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»Sympathie und Vorurteile« - Diskriminierung im Bewerbungsprozess

Das Gespräch führte KATHRIN FROMM

Der Arbeitsrechtler Ingo Frieters erklärt, was sich Bewerber gefallen lassen müssen - und wann sie sich wehren dürfen.

»Sympathie und Vorurteile«© Jörg Lantelme - Fotolia.comAnonymisierte Bewerbungen führen zu einer diskriminierungsfreieren und qualitätsfördernden Bewerberauswahl
DIE ZEIT: Abgelehnt wegen ein paar Zentimetern zu wenig oder ein paar Kilogramm zu viel: Ist das jetzt Pech oder Diskriminierung?

Ingo Frieters: Unter Paragraf 1 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) stehen folgende Gründe: Alter, Behinderung, Geschlecht, ethnische Herkunft, Religion oder Weltanschauung, sexuelle Identität.

ZEIT: Klingt eindeutig. Warum fallen die Urteile dann so unterschiedlich aus?

Frieters: Nicht immer zeigt sich eine Diskriminierung auf den ersten Blick wie im Fall des taz-Volontariats. Die Stelle war für eine Frau ausgeschrieben, der Bewerber war aber ein Mann, also liegt klar eine unmittelbare Diskriminierung aufgrund des Geschlechts vor. Es gibt aber auch noch die mittelbare Diskriminierung, und die ist schwerer zu erkennen.

ZEIT: Das heißt?

Frieters: Eine Stellenbeschreibung wirkt neutral, trotzdem benachteiligt sie bestimmte Gruppen stärker. Das trifft im Fall der Lufthansa-Bewerberin zu. Grundsätzlich ist es erlaubt, eine bestimmte Körpergröße für eine Stelle zu fordern. Weil aber Frauen in der Regel kleiner sind als Männer, sind sie faktisch von einer solchen Regelung überproportional stark betroffen.

ZEIT: Schüler mit türkisch klingenden Namen müssen mehr Bewerbungen schreiben als Schüler mit deutschen Namen, um zu Vorstellungsgesprächen eingeladen zu werden. Wie kann man beweisen, dass man wegen seines Namens abgelehnt wurde?

Frieters: Das ist in der Tat schwierig. Laut AGG müssen Sie zwar lediglich Indizien liefern, die den Schluss zulassen, dass Sie diskriminiert worden sein könnten. Eine Absage und ein türkischer Name reichen als Indizien aber nicht aus.

ZEIT: Was brauchte man dann?

Frieters: Ein Indiz könnte sein, dass in der Stellenausschreibung »Deutsche Bewerber bevorzugt« steht.

ZEIT: Gibt es denn Fälle, die etwas weniger eindeutig sind?

Frieters: Wenn auf die Muttersprache Bezug genommen wird, die Sprachkenntnisse aber keinen direkten Bezug zur Stelle haben.

ZEIT: Diskriminiert wird auch in den Vorstellungsgesprächen. Was geht hier gar nicht?

Frieters: Unzulässig sind Fragen nach der sexuellen Orientierung oder der Religionszugehörigkeit. Darauf muss ein Bewerber nicht eingehen, er darf sogar das Blaue vom Himmel lügen. Eine Ausnahme besteht bei Tendenzbetrieben.

ZEIT: Das sind?

Frieters: Zum Beispiel kirchliche Gemeinschaften oder politische Parteien. Wer sich für eine Stelle im Sekretariat der CDU bewirbt und gefragt wird, ob er Mitglied einer anderen Partei ist, dürfte nicht verschweigen, dass er der Linken angehört.

ZEIT: In den USA sind aus Diskriminierungsgründen anonymisierte Bewerbungen üblich, in der Regel ohne Bild, meist wird nicht einmal das Alter genannt. Wird diese Form der Bewerbung auch in Deutschland kommen?

Frieters: Ich halte das für keine schlechte Lösung. Ein Bewerbungsverfahren soll eine Bestenauslese sein, da kommt es zunächst auf Qualifikationen an, die sich anhand von Zeugnissen nachweisen lassen. Wenn die in anonymisierter Form vorliegen, werden zumindest auf der ersten Stufe der Bewerbung Sympathie und Vorurteile ausgeschlossen. Meiner Meinung nach führt das nicht nur zu einer diskriminierungsfreieren, sondern ebenso zu einer qualitätsfördernden Auswahl. Und das ist ja auch im Sinne der Arbeitgeber.

Aus DIE ZEIT :: 03.07.2014

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