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Arbeitsteilung

VON CHRISTOPH DRÖSSER

Das Wissenschaftsjahr darf die Atomfrage nicht ausblenden

Arbeitsteilung© Fubby - Photocase.comIst eine saubere grüne Zukunft trotz der Atompolitik der Bundesregierung möglich?
Für alle, die es noch nicht wussten: Wir befinden uns im »Jahr der Energie«, ausgelobt vom Bundesforschungsministerium. Seit Monaten beschwören da allerlei Veranstaltungen eine saubere grüne Zukunft. Manche sind eher symbolischer Natur: So platzierte man für 30 Tage einen Eisblock auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Wie schnell schmilzt der wohl? Am Samstag will Ministerin Annette Schavan nachschauen. Da der Würfel recht gut gedämmt ist, wird noch eine Menge Eis übrig sein.

Im Gegensatz dazu schmilzt das Vertrauen der Bürger in die Energiepolitik der Bundesregierung noch schneller als die Polkappen, wie die Demonstration von 100 000 Atomgegnern vor einer Woche gezeigt hat. Die Regierung erfährt kräftigen Gegenwind für die Laufzeitverlängerung der Atommeiler, für die Ratlosigkeit bei der Endlagerung von Strahlenmüll. Wer aber auf der Website des Energiejahrs nach den Stichworten »Atomenergie« oder »Endlager« sucht, der findet - nichts. Die heißesten aktuellen Energiethemen werden ausgeblendet, die Veranstaltung wirkt im Moment seltsam aus der Zeit gefallen.

Dabei gibt es im Forschungsministerium durchaus Konzepte, wie die Übergangszeit zu gestalten wäre - aber die hängt man nicht an die große Glocke, seit sich die Medien im vergangenen Jahr just die wenigen abgewogenen Absätze zur Kernenergie herauspickten. Die Regierung betreibt eine Art Arbeitsteilung: Forschungsministerin Schavan entwickelt wolkige Visionen, Umweltminister Röttgen trägt ökologische Bedenken - und Wirtschaftsminister Brüderle besorgt zusammen mit den Energiekonzernen das schmutzige Tagesgeschäft. An diesem Wochenende gipfelt das Jahr in einem »Tag der Energie«. Sollten da nur schmelzende Eisblöcke bestaunt und das Lied der Ökozukunft gesungen werden, wäre das definitiv zu wenig.

Aus DIE ZEIT :: 23.09.2010

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