sollen (siehe ebenfalls Kasten). Immerhin: Dem Chaos bei der Bewerbung, so scheint es, wird keines im Studienalltag folgen. Wer wissen will, warum die Unis die Rekord-Studentenzahl auf den zweiten Blick so überraschend gut haben bewältigen können, der kann über diese Frage lange mit Bildungsforschern reden. Es reicht aber auch, sich den Abi-Jahrgang des Herzog-Ernst-Gymnasiums in der niedersächsischen Stadt Uelzen anzusehen, den die ZEIT seit dem Frühjahr begleitet.

Dabei wird klar: Der als »Studentenberg« gefürchtete Ansturm war zu verkraften dank einer Mischung aus politischer Planung und der Flexibilität von Abiturienten, die sich all die öffentlichen Warnungen zu Herzen genommen haben. »Ich habe mir gedacht, wenn alle an die Unis stürmen, dann warte ich ein Jahr«, sagt Christoph Dietterle, 19. Während viele seiner Jahrgangskollegen gerade ihre Studentenzimmer einräumen, kommt er vom Fußballplatz. Dietterle gehört zu den 16.000 »Bufdis«, die als Erste den neuen Bundesfreiwilligendienst ableisten: in Altenheimen, Krankenhäusern, Kindergärten - und manchmal eben in einem Sportverein wie Dietterle. Vormittags sitzt er im Büro und pflegt die Website des Vereins, dann radelt er rüber ins Gymnasium und leitet die Fußball- und Tischtennis-AG, spät nachmittags kommt die Vereinsjugend zum Training. Einen Schiedsrichterlehrgang absolviert Dietterle auch noch. Nein, bereut habe er es bislang überhaupt nicht, sein Lehramtsstudium verschoben zu haben. »Im Gegenteil, die Erfahrungen hier helfen mir später enorm.«

Vor Einführung des Dienstes warnten die Träger des Freiwilligen Sozialen Jahrs noch, die staatliche Konkurrenz werde ihnen das Wasser abgraben. Jetzt zeigt sich: Der neue Dienst kam genau zur richtigen Zeit, denn dank des Rekordjahrgangs sind genug sozial engagierte junge Leute für alle da. Und für die Hochschulen bedeutet das zehntausendfach aufgeschobene Studium eine enorme Entlastung. Ebenso stark geholfen hat der sogenannte Hochschulpakt, infolgedessen der Bund Milliarden für mehr Studienplätze an die Länder überwiesen hat, die sich ihrerseits verpflichteten, die Hilfen aus Berlin zu kofinanzieren. 335 000 junge Leute zusätzlich sollen so bis 2015 studieren können - was trotzdem bei Weitem zu wenig sein könnte, wie etwa der Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, Dieter Dohmen, warnt. Er hält bis zu einer Million Plätze für nötig.

Doch während die Politik noch um eine Aufstockung des Paktes streitet, rufen die Hochschulen erst mal die Mittel ab, die schon da sind - und siehe da: »Die Chance, einen Studienplatz zu bekommen, war sogar besser als in den Vorjahren«, sagt Ernst Barke, Uni-Präsident in Hannover. 76 Prozent aller Bewerber seien zugelassen worden - gegenüber 72 Prozent im Vorjahr. Eine erstaunliche Nachricht ausgerechnet aus einem der zwei Bundesländer mit doppeltem Abi-Jahrgang. Zu den Neu-Hannoveranern zählt auch Christoph Dietterles Uelzener Klassenkameradin Anouk Fechner. Mit ihrem Abi-Schnitt von 2,7 hätte sie den Unkenrufen zufolge kaum noch einen Studienplatz ergattern dürfen. Doch sie wollte unbedingt studieren, am liebsten Jura und BWL, so hat sie sich, ganz im Sinne der viel beschworenen Flexibilität, an nicht weniger als 20 Hochschulen im ganzen Land beworben. Und wurde überrascht. »Ich habe gedacht, ich kriege vielleicht drei oder vier Zusagen«, sagt sie. »Es wurden zehn.« Dortmund, Bielefeld, Erfurt, Rostock, Wismar: Alle wollten sie haben. Als dann auch noch Hannover zusagte, war sie glücklich. »Mein Freund wohnt in Gladbeck, da kommt man von da aus gut hin.«

Jetzt sitzt die 19-Jährige in einer Altbauwohnung in der Südstadt, die sie mit einer Freundin gemietet hat, und erzählt, dass es den meisten aus ihrer Clique ähnlich ergangen sei wie ihr. »Die hatten alle ein Zweier-Abi, also wirklich Durchschnitt, und haben alle was Vernünftiges gefunden.« Dass Anouk Fechner so viele Zusagen ausgerechnet aus den neuen Ländern bekommen hat, ist ebenfalls kein Zufall. Der Geburtenknick nach der Wiedervereinigung hat die Abiturientenzahlen dort schon vor Jahren einbrechen lassen. Umso offensiver haben die Ostländer, unterstützt vom Bund, mit der millionenschweren Marketingkampagne »Studieren in Fernost« um Studienanfänger aus dem Westen geworben. Und das mit Erfolg. »Fast 30 Prozent unserer Anfänger kommen mittlerweile aus den Altbundesländern«, berichtet etwa der Rektor der Hochschule Magdeburg-Stendal, Andreas Geiger. Insgesamt hat sich seit 2008 die Zahl der Weststudenten in Sachsen-Anhalt um mehr als das Doppelte erhöht, in Sachsen gar um 150 Prozent. Auch das bedeutet mehr Luft für die Westhochschulen.

Also alles super auf dem Gipfel des Studentenbergs? Das dann doch nicht. Denn während die Hochschulen ihre Kapazitäten erweitern, kommt die Infrastruktur nicht hinterher: Das Deutsche Studentenwerk kritisiert überfüllte Mensen, in einigen Städten ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt katastrophal. Und auch wenn der Anteil der abgelehnten Bewerber offenbar nicht höher liegt als in den Vorjahren, für jeden Abiturienten, der durch das NC-Raster fällt, ist der Frust enorm. So steigen nicht nur die Fälle, in denen sich Betroffene einen Studienplatz vor Gericht erstreiten, es wächst auch die Kritik an der Praxis, die Abiturnote als Fallbeil einzusetzen. Das Paradoxe: »Je häufiger sich junge Leute ins Studium klagen, desto stärker setzen die Hochschulen auf den NC, weil sie den allein für gerichtsfest halten«, sagt Dietmar Waterkamp, Erziehungswissenschaftler an der TU Dresden. »Es wäre gut, wenn die Hochschulen den Spielraum, den sie haben, mehr nutzen würden und zum Beispiel einen Teil ihrer Plätze über Auswahlgespräche oder Eignungstests vergäben.« Allerdings sei die Abi-Note allein gesehen immer noch das am besten geeignete Kriterium.

Bei Medizin wird dieses Jahr 1,0 gefordert. Trotzdem hat sich auch die Uelzenerin Johanna Klingbeil, 19, um einen Platz beworben - und wider besseren Wissens still gehofft. Leider vergeblich. Doch so wie der ganze deutsche Abi-Jahrgang 2011 durch einen ungewöhnlichen Pragmatismus und Optimismus besticht, so hatte natürlich auch Klingbeil, die seit Jahren bei den Jusos mitarbeitet, einen Plan B: ein Politikstudium. Und mit dieser Bewerbung hatte sie Erfolg. Vor ein paar Tagen ist sie nach Göttingen gezogen, ihr Zimmer ist schon eingerichtet, und bevor die Vorlesungen losgehen, stehen Orientierungsveranstaltung, Stadtrallye und ein paar Partys auf dem Programm. Klar gehe sie auch zur Konkurrenz vom RCDS, sagt sie und lacht. Ob sie sich nächstes Jahr überhaupt noch mal für Medizin bewirbt, weiß sie nicht. Es scheint, die zweite Wahl ist schon dabei, zur ersten zu werden.

Aus DIE ZEIT :: 20.10.2011

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