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Mehr Lehre und Verwaltung, weniger Forschung - Arbeitsbedingungen von Hochschullehrern


VON CHONI FLÖTHER

Die Arbeitsbedingungen der Hochschullehrer haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Vor allem die Reformen von Lehre und Studium hatten weitreichende Folgen für das Zeitkontingent der Wissenschaftler. Ergebnisse einer Studie.

Mehr Lehre und Verwaltung, weniger Forschung - Arbeitsbedingungen von Hochschullehrern© shape - Photocase.deHochschullehrern bleibt weniger Zeit für das Wesentliche. Der Anteil für Verwaltungsaufgaben steigt weiter
Forschung & Lehre: 75 Prozent der Universitätsprofessoren konstatieren laut Ihrer Studie "Wandel von Lehre und Studium an deutschen Hochschulen" eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Was hat sich verschlechtert?

Choni Flöther: In unserer Studie haben wir nicht dezidiert gefragt, was sich verschlechtert hat, denn das zentrale Thema der Studie waren die Erfahrungen und Einschätzungen der Lehrenden mit der Studienstrukturreform. In diesem Rahmen wollten wir von den Lehrenden allerdings wissen, welche intendierten und nicht-intendierten Folgen des Veränderungsprozesses sie sehen. Ein erhöhter Arbeitsaufwand durch Bürokratisierung wird hier an erster Stelle genannt, gefolgt von einem höheren Beratungs- und Betreuungsaufwand.

F&L: Was hat sich in den letzten Jahren für den wissenschaftlichen Mittelbau und die Professoren bei der Verteilung der Arbeitszeit (Lehre, Forschung, Verwaltung etc.) verändert?

Choni Flöther: Betrachtet man die Verteilung der wöchentlichen Arbeitszeit auf die verschiedenen Arbeitsaufgaben, so zeigt sich insgesamt, dass während der Vorlesungszeit die Lehre den größten Anteil einnimmt (20 von insgesamt 50 Wochenstunden), während in der vorlesungsfreien Zeit die Forschung den ersten Stellenwert hat (21 von insgesamt 46 Wochenstunden). Diese Ergebnisse haben wir mit früheren Studien verglichen, die 1992 und 2007 am INCHER-Kassel durchgeführt wurden. Im Zeitverlauf zeigen sich Veränderungen, die auch die eben genannten Einschätzungen der Lehrenden hinsichtlich Bürokratisierung aber auch Beratungs- und Betreuungsaufwand widerspiegeln.

An den Universitäten hat sowohl die Zeit, die für Lehre aufgewendet wird, zugenommen als auch die Zeit für Verwaltungsaufgaben (einschließlich der akademischen Selbstverwaltung). Abgenommen hat hingegen die Zeit für Forschung als auch für sonstige Tätigkeiten. Damit unterscheiden sich die Ergebnisse deutlich von denen aus früheren Jahren. Die Studie zu Beginn der 1990er Jahre stellte einen steigenden Zeitanteil für Forschung fest, und das, obwohl auch damals die Studierendenzahlen wuchsen. In ihrer Befragung von 2007 konstatierten Jacob und Teichler einen Anstieg von "sonstigen" Aufgaben, einschließlich Verwaltungsaufgaben, zulasten der Lehre. Erstmalig sehen wir nun einen deutlichen Anstieg des Zeitaufwandes für die Lehre. Die gestiegenen Studierendenzahlen und die Umstellung auf das Bachelor/Master-System machen sich nun anscheinend bemerkbar und führen zu einem zeitlichen Mehraufwand in der Lehre. Der steigende Anteil für Verwaltungsaufgaben ist hingegen ein bereits bestehender Trend, der sich in den letzten Jahren weiter fortgesetzt hat.

F&L: Welchen Einfluss hat die zunehmende Bürokratisierung auf die Arbeitszufriedenheit der Lehrenden?

Choni Flöther: Interessant ist, dass diese Ergebnisse nicht dazu führen, dass sich die allgemeine Arbeitszufriedenheit der Lehrenden verschlechtern würde. Mehr als zwei Drittel der Professorinnen und Professoren bezeichnen sich als "zufrieden" oder "sehr zufrieden". Beim wissenschaftlichen Mittelbau ist die berufliche Zufriedenheit etwas geringer. Im Vergleich mit den Ergebnissen der früheren Hochschullehrerbefragungen zeigt sich, dass die berufliche Zufriedenheit heute weitgehend gleich ist wie vor zwei Jahrzehnten. Den deutlichsten Einfluss auf die berufliche Zufriedenheit haben Charakteristika der beruflichen Situation, vor allem die berufliche Autonomie, aber auch Statusdimensionen (Einkommen/Aufstiegsmöglichkeiten) und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Dagegen spielen Fragen der Ausstattung/Ressourcen, strukturelle Aspekte der Beschäftigungssituation und soziodemographische Merkmale der Befragten nur eine geringe Rolle. Auffallend ist allerdings, dass sich eine befristete Beschäftigung deutlich negativ auf die berufliche Zufriedenheit auswirkt. Auch die Erfahrungen mit den Veränderungen in Lehre und Studium der letzten Jahre spielen nur eine geringe Rolle für die berufliche Zufriedenheit. Wir schließen daraus, dass die kritische Haltung vieler Lehrender zu den wahrgenommenen Veränderungen den Kern ihres professionellen Selbstverständnisses im Wesentlichen nicht berührt.

F&L: Wie bewertet das Hochschulpersonal die materielle und personelle Ausstattung an den Hochschulen?

Choni Flöther: Es gibt einzelne Ressourcen, die weitgehend positiv eingeschätzt werden, wie Computerausstattung, Sekretariate oder Bibliotheken. Aspekte, die man als "Basics" des individuellen Arbeitsumfeldes bezeichnen kann. Anders sieht es hingegen bei der grundlegenden materiellen und personellen Ausstattung aus: über die Hälfte der Lehrenden bewertet die vorhandenen Ressourcen zur Unterstützung der Lehre sowie der Forschung schlecht oder sehr schlecht. Dies gilt für die personelle und finanzielle Ausstattung, aber z.B. auch für Lernräume für Studierende. So ist es nicht überraschend, dass bei der Frage nach wichtigen Aspekten für die Weiterentwicklung der Hochschulen die Ausstattung mit mehr Personal in Forschung und Lehre mit Abstand an erster Stelle genannt wird.


Über die Autoren
Dr. Choni Flöther leitet den Forschungsbereich "Studierenden und Absolvent/-innen" des International Centre for Higher Education Research (INCHER) an der Universität Kassel. 2013 veröffentlichte sie mit Harald Schomburg und Vera Wolf die Ergebnisse der Studie "Wandel von Lehre und Studium an deutschen Hochschulen".

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2014

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