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Einmal Arbeitszeit abheben, bitte!

VON JUSTUS VON DANIELS

Ein Konto, auf dem man Tage ansparen kann, um sie später zu nutzen? Klingt verlockend - zumindest für Arbeitnehmer.

Einmal Arbeitszeit abheben, bitte!© seandeburca - iStockphoto.comWas wäre, wenn man frei über seine Stunden verfügen könnte?
Als Tina Krifka im Januar einen Blick auf ihr Konto warf, hatte sie ein Guthaben von sieben Monaten. Eine ganz hübsche Summe nach zwei Jahren mit vielen langen Tagen im Büro. Drei Monate will Krifka jetzt davon abheben. Die Auftragslage ist stabil, eine neue Auszubildende entlastet die Kollegen. »Ein guter Zeitpunkt, um mal auszusteigen«, sagt die 32-jährige Leiterin der Gehaltsabteilung der Software AG. Sie will eine Reise machen mit ihren Eltern, die sie in den letzten Jahren zu wenig gesehen hat. Sie will Luft holen nach sieben Jahren in der Firma. Während der Auszeit wird sie weiterhin ihr Gehalt bekommen. Schließlich hat sie auf ein Langzeitkonto eingezahlt.

Die Idee, dass Arbeitnehmer Flexibilität brauchen, um phasenweise mehr Zeit für sich, ihre Familie oder eine Weiterbildung zu haben, gibt es bereits seit den 1990er Jahren. Bis dahin war Arbeitszeit ein enges Korsett, das kaum Freiräume ließ; Männer schloss es ein, Frauen zum großen Teil aus. Mit dem Verschwinden der linearen Erwerbsbiografie jedoch entstand das Bedürfnis, Beruf und Privatleben besser zu vereinbaren. Der Begriff der Lebensverlaufsperspektive kam in Mode. Dabei geht es um mehr als um ein einzelnes Sabbatical, bei dem der überarbeitete Manager für drei Monate den Jakobsweg abschreitet und voller Tatendrang wieder an den Schreibtisch zurückkehrt.

Im Laufe des Lebens haben Menschen zu verschiedenen Zeiten verschiedene Bedürfnisse. Ein junger Berufsanfänger ohne Familie hat vielleicht kein Problem damit, die ein oder andere Überstunde zu machen; junge Väter und Mütter hingegen würden gern ein paar Jahre lang nur 20 Stunden pro Woche arbeiten. Sind die Kinder größer, ist wieder mehr Zeit für die Arbeit - bis die eigenen Eltern hilfsbedürftig werden und mehr Aufmerksamkeit verlangen. Die Erwerbszeit an diese Lebensphasen anzupassen, ohne in Auszeiten auf das Gehalt verzichten zu müssen - für Arbeitnehmer ist das eine attraktive Vorstellung.

In der Theorie ist die Idee von Langzeitarbeitskonten auch faszinierend einfach: Beschäftigte arbeiten in bestimmten Lebensphasen mehr und sparen Zeit auf einem Konto an. Später können sie auf dieses Konto bei Bedarf zurückgreifen und die vorgearbeitete Zeit für sich nutzen. Das Einkommen ist in beiden Phasen gleich, der Arbeitsplatz bleibt voll erhalten. Das Langzeitkonto schafft ein anderes Selbstverständnis für Auszeiten. Ein Mitarbeiter verfügt eigenständig über sein Zeitbudget und kann in Absprache mit seinen Kollegen guten Gewissens seine Auszeit planen. Er hat sich die freie Zeit ja verdient. Zum Beispiel indem er an einem Projekt mit vielen Überstunden gearbeitet hat. Anstatt sich diese auszahlen zu lassen, hat er sie auf sein Konto gelegt. In einigen Jahren sammeln sich so ein paar Monate an.

Über 163.000 Stunden liegen derzeit auf der Langzeit-»Bank« der Software AG. Mit über 4.600 Mitarbeitern ist der Darmstädter Konzern eines der größten Softwareunternehmen Europas. 2001 wurden dort die Langzeitkonten eingeführt, fast alle Mitarbeiter zahlen darauf ein. Allerdings ist Tina Krifka eine der wenigen, die während ihres Erwerbslebens davon abhebt. Die meisten Mitarbeiter nehmen von der angesparten Zeit einfach ein paar Urlaubstage zusätzlich, ein Drittel will früher in Rente gehen.

Tatsächlich dachte man in den Personalabteilungen bei der Einführung der Lebensarbeitszeitkonten auch eher an solche Fälle. Ein Fünftel aller deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern bietet solche Konten an. Dabei ging es in erster Linie darum, den Mitarbeitern eine möglichst günstige Vorruhestandsregelung zu ermöglichen. Die Unternehmen konnten so Zuschläge für Überstunden vermeiden, und ihre Personalabteilungen mussten sich nicht um spontane Ausfallzeiten kümmern.

Schon dieses System birgt allerdings Probleme. Andreas Hoff ist einer, der die Einführung der Langzeitkonten von Anfang an begleitet hat und heute ziemlich ernüchtert ist. Als Arbeitszeitberater hat er seit den neunziger Jahren Personalmanager großer Unternehmen darin geschult, Mitarbeiter durch solche Konten an sich zu binden. Bald saßen jedoch immer mehr Vertreter von Finanzdienstleistern in seinen Seminaren, die ein neues Geschäftsfeld für sich entdeckten.

Zeitkonten sind nämlich auch eine Wertanlage - und das macht dieses Modell ziemlich kompliziert. Eine Stunde Arbeitszeit ist nicht einfach eine Stunde auf einem Konto. Arbeitszeit ist ein Wert, der entlohnt wird. Und um den zu ermitteln, wird die gesparte Zeit in Geld umgerechnet. Bei der Auszahlung wird dieses wieder in Zeit konvertiert. Es wird also ein Zeitwertkonto geführt, das wie jedes Konto auch verzinst wird. Arbeitgeber müssen das machen, um bei einer Insolvenz den Verlust des Kontos zu verhindern. Denn Zeit kann man nach einer Pleite nicht mehr auszahlen, Geld aber schon.

Das bedeutet einen hohen Aufwand für kleine und mittelgroße Betriebe: Sie müssen langfristige Rücklagen bilden. Ein externer Treuhänder muss mit der Absicherung der Guthaben beauftragt werden, ein Finanzdienstleister soll für eine Steigerung der Wertguthaben sorgen. Hoff fiel noch etwas anderes auf: Die Konten eignen sich auch als Steuersparmodell - und wurden als solches auch von Banken für ihre Manager eingerichtet. Bei der Deutschen Bank heißt das Programm bezeichnenderweise Zeitinvest. Das Gehalt wird unversteuert auf die Zeitkonten übertragen, und mit unversteuertem Geld wird die Anlagesumme höher. Für Manager mit Spitzengehältern eine clevere Art, Steuern fürs eigene Investment zu nutzen.

Die Langzeitkonten haben also viele Effekte, nur scheinbar nicht den, den sie haben sollten. Bei der Software AG liege das auch an den Mitarbeitern selbst, sagt die Personalchefin Bärbel Schäfer: »Das Denken in Lebensphasen ist bislang noch nicht sehr präsent.« Die Arbeitnehmer seien noch nicht vertraut mit längeren Auszeiten im Beruf und fürchteten, durch eine Fehlzeit abgehängt zu werden.

Würden sie ihre Auszeiten stärker einfordern, würde das allerdings wiederum die Unternehmen in die Bredouille bringen. Große Konzerne wie die Software AG können sich den Aufwand leisten, Abwesenheiten aufzufangen. Für kleinere Betriebe ist diese Herausforderung jedoch kaum zu meistern. »Die Einrichtung von Langzeitkonten ist voraussetzungsreich«, sagt Philip Wotschack, der am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) eine Studie dazu durchgeführt hat. »Und diese Voraussetzungen sind in vielen Betrieben nicht gegeben.« 15 Jahre nach der Einführung haben daher nur rund zwei Prozent der Firmen in Deutschland Langzeitkonten eingerichtet.

Und noch etwas kommt hinzu: Die Arbeitswelt ist flexibler geworden. Arbeitnehmer wechseln zwischen Unternehmen, Branchen und Ländern hin und her; immer weniger Menschen verbringen ihre komplette Erwerbsbiografie in einem einzigen Betrieb. Arbeitszeitkonten aber sind schwer übertragbar - was kümmert es die nächste Firma, wie viele Überstunden jemand bei der vorherigen absolviert hat? Die Idee, langfristig anzusparen, scheitert an der Kurzfristigkeit des heutigen Arbeitslebens.

Der Automobilhersteller BMW setzt daher lieber auf individuelle Vereinbarungen. »Wir haben Bausteine für die verschiedenen Lebensphasen, die jeweils auf die Beschäftigten zugeschnitten werden können«, sagt Jürgen Lipp, der den Bereich Arbeitszeit leitet. Auszeiten werden zum Beispiel über ein reguläres Zeitkonto oder das Programm Vollzeit select ermöglicht, den Kauf zusätzlicher Urlaubstage.

Auch wenn solche Regelungen nicht nach dem großen Wurf klingen: Sie seien um einiges praxistauglicher als das Langzeitkontenmodell, sagt der Arbeitszeitberater Andreas Hoff. Wichtig sei es, die Idee der unterschiedlichen Verteilung von Arbeitszeit in den einzelnen Lebensphasen weiterzuverfolgen. Denn das Bedürfnis nach Flexibilität werde zunehmen.

Das erlebt Tina Krifka auch bei der Software AG. Immer häufiger wenden sich inzwischen auch jüngere Kollegen an die Leiterin der Gehaltsabteilung, die ihre angesparte Zeit schon bald nutzen wollen. Das bedeutet eine Menge Arbeit für Personalverantwortliche wie Tina Krifka. Wenn sie denn erst einmal von ihrer dreimonatigen Reise zurückkommt.

Aus DIE ZEIT :: 31.07.2014

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